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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
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Norderney. 73

blesse. Ob aber diese Bescheidenheit in den Herzen dieser hohen Per-sonen liegt, oder ob sie durch ihre äußere Stclluug hervorgebrachtwird, das will ich unentschieden lassen. Ich sage dieses nur in Be-ziehung auf deutsche mediatisierte Fürsten. Diesen Leuten ist in derletzten Zeit ein großes Unrecht geschehen, indem mau sie einer Sou-veränität beraubte, wozu sie ein ebensogutcs Recht haben, wie diegrößeren Fürsten, wenn man nicht etwa, wie mein UuglaubensgenosscSpinoza, annehmen will, daß dasjenige, was sich nicht durch eigeneKraft erhalten kann, auch kein Recht hat zu existieren. Für das viel-zersplittcrte Deutschland war es aber eine Wohlthat, daß diese Anzahlvon Sedezdespötchen ihr Regieren einstellen mußten. Es ist schrecklich,wenn man bedenkt, wie viele derselben wir armen Deutschen zu er-nähren haben. Wenn diese Mediatisierten auch nicht mehr das Zepterfuhren, so führen sie doch noch immer Löffel, Messer und Gabel, undsie essen keinen Hafer, und auch der Haser wäre teuer genug. Ichdenke, daß wir einmal durch Amerika etwas von dieser Fllrstenlasterleichtert werden. Denn früh oder spat werden sich doch die Präsi-denten dortiger Freistaaten in Souveräne verwandeln, und dann fehltes diesen Herreu an Gemahlinnen, die schon einen legitimen Anstrichhaben, die sind dann froh, wenn wir ihnen unsere Prinzessinnenüberlassen, und wenn sie sechs nehmen, geben wir ihnen die siebentegratis, und auch unsere Prinzchen können sich späterhin bei ihrenTöchtern cmplvyiercni — daher haben die mediatisierten Fürsten sehrpolitisch gehandelt, als sie sich wenigstens das Gleichbürtigkeitsrechterhielten, und ihre Stammbaume ebcnsvhoch schätzten, wie die Araberdie Stammbäume ihrer Pferde, und zwar aus derselben Absicht, in-dem sie wissen, daß Deutschland von jeher daS große Fürstcngestütewar, das alle regierenden Nachbarhäuser mit den nötigen Mutter-pferden und Beschälern versehen muß.

In allen Bädern ist es ein altes Gewohnheitsrecht, daß die ab-gegangenen Gäste von den zurückgebliebenen etwas stark kritisiertwerden, und da ich der letzte bin, der noch hier weilt, so durfte ichwohl jenes Recht in vollem Maße ausüben.

Es ist aber jetzt so öde auf der Insel, daß ich mir vorkommewie Napoleon auf St. Helena. Nur daß ich hier eine Unterhaltunggefunden, die jenem dort fehlte. Es ist nämlich der große .Kaiserselbst, womit ich mich hier beschäftige. Ein junger Engländer hatmir das eben erschienene Buch deS Maitland mitgeteilt. Dieser See-mann berichtet die Art und Weise, wie Napoleon sich ihm ergab undans dem Bellervphon sich betrug, bis er ans Befehl des englischenMinisteriums an Bord des Nvrthumbcrland gebracht wurde. Ansdiesem. Buche ergiebt sich sonnenklar, daß der Kaiser im romantischenVertrauen auf britische Großmut, und um der Welt endlich Ruhezu schassen, zu den Engländern ging, mehr als Gast, denn als Gc-