Druckschrift 
5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
111
Einzelbild herunterladen
 

Ideen oder das Buch Le Grand. III

die, im russischen Kriege als Gefangene nach Sibirien geschleppt, dortmehrere lange Jahre, obgleich schon Frieden war, zurückgehaltenworden und seht erst heimkehrten. Als ich aufsah, erblickte ich wirk-lich diese Waisenkinder des Ruhmes; durch die Risse ihrer zerlumptenUniformen lauschte das nackte Elend, in ihren verwitterten Gesichternlagen tiefe, klagende Augen, und obgleich verstümmelt, ermattet undmeistens hinkend, blieben sie doch noch immer in einer Art mili-tärischen Schrittes, und, seltsam genug! ein Tambour mit einerTrommel schwankte voran; und mit innerem Grauen ergriff mich dieErinnerung an die Sage von den Soldaten, die des Tags in derSchlacht gefallen und des Nachts wieder vom Schlachtfelde aufstehenund mit dem Tambour an der Spähe nach ihrer Vaterstadt mar-schieren, und wovon das alte Volkslied singt:

„Er schlug die Trommel ans und nieder,

Sie sind vorm Nachtquartier schon wieder,

Ins Gäßlcin hell hinaus,

Tralleri, trallerei, trällern,

Sic ziehn vor Schätzels HauS.

Da stehen morgens die GebeineIn Reih' und Glied wie Leichensteine,

Die Trommel geht voran,

Tralleri, trallerei, trällern,

Daß sie ihn sehen kann."

Wahrlich, der arme französische Tambour schien halb verwest ausdem Grabe gestiegen zn sein, es war nur ein kleiner Schatten ineiner schmutzig zerfetzten grauen Kapotte, ein verstorben gelbes Ge-sicht mit einem großen Schnurrbarte, der wehmütig hcrabhing überdie verblichenen Lippen, die Augen waren wie verbrannter Zunder,worin nnr noch wenige Fünkchcn glimmen, und dennoch, an einemeinzigen dieser Fünkchen erkannte ich Monsieur Le Grand.

Er erkannte auch mich, und zog mich nieder auf den Rasen, undda saßen wir wieder wie sonst, als er mir ans der Trommel diefranzösische Sprache und die neuere Geschichte docierte. Es war uvchimmer die wohlbekannte alte Trommel, und ich konnte mich nichtgenug wundern, wie er sie vor russischer Habsucht geschützt hatte. Ertrommelte jetzt wieder wie sonst, jedoch ohne dabei zu sprechen. Warenaber die Lippen unheimlich zusammengekniffen, so sprachen desto mehrseine Augen, die sieghaft aufleuchteten, indem er die alten Märschetrommelte. Die Pappeln neben uns erzitterten, als er wieder denroten Guillotinenmarsch erdröhnen ließ. Auch die alten Freiheits-kämpfe, die alten Schlachten, die Thaten des Kaisers trommelte erwie sonst, und es schien, als sei die Trommel selber ein lebendigesWesen, daS sich freute, seine innere Lust aussprechen zu können. Ich