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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
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72 Norderney.

hannoverischen Adels ließe sich vielen Klagen vorbauen. Aber dieJungen werden wie die Alten. Derselbe Wahn,. als wären sie dieBlumen der Welt, während nur andern bloß das Gras sind; die-selbe Thorheit, mit dem Verdienste der Ahnen den eigenen Unwertbedecken zu wollen; dieselbe Unwissenheit über das Problematischedieser Verdienste, indem die wenigsten bedenken, daß die Fürsten seltenihre trenesten und tugendhaftesten Diener, aber sehr oft den Kuppler,den Schmeichler und dergleichen Lieblingsschufte mit adelnder Huldbeehrt haben. Die wenigsten jener Ahnenstölzen können bestimmtangeben, was ihre Ahnen gethan haben, und sie zeigen nur, daß ihrName in Riixncrs Turnierbuch erwähnt sei; — ja, können sie auchnachweisen, daß diese Ahnen etwa als Kreuzritter bei der EroberungJerusalems zugegen waren, so sollten sie, ehe sie sich etwas daraufzu gute thnn, auch beweisen, daß jene Ritter ehrlich mitgefvchtenhaben, daß ihre Eiscnhosen nicht mit gelber Furcht wattiert worden,und daß unter ihrem roten Kreuze das Herz eines honetten Mannesgesessen. Gäbe es keine Jlias, sondern bloß ein Namensverzeichnisder Helden, die vor Troja gestanden, und ihre Namen existierten nochjetzt — wie würde sich der Ahnenstolz derer von Thersites zu blähenwissen! Von der Reinheit des Blutes will ich gar nicht einmal sprechen;Philosophen und Stallknechte haben darüber gar seltene Gedanken.

Mein Tadel, wie gesagt, treffe zumeist die schlechte Erziehungdes hannöverischcn Adels und dessen früh eingeprägten Wahn vonder Wichtigkeit einiger andressiertcn Formen. O! wie oft habe ichlachen müssen, wenn ich bemerkte, wieviel man sich ans diese Formenzu gute that; als sei es sogar überaus schwer zu erlernen, diesesRepräsentieren, dieses Präsentieren, dieses Lächeln ohne etwas zusagen, dieses Sagen ohne etwas zu denken, und all' diese adligenKünste, die der gute Bürgersmann als Meerwunder angafft, und diedoch jeder französische Tanzmeister besser inne hat, als der deutscheEdelmann, dem sie in der bärenleckcnden Lutetia mühsam eingeübtworden, und der sie zu Hause wieder mit deutscher Gründlichkeit undSchwerfälligkeit seinen Descendenten überliefert. Dies erinnert michan die Fabel von dem Bären, der auf Märkten tanzte, seinem führen-den Lehrer entlief, zu seinen Mitbären in den Wald zurückkehrte undihnen vorprnhlte, wie das Tanzen eine so schwere Kunst sei, und wieweit er es darin gebracht habe; — und in der That, den Proben,die er von seiner Kunst ablegte, konnten die armen Bestien ihre Be-wunderung nicht versagen. Jene Nation, wie sie Wcrther nennt,bildete die vornehme Welt, die hier dieses Jahr zu Wasser und zuLande geglänzt hat, und es waren lanter liebe, liebe Leute, und siehaben alle gut gespielt.

Auch fürstliche Personen gab eS hier, und ich muß gestehen, daßdiese in ihren Ansprüchen bescheidener waren, als die geringere No-