128 Ideen oder das Buch Le Grand.
Kapitel xvi.
Als ich zu Godesberg ankam, setzte ich mich wieder zu den Füßenmeiner schönen Freundin, — und neben mich legte sich ihr brannerDachshund — und wir beide sahen hinauf in ihr Auge.
Heiliger Gvit! in diesem Auge lag alle Herrlichkeit der Erdeund ein ganzer Himmel obendrein. Vor Seligkeit hatte ich sterbenkönnen, während ich in jenes Auge blickte, und starb ich in solchemAugenblicke, so flog meine Seele direkt in jenes Auge. O, ich kannjenes Auge nicht beschreiben! — Ich will mir einen Poeten, der NorLiebe verrückt geworden ist, aus dem Tollhanse kommen lassen, da-mit er ans dem Abgrund des Wahnsinns ein Bild heraushole, womitich jenes Auge vergleiche — Unter uns gesagt, ich wäre wohl selbstverrückt genug, daß ich zu einem solchen Geschäfte keines Gehilfenbedürfte. (Zock ck—n! sagte mal ein Engländer, wenn sie einen sorecht ruhig von oben bis unten betrachtet, so schmelzen einem diekupfernen Knöpfe des Fracks und das Herz obendrein. ?—s! sagteein Franzose, sie hat Augen von größtem Kaliber, und wenn so eindrcißigpfünder Blick herausschießt, krach! so ist man verliebt. Dawar ein rotkvpfiger Advokat aus Mainz, der sagte: Ihre Augen sehenaus wie zwei Tassen schwarzer Kaffee — Er wollte etwas sehr Süßessagen, denn er warf immer unmenschlich viel Zucker in seinen Kaffee —Schlechte Vergleiche!
Ich und der braune Dachshund lagen still zu den Füßen derschönen Frau, und schauten und horchten. Sie saß neben einemalten eisgrauen Soldaten, einer ritterlichen Gestalt mit Qncrnarbenans der gefurchten Stirn. Sic sprachen beide von den sieben Bergen,die das schöne Abendrot bestrahlte, und von dem blauen Rhein, derunfern groß und ruhig vorbciflntete. — Was kümmerte uns dasSiebcngebirge und das Abendrot und der blaue Rhein und die scgcl-weißen Kähne, die darauf schwammen und die Musik, die aus einemKahne erscholl, und der Schafskopf von Student, der darin so schmel-zend und lieblich sang — ich und der braune Dachs, wir schautenin das Auge der Freundin und betrachteten ihr Antlitz, das aus denschwarzen Flechten und Locken, wie der Mond aus tmnkeln Wolken,rosigbleich hcrvorglänzte — Es waren hohe griechische Gesichtszüge,kühngewölbte Lippen, umspielt von Wehmut, Seligkeit und kindischerLaune, und wenn sie sprach, so wurden die Worte etwas tief, fastseufzend angehaucht und dennoch ungeduldig rasch hervorgestoßen —und wenn sie sprach, und die Rede wie ein warmer, heiterer Blumen-regen aus dem schönen Munde hernicderflockte — o! dann legte sichdas Abendrot über meine Seele, es zogen hindurch mit klingendemSpiel die Erinnerungen der Kindheit, vor allem aber, wie Glöcklein,erklang in mir die Stimme der kleinen Veronika — und ich ergriff