Druckschrift 
5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
66
Einzelbild herunterladen
 

66 Norderney.

daS beste auf seinen Teiler gelegt habe, ja, ans einigen Schiffen ge-schähe das noch jetzt. —

Ich gehe hier oft am Strande spazieren und gedenke solcher see-männischen Wnndersagen. Die anziehendste derselben ist wohl dieGeschichte vom fliegenden Holländer, den man im Sturm mit auf-gespannten Segeln vorbeifahren sieht, und der zuweilen ein Boot aus-setzt, um den begegnenden Schiffen allerlei Briefe mitzugeben, dieman nachher nicht zu besorgen weih, da sie an längst verstorbenePersonen adressiert sind. Manchmal gedenke ich auch des alten, liebenMärchens von dem Fischerknabcn, der am Strande den nächtlichenReigen der Meernixen belauscht hatte, und nachher mit seiner Geigedie ganze Welt durchzog und alle Menschen zauberhaft entzückte, wenner ihnen die Melodie des Nixenwalzcrs vorspielte. Diese Sage er-zählte mir einst ein lieber Freund, als wir im Konzert zu Berlinsolch einen wundermächtigen Knaben, den Felix MendclSsvhn-Bartholdy,spielen hörten.

Einen eigentümlichen Reiz gewährt das Kreuzen um die Insel.Das Wetter muß aber schön sein, die Wolken müssen sich ungewöhn-lich gestalten, und man muh rücklings ans dem Verdecke liegen undin den Himmel sehen und allenfalls auch ein Stückchen Himmel imHerzen haben. Die Wellen murmeln alsdann allerlei wunderlichesZeug, allerlei Worte, woran liebe Erinnerungen flattern, allerleiNamen, die wie süße Ahnung in der Seele wicderkliugen — „Evelina!"Dann kommen auch Schiffe vorbeigefahren, und man grüßt, als obman sich alle Tage wiedersehen könnte. Nur des Nachts hat dasBegegnen fremder Schiffe ans dem Meer etwas Unheimliches; manwill sich dann einbilden, die besten Freunde, die wir seit Jähren nichtgesehen, führen schweigend vorbei, und man verlöre sie ans immer.

Ich liebe das Meer wie meine Seele.

Oft wird mir sogar zu Mute, als sei daS Meer eigentlich meineSeele selbst; und wie es im Meere verborgene Wasserpflanzen giebt,die nur im Augenblick des Aufblühens an dessen Oberfläche herauf-schwimmen, und im Augenblick deS VcrblühcnS wieder hinabtauchen,so kommen zuweilen auch wunderbare Blumenbilder heraufgeschwom-men aus der Tiefe meiner Seele, und duften und leuchten und ver-schwinden wieder — „Evelina!"

Man sagt, unfern dieser Insel, wo jetzt nichts als Wasser ist,hätten einst die schönsten Dörfer und Städte gestanden, das Meerhabe sie plötzlich alle überschwemmt, und bei klarem Wetter sähen dieSchiffer noch die leuchtenden Spitzen der versunkenen Kirchtürme, undmancher habe dort, in der Sonntagsfrühe, sogar ein frommesGlockcngeläute gehört. Die Geschichte ist wahr; denn das Meer istineine Seele —