Norderney.
der Verfasser desselben etwas Geist, so ist daS Verbrechen qualifiziert.Kann er aber sein GeisteSalibi beweisen, so wird die Strafe gemildert.Freilich, bei dieser litterarischen Kriininaljnstiz ist es ebenfalls eingroßes Gebrechen, daß dem richterlichen Ermessen so viel überlassenbleibt, nm so mehr, da unsere Bücherrichtcr, ebenso wie Falstasf, sichihre Gründe nicht abzwingen lassen, und manchmal selbst geheimeSünder sind und voraussehen, daß sie morgen von denselben Delin-quenten gerichtet werden, über die sie heute das Urteil sprechen. DieJugend ist in unserer littcrarischcn Kriminaljustiz ein bedeutenderMlldcrungSgrund, und mancher alte Schriftsteller wird gelinde be-urteilt, weil man ihn für ein Kind hält. Sogar die in der letztenZeit aufgekommene Erfahrung, daß junge Menschen zur Zeit derEntwicklung ihrer Pubertät ein krauthaftes Gelüste tragen, Brandzu stiften, hat auch in der Ästhetik ihren Einfluß gehabt, und manurteilt deshalb auch gelinder über so manche Flammcntragödie, z, B.die Tragödie jenes feurigen Jünglings, der nichts Geringeres alsden königlichen Palast zu Perscpvlis in Brand gesteckt hat. Wirhaben, um Vergleichnngen fortzusetzen, gewissermaßen auch unsereParlamentsdebatten, und damit meine ich unsere Theaterkritiken; wiedenn unser Schauspiel selbst gar füglich das Haus der Gemeinen ge-nannt werden kann, von wegen der vielen Gemeinheiten, die darinblühen, von wegen des plattgctrctcncn französischen Unflats, den unserPublikum, selbst wenn man ihm am selben Abend ein RaupachscheSLustspiel gegeben hat, gar ruhig verzehrt, gleich einer Fliege, die,wenn sie von einem Houigtopfc weggetrieben wird, sich gleich mitdem besten Appetit auf einen Quark setzt und ihre Mahlzeit damitbeschließt. Ich habe hier vorzüglich im Sinuc Raupachs „Bekehrten",die ich vorigen Winter zu Hamburg von den ausgezeichnetsten Schau-spieler» aufführen sah, und zwar mit cbeusovielem Beifall, wie die„Schülerschwänke", ein parfümiertes Quärkchen, das gleich darauf audemselben Abend gegeben wurde. Aber auf unserem Theater gedeihtnicht bloß Mist, sondern auch Gift, In der That, höre ich, wie inunseren Lustspielen die heiligsten Sitten und Gefühle des LebenS ineinem liederlichen. Tone und so leichtfertig sicher abgeleiert werden,daß mau am Ende selbst gewöhnt wird, sie als die gleichgültigstenDinge zu betrachten, höre ich jene kammerdienerlichen Liebeserklärungen,die sentimentalen Freundschaftsbündnisse zu gemeinschaftlichem Betrug,die lachenden Pläne zur Täuschung der Eltern oder Ehegatten, undwie all' diese stereotypen Lustspielmotive heißen mögen, ach! so erfaßtmich inneres Grauen und bodenloser Jammer, und ich schaue ängst-lichen Blickes nach den armen, unschuldigen Engelköpfchev, denen imTheater dergleichen, gewiß nicht ohne Erfolg, vordeklamiert wird.Die Klagen über Verfall und Verderbnis des deutschen Lustspiels,wie sie auS ehrlichen Herzen hervorgescufzt werden, der kritische EiferH eine'S Werke.
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