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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
80
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8l) Norderney.

Malheurs und Grvßthaten hat unsere Litteratur kein einziges solcherDenkmäler des Ruhmes gewonnen, wie sie bei unseren Nachbarn,gleich ewigen Trophäen, täglich emporsteigen. Unsere Leipziger Messenhaben wenig profitiert durch die Schlacht bei Leipzig. Ein Gothaer,höre ich, will sie noch nachträglich in epischer Form besingen; da eraber noch nicht weih, ob er zu den 1t>ö völl Seelen gehört, die Hild-bnrghanscu bekommt, oder zu den Ibl) Olli), die Meiningen bekommt,oder zu den 160 LW, die Altenburg bekommt, so kann er sein Eposnoch nicht anfangen, er müßte denn beginnen:Singe, unsterblicheSeele, hildburghausische Seele, meiningsche Seele, oder auch altemburgische Seele, - - gleichviel singe, singe der sündigen Deutschen Erlösuug!" Dieser Seelenschacher im Herzen des Vaterlandes und dessenblutende Zerrissenheit läßt keinen stolzen Sinn, und noch viel wenigerein stolzes Wort aufkommen, unsere schönsten Thaten werden lächer-lich durch den dummen Erfolg, und während wir uns unmutig ein-hüllen in den Purpurmantcl des deutschen Heldeublutes, kommt einpolitischer Schalk und setzt uns die Schellenkappe aufs Haupt.

Eben die Littcraturcn unserer Nachbarn jenseits des Rheins nnddes Kanals muß man mit unserer Bagatell-Litteratur vergleichen,um das Leere und Bedeutungslose unseres Bagatell-Lebens zu be-greifen. Oft, wenn ich die Morgen-Chronicle lese, und in jeder Zeiledas englische Volk mit seiner Nationalität erblicke, mit seinen Pferde-rennen, Boxen, Hahncnkämpfen, Assisen, Parlamentsdebatten u. s. w.,dann nehme ich wieder betrübten Herzens ein deutsches Blatt zurHand, und suche darin die Momente eines Volkslebens, und findenichts als littcrarische Fraubasereien und Thcatcrgeklätsche.

Und doch ist es nicht anders zu erwarten. Ist in einem Volkealles öffentliche Leben unterdrückt, so sucht es dennoch Gegenständefür gemeinsame Besprechung, und dazu dienen ihm in Deutschlandseine Schriftsteller und Komödianten. Statt Pferderennen haben wirein Bücherrennen nach der Leipziger Messe. Statt Boxen haben wirMystiker und Rationalisten, die sich in ihren Pamphlets herumbalgen,bis die einen zur Vernunft kommen, nnd den andern Hören undSehen vergeht und der Glaube bei ihnen Eingang findet. StattHahnenkämpfe haben wir Journale, worin arme Teufel, die mandafür füttert, sich einander den guten Namen zerreißen, während diePhilister freudig ausrufen: Sieh, das ist ein Hanpthahn! Dem dortschwillt der Kamm! Der hat einen scharfen Schnabel! Das jungeHähnchen muß seine Federn erst ausschreiben, man muß es an-spornen u. s. w. In solcher Art haben wir auch unsere öffentlichenAssisen, und das sind die löschpapiernen sächsischen Litteraturzeitungen,worin jeder Dummkopf von seinesgleichen gerichtet wird, nach denGrundsätzen eines litterarischen Krimiualrechts, das der Abschreckungs-theorie huldigt nnd als ein Verbrechen jedes Buch bestraft. Zeigt