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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
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63 Norderney.

im Sandneste der großen Düne liegen, und ohne die Mutter ver-hungern müßten. Mir ahnte schon vorher, daß mich ans der Jagdein Mißgeschick treffen würde; ein Hase war mir über den Weg gelaufen.

Gar besonders wunderbar wird mir zu Mute, wenn ich alleinin der Dämmerung am Strande wandle, — hinter mir flache Dünen,vor nur das wogende, unermeßliche Meer, über mir der Himmel wieeine riesige Krystallkuppel — ich erscheine mir dann selbst sehr ameisen ^klein, und dennoch dehnt sich meine Seele so weltenweit. Die hoheEinfachheit der Natur, wie sie mich hier umgiebt, zähmt und erhebtmich zu gleicher Zeit, und zwar in stärkerem Grade als jemals eineandere erhabene Umgebung. Nie war mir ein Dom groß genug;meine Seele mit ihrem alten Titnncngebet strebte immer höher alsdie gotischen Pfeiler, und wollte immer hinausbrechen durch das Dach.Auf der Spitze der Roßtrappe haben mir, beim ersten Anblick, diekolossalen Felsen in ihren kühnen Gruppierungen ziemlich imponiert;aber dieser Eindruck dauerte nicht lange, meine Seele war nur über-rascht, nicht überwältigt, und jene ungeheuren Steinmassen wurdenin meinen Augen allmählich kleiner, und am Ende erschienen sie mirnur wie geringe Trümmer eines zerschlagenen Ricsenpalastes, worinsich meine Seele vielleicht komfortabel befunden hätte.

Mag es immerhin lächerlich klingen, ich kann es dennoch nichtverhehlen, das Mißverständnis zwischen Körper und Seele quält micheinigermaßen, und hier am Meere, in großartiger Nnturnmgebung,wird es mir zuweilen recht deutlich, und die Metempsychvse ist oftder Gegenstand meines Nachdenkens. Wer kennt die große Gottcs-irvnie, die allerlei Widersprüche zwischen Seele und Körper hervor-zubringen Pflegt? Wer kann wissen, in welchem Schneider jetzt dieSeele eines Platvs, und in welchem Schulmeister die Seele einesCäsarS wohnt. Wer weiß, ob die Seele Gregors VII. nicht in demLeibe des Großtürken sitzt, und sich unter tausend hätschelnden Weiber-Händchen behaglicher fühlt, als einst in ihrer purpurnen CölibatS-kntte. Hingegen wie viele Seelen treuer Moslcmin aus Alis Zeitenmögen sich jetzt in unseren antihellenischen Kabinetten befinden! DieSeelen der beiden Schächer, die zur Seite des Heilands gekreuzigtworden, sitzen vielleicht jetzt in dicken Konsistorialbänchen, und glühenfür den orthodoxen Lchrbcgriff. Die Seele Dschingischnns wohntvielleicht jetzt in einem Recenscnten, der täglich, ohne es zu wissen,die Seelen seiner treuesten Baschkiren und Kalmücken in einem kri-tischen Journale niedersäbclt. Wer weiß! wer weiß! die Seele desPythagoras ist vielleicht in einen armen Kandidaten gefahren, derdurch daS Examen fällt, weil er den pythagoräischen Lehrsatz nichtbeweisen konnte, während in feinen Herren Examinatoren die Seelenjener Ochsen wohnen, die einst Pythagoras, ans Freude über dieEntdeckung seines Satzes, den ewigen Göttern geopfert hatte. Die