Jdecn oder das Buch Le Grand. 95
die Namen wisse, so gab sie lächelnd zur Antwort, sie habe sie vonden Vögeln erfahren, die an den Fliesen ihres Fensters nisteten —und sie wollte mich gar glauben machen, dieses seien die nämlichenVögel, die ich einst als Knabe mit meinem Taschengelde den hart-herzigen Bauernjnngen abgekauft habe und dann frei fortfliegen lassen.Ich glaube aber, sie wußte alles, weil sie so blaß war und wirklichbald starb. Sie wußte auch, wann sie sterben würde, und wünschte,daß ich Andernach den Tag vorher verlassen möchte. Beim Abschiedgab sie mir beide Hände — es waren weiße, süße Hände, und reinwie eine Hostie — und sie sprach: Du bist sehr gut, und wenn duböse wirst, so denke wieder an die kleine, tote Veronika.
Haben ihr die geschwätzigen Vögel auch diesen Namen verraten?Ich hatte mir in erinnernngSsiichtigen Stunden so oft den Kopf zer-brochen und konnte mich nicht mehr auf den lieben Namen erinnern.
Jetzt, da ich ihn wieder habe, will mir auch die früheste Kind-heit wieder im Gedächtnisse hcrvorblühcu, und ich bin wieder einKind und spiele mit andern Kindern auf dem Schloßplatze zu Düssel-dorf am Rhein.
Kapitel VI.
Ja, Madame, dort bin ich geboren, und ich bemerke dieses aus-drücklich für den Fall, daß etwa nach meinem Tode sieben Städte —Schilda, Krähwinkel, Pöllwitz, Bockum, Dülken, Nöttingen undSchöppenstedt — sich um die Ehre streiten, meine Vaterstadt zu sein.Düsseldorf ist eine Stadt am Rhein, es leben da sechzehutauscnd Men-schen, und viele hunderttausend Menschen liegen noch außerdem dabegraben. Und darunter sind manche, von denen meine Mutter sagt,es wäre besser, sie lebten noch, z. B. mein Großvater und mein Oheim,der alte Herr v. Geldern und der junge Herr v. Geldern, die beideso berühmte Doktoren waren, und so viele Menschen vom Tode kuriert,und doch selber sterben mußten. Und die fromme Ursula, die michals Kind auf den Armen getragen, liegt auch dort begraben, und eswächst ein Rosenstrauch aus ihrem Grab — Roseuduft liebte sie sosehr im Leben, und ihr Herz war lauter Roseuduft und Güte. Auchder alte kluge Kanonikus liegt dort begraben. Gott, wie elend saher aus, als ich ihn zuletzt sah! Er bestand nur noch aus Geist undPflastern, und studierte dennoch Tag und Nacht, als wem: er besorgte,die Würmer mochten einige Jdecn zu wenig in seinem Kopse finden.Auch der kleine Wilhelm liegt dort, und daran bin ich schuld. Wirwaren Schulkameraden im Franziskauerklvster und spielten auf jeuerSeite desselben, wo zwischen steinernen Mauern die Düffel fließt, undich sagte: „Wilhelm, hol' doch das Kätzchen, das eben hineingefallen"— und lustig stieg er hinab auf das Brett, das über dem Bach lag,riß das Kätzchen aus dem Wasser, fiel aber selbst hinein, und als