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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
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110 Ideen oder das Buch Le Grand.

lustig wie sonst durch den Hofgarten tänzelte, mit der einen Handden linken Rockschoß in die Höhe haltend, mit der andern Hand seindünnes Rohrstöckchcn hin und her schwingend; es war noch immerdasselbe freundliche Gesichtchcn, dessen Rosenrote sich nach der Nasehin konzentriert, eS war noch immer das alte Kegelhütchen, es warnoch immer das alte Zöpfchen, nur daß ans diesem seht einige weißeHärchen, statt der ehemaligen schwarzen Härchen, hervorkamen. Aberja vergnügt er auch aussah, so wußte ich dennoch, daß der armeBaron unterdessen viel Kummer ausgestanden hatte, sein Gesichtchcnwollte es mir verbergen, aber die weißen Härchen seines Zäpfchenshaben es mir hinter seinem Rücken verraten. Und das Zöpfchen selberhätte es gerne wieder abgeleugnet und wackelte gar wehmütig lustig.

Ich war nicht müde, aber ich bekam doch Lust, mich noch eiinmal ans die hölzerne Bank zu setzen, in die ich einst den Namenmeines Mädchens eingeschnitten. Ich konnte ihn kaum wiederfinden,es waren so viele neue Namen darüber hingeschnitzelt. Ach! einstwar ich auf dieser Bank eingeschlafen und träumte von Glück undLiebe. „Träume sind Schäume." Auch die alten Kinderspiele kamenmir wieder in den Sinn, auch die alten, hübschen Märchen! aber einneues falsches Spiel, und ein neueS häßliches Märchen klang immerhindurch, und es war die Geschichte von zwei armen Seelen, dieeinander untren wurden, und es nachher in der Treulosigkeit so weitbrachten, daß sie sogar dem lieben Gvtt die Treue brachen. ES isteine böse Geschichte, und wenn man just nichts Besseres zu thunweiß, kann man darüber weinen. O Gott! einst war die Welt sohübsch, und die Vögel sangen dein ewiges Lob, und die kleine Veronikasah mich an mit stillen Augen, und wir saßen vor der marmornenStatue auf dem Schloßplatz — auf der einen Seite liegt das alte,verwüstete Schloß, worin es spukt und nachts eine schwarzseideneDame ohne Kopf mit langer, rauschender Schleppe herumwandclt;ans der andern Seite ist ein hohes weißes Gebäude, in dessen oberenGemächern die bunten Gemälde mit goldenen Rahmen wunderbarglänzten, und in dessen Untergeschosse so viele tausend mächtige Bücherstanden, die ich und die kleine Veronika oft mit Neugier betrachteten,wenn uns die fromme Ursula an die großen Fenster hinanhob —späterhin, als ich ein großer Knabe geworden, erkletterte ich dort täglichdie höchsten Leitersprossen, und holte die höchsten Bücher herab undlas darin so lange, bis ich mich vor nichts mehr, am wenigsten vorDamen ohne Kopf, fürchtete, und ich wurde so gescheit, daß ich allealten Spiele und Märchen und Bilder und die kleine Veronika undsogar ihren Namen vergaß.

Während ich aber, ans der alten Bank des Hofgartens sitzend,in die Vergangenheit znrücktränmte, hörte ich hinter mir verworreneMenschcnstimmen, welche das Schicksal der armen Franzosen beklagten,