Ideen oder daS Buch Le Grand. 83
Da liegt sie nun, leblos und kalt und fahl,
Wie eine aufgeputzte Köuigsleiche,
Der man die Backenknochen rot gefärbt
Und in die Hand ein Zepter hat gelegt.
Die Lippen aber schauen gelb und welk,
Weil man vergaß, sie gleichfalls rot zu schminken,
Und Mäuse springen um die Königsnase
Und spotten frech des großen, gvldnen ZepterS —
Es ist allgemein rccipiert, Madame, daß man einen Monologhalt, ehe man sich tot schießt. Die meisten Menschen benutzen beisolcher Gelegenheit das Hamlctsche „Sein oder Nichtsein". Es isteine gnte Stelle, und ich hätte sie hier auch gern citicrt — aber jederist sich selbst der Nächste, und hat man, wie ich, ebenfalls Tragödiengeschrieben, worin solche LebcnSabitnrientcn-Reden enthalten sind,z. B. den unsterblichen „Almansor", so ist es sehr natürlich, daß manseinen eigenen Worten sogar vor den Shakespcareschen den Vorzug giebt.Ans jeden Fall sind solche Reden ein sehr nützlicher Brauch; mangewinnt dadurch wenigstens Zeit. — Und so geschah es, daß ich ander Ecke der Stradn San Giovanni etwas lange stehen blieb — undals ich dastand, ein Verurteilter, der dem Tode geweiht war, da er-blickte ich plötzlich sie!
Sie trug ihr blanseidenes Kleid und den rosaroten Hut, undihr Auge sah mich an so mild, so todbesiegcnd, so lebcnschcnkend —Madame, Sie wissen wohl aus der römischen Geschichte, daß, wenndie Vestalinnen im alten Rom ans ihrem Wege einem Verbrecher be-gegneten, der zur Hinrichtung geführt wurde, so hatten sie das Recht,ihn zu begnadigen, und der arme Schelm blieb am Leben. — Miteinem einzigen Blick hat sie mich vom Tode gerettet, und ich standvor ihr wie neu belebt, wie geblendet vom Svnnenglanze ihrer Schön-heit, und sie ging weiter -- und ließ mich am Leben.
Kapitel Iii.
Und sie ließ mich am Leben, und ich lebe, und das ist dieHauptsache.
Mögen andere das Glück genießen, daß die Geliebte ihr Grab-mal mit Blumenkränzen schmückt und mit Thränen der Treue be-netzt— O, Weiber, haßt mich, verlacht mich, bckorbt mich! aber laßtmich leben! das Leben ist gar zu spaßhast süß, und die Welt ist solieblich verworren, sie ist der Traum eines wcinbcranschten Gottes,der sich aus der zechenden Göttervcrsammlnng ä In transniss fort-geschlichen, auf einem einsamen Stern sich schlafen gelegt, und selbstnicht weiß, daß er alles das auch erschafft, was er träumt — unddie Tranmgebilde gestalten sich oft buntscheckig toll, oft auch har-