Norderney. 77
ganze Erde, bis in die Bananenwälder Hindostans, wo der seufzendeBrahmiue das Absterben seiner Götter, die Zerstörung ihrer uraltenWeltvrdnnng und den ganzen Sieg der Engländer voraussieht.
Dieser Ton, der gewaltigste, den der schottische Barde ans seinerRiesenharfe anzuschlagen weiß, paßt aber nicht zu dem Äaiserliedcvon dem Napoleon, dein neuen Manne, dem Manne der neuen Zeit,dein Manne, wvrin diese neue Zeit so leuchtend sich abspiegelt, daßnur dadurch fast geblendet werden, und unterdessen ninuncrmehrdenken an die verschollene Vergangenheit und ihre verblichene Pracht.Es ist wohl zu vermuten, daß Seott, seiner Vorncigung gemäß, jenesangedeutete stabile Element im Charakter Napoleons, die konlerrevolutivnäre Seite seines Geistes, vorzugsweise auffassen wird, statt daßandere Schriftsteller bloß das revolutionäre Prinzip in ihm erkennen.Bon dieser letzteren Seite würde ihn Byron geschildert haben, der inseinem ganzen Streben den Gegensatz zu Scott bildete, und statt,gleich diesem, den Untergang der alten Formen zu beklagen, sich sogarvon denen, die noch stehen geblieben sind, verdrießlich beengt fühlt,sie mit revolutionärem Lachen und Zähnefletschcn niederreißen möchte,und in diesem Arger die heiligsten Blumen des Lebens mit seinemmelodischen Gifte beschädigt, und sich wie ein wahnsinniger Harletinden Dolch ins Herz stößt, um mit dem hervorströmcnden schwarzenBlute Herren und Damen neckisch zu bespritzen.
Wahrlich, in diesem Augenblicke fühle ich sehr lebhaft, daß ichkein Nachbeter oder, besser gesagt, Nachfrevler Byrons bin, mein Blutist nicht so splcenisch schwarz, meine Bitterkeit kommt nur aus denGalläpfeln meiner Tinte, und wenn Gift in mir ist, so ist es dochnur Gegengift, Gegengift wider jene Schlangen, die im Schutte deralten Dome und Burgen so bedrohlich lauern. Von allen großenSchriftstellern ist Byron just derjenige, dessen Lektüre mich am un-leidlichsten berührt; Ivohingegen Scott mir in jedem seiner Werke dasHerz erfreut, beruhigt und erkräftigt. Mich erfreut sogar die Nach-ahmung derselben, wie wir sie bei Willibald Alexis, Bronikowski undCooper finden, welcher erstere, im ironischen Walladmvr, seinem Vor-bilde am nächsten steht, und uns auch in einer späteren Dichtung so-viel Gestalten und Geistesrcichtnm gezeigt hat, daß er wohl imstandewäre, mit poetischer Ursprünglichkcit, die sich nur der Scottschcn Formbedient, uns die teuersten Momente deutscher Geschichte in einer Reihehistorischer Novellen vor die Seele zu führen.
Aber keinem wahren Genius lassen sich bestimmte Bahnen vor-zcichnen, diese liegen außerhalb aller kritischen Berechnung, und somag es auch als ein harmloses Gedankcnspiel betrachtet werden, wennich "über Walter Scotts Kaisergeschichtc mein Vorurteil aussprach.„Vorurteil" ist hier der umfassendste Ausdruck. Nur eins läßt sich