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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
67
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Norderney. 67

„Eine schöne Welt ist da versunken,

Ihre Trümmer blieben unten stehn,

Lassen sich als goldne HimmclsfunkenOft im Spiegel meiner Träume sehn."

(W. Müller.)

Erwachend höre ich dann ein verhallendes Glockengeläute und Gesangheiliger Stimmen — „Evelina!"

Geht man am Strande spazieren, so gewähren die vorbeifahren-den Schiffe einen schönen Anblick. Haben sie die blendend weißenSegel aufgespannt, so sehen sie aus wie vorbeiziehende große Schwäne.Gar besonders schön ist dieser Anblick, wenn die Sonne hinter demvorbeisegelndcn Schiffe untergeht, und dieses wie von einer riesigenGlorie umstrahlt wird.

Die Jagd am Strande soll ebenfalls ein großes Vergnügen ge-währen. Was mich betrifft, so weiß ich es nicht sonderlich zu schätzen.Der Sinn für das Edle, Schöne und Gute läßt sich oft durch Er-ziehung den Menschen beibringen, aber der Sinn für die Jagd liegtim Blute. Wenn die Ahnen schon seit undenklichen Zeiten Rehböckegeschossen haben, so findet auch der Enkel ein Vergnügen an dieserlegitimen Beschäftigung. Meine Ahnen gehörten aber nicht zu denJagenden, viel eher zu den Gejagten, und soll ich auf die Nachkömm-linge ihrer ehemaligen Kollegen losdrücken, so empört sich dawidermein Blut. Ja, ans Erfahrung weiß ich, daß nach abgesteckterMensur es mir weit leichter wird, auf einen Jäger loszudrücken,der die Zeiten zurückwünscht, wo auch Menschen zur hohen Jagd ge-hörten. Gottlob, diese Zeiten sind vorüber! Gelüstet es jetzt solcheJäger, wieder einen Menschen zu jagen, so müssen sie ihn dafür be-zahlen, wie z. B. den cschnellläufer, den ich vor zwei Jahren inGöttingen sah. Der arme Mensch hatte sich schon in der schwülenSonntagshitze ziemlich müde gelaufen, als einige hannöverische Junker,die dort Humaniora studierten, ihm ein paar Thalcr boten, wenn erden zurückgelegten Weg nochmals laufen wolle; und der Mensch lief,und er war tvdblaß und trug eine rote Jacke, und dicht hinter ihmim wirbelnden Staube galoppierten die wohlgenährten, edlen Jüng-linge auf hohen Nossen, deren Hufe zuweilen den gehetzten, keuchendenMenschen trafen, und es war ein Mensch.

Des Versuchs halber, denn ich muß mein Blut besser gewöhnen,ging ich gestern auf die Jagd. Ich schoß nach einigen Möwen, diegar zu sicher umherflatterten, und doch nicht bestimmt wissen konnten,daß ich schlecht schieße. Ich wollte sie nicht treffen und sie nur warnen,sich ein andermal vor Leuten mit Flinten in acht zu nehmen: abermein Schuß ging fehl, und ich hatte das Unglück, eine junge Möwetotzuschießen. Es ist gut, daß es keine alte war; denn was wäredann anS den armen, kleinen Möwchen geworden, die, noch nnbcfiedert,

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