112 Ideen oder das Buch Le Grand.
hörte wieder den Kanonendonner, das Pfeifen der Kugeln, den Lärmder Schlacht, ich sah wieder den Todesmut der Garde, ich sah wiederdie flatternden Fahnen, ich sah wieder den Kaiser zu Roß — aberallmählich schlich sich ein trüber Ton in jene freudigsten Wirbel, ausder Trommel drangen Laute, worin das wildeste Jauchzen und dasentsetzlichste Trauern unheimlich gemischt waren, es schien ein Sieges-marsch und zugleich ein Totenmarsch, die Augen Le Grands öffnetensich geisterhaft weit, und ich sah darin nichts als ein Ivettes, weißesEisfeld, bedeckt mit Leichen — es war die Schlacht bei der Moßkwa,
Ich hatte nie gedacht, daß die alte, harte Trommel so schmerz-liche Laute von sich geben könnte, wie jetzt Monsieur Le Grand daraushervorznlockcn wußte. Es waren getrommelte Thronen, und sie töntenimmer leiser, und wie ein trübes Echo brachen tiefe Seufzer aus derBrust Le Grands. Und dieser wurde immer matter und gespenstischer,seine dürren Hände zitterten vor Frost, er saß wie im Traume, undbewegte mit seinen Trommelstöcken nur die Luft, und horchte wie ansferne Stimmen, und endlich schaute er mich an mit einem tiefen,abgrundtiefen, flehenden Blick — ich verstand ihn — und dann sanksein Haupt herab auf die Trommel.
Monsieur Le Grand hat in diesem Leben nie mehr getrommelt.Auch seine Trommel hat nie mehr einen Ton von sich gegeben, siesollte keinem Feinde der Freiheit zu einem servilen Zapfenstreichdienen, ich hatte den letzten, flehenden Blick Le Grands sehr gut ver-standen, und zog sogleich den Degen ans meinem Stock und zerstachdie Trommel.
Kapitel XI.
Du sublirus nu rrckteuls II u'z- n gu'uu pns, Nncinurs!
Aber das Leben ist im Grunde so fatal ernsthaft, daß es nichtzu ertragen märe ohne solche Verbindung des Pathetischen mit demKomischen. Das wissen unsere Poeten. Die grauenhaftesten Bilderdes menschlichen Wahnsinns zeigt uns Aristophanes nur im lachendenSpiegel des Witzes, den großen Denkerschmerz, der seine eigene Nich-tigkeit begreift, wagt Goethe nur mit den Knittelversen eines Puppen-spiels auszusprechen, und die tödlichste Klage über den Jammer derWelt legt Shakespeare in den Mund eines Narren, während er dessenSchellenkappe ängstlich schüttelt.
Sie haben's alle dem großen Nrpveten abgesehen, der in seinertansendaktigen Welttragödie den Humor aufs höchste zu treiben weiß,wie nur es täglich sehein — nach dem Abgang der Helden kommen dieClowns und Graziosos mit ihren Narrenkolben und Pritschen, nachden blutigen Revolutionsscenen und Kaiseraktivncn kommen wiederherangewnlschelt die dicken Bonrbvnen mit ihren alten abgestandenenSpäßchcn und zart-legitimen Bonmots, und graziös hüpft herbei die