Ideen oder das Buch Lc Grand. 119
was ich in diesem Augenblick denke und fühle, kann morgen mittagschon Makulatur sein.
Sie haben leicht reden, Madame, wenn Sie mich an das Horazischenonunr xrsmntnr in annrun erinnern. Diese Regel mag, wie mancheandere der Art, sehr gut in der Theorie gelten, aber in der Praxistaugt sie nichts. Als Horaz dem Autor die berühmte Regel gab,sein Werk neun Jahre im Pult liegen zu lassen, hätte er ihm auchzu gleicher Zeit das Rezept geben sollen, wie man nenn Jahre ohneEssen zubringen kann. Als Horaz diese Regel ersann, saß er vielleichtan der Tafel des Mäcenas und ah Truthahne mit Trüffeln, Fasanen-Pudding in Wildbrctsauce, Lerchcnrippchen mit Teltower Rübchen,Pfauenzungen, indische Vogelnester, und Gott weiß! was noch mehr,und alles umsonst. Aber wir, wir unglücklichen Spätgeborcncn,nur leben in einer andern Zeit, unsere Mäcenatcn haben ganz anderePrinzipien, sie glauben, Autoren und Mispeln gedeihen am besten,wenn sie einige Zeit ans dem Stroh liegen, sie glauben, die Hundetaugten nicht auf der Bilder- und Gedankcnjagd, wenn sie zu dickgefüttert würden, ach! und wenn sie ja mal einen armen Hundfüttern, so ist es der unrechte, der die Brocken am wenigsten verdient,z. B. der Dachs, der die Hand leckt, oder der winzige Bologneser, dersich in den duftigen Schoß der Hausdame zu schmiegen weiß, oderder geduldige Pudel, der eine Brvtwissenschaft gelernt und apportieren,tanzen und trommeln kann. — Während ich dieses schreibe, stehthinter mir mein kleiner Mops und bellt — Schweig nur, Ami, dichHab' ich nicht gemeint, denn du liebst mich und begleitest deinen Herrnin Not und Gefahr und würdest sterben auf seinem Grabe, ebensotreu wie mancher andere deutsche Hund, der, in die Fremde verstoßen,vor den Thoren Deutschlands liegt und hungert und wimmert —Entschuldigen Sie, Madame, daß ich eben abschweifte, um meinemarmen Hunde eine Ehrenerklärung zu geben, ich komme wieder aufdie Horazische Regel und ihre Unnnwendbarkeit im neunzehnten Jahr-hundert, wo die Poeten das Schürzenstipendinm der Muse nicht ent-behren können — Na toi, Madame! ich könnte es keine 24 Stunden,viel weniger neun Jahre aushalten, mein Magen hat wenig Sinnfür Unsterblichkeit, ich Hab' mir's überlegt, ich will nur Halb unsterb-lich und ganz satt werden, und wenn Voltaire dreihundert Jahreseines ewigen Nachruhms für eine gute Verdauung des Essens hin-geben möchte, so biete ich das Doppelte für das Essen selbst. Ach!und was für schönes, blühendes Essen gicbt es ans dieser Welt! DerPhilosoph Pangloß hat recht: es ist die beste Welt! Aber man mußGeld in dieser besten Welt haben, Geld in der Tasche und nicht Mann-skripte im Pult. Der Wirt im König von England, Herr Marr, istselbst Schriftsteller und kennt nnch die Horazische Regel, aber ich glaubenicht, daß er mir, wenn ich sie ausüben wollte, neun Jahre zu essen gäbe.