Norderney. 63
viel Unheil im Sinne. Man hegt hier nämlich wunderliche Sagenvon Hexen, die den Sturm zu beschwören wissen; wie es denn über-haupt auf allen nordischen Meeren viel Aberglauben gicbt. Die See-leute behaupten, manche Insel stehe unter der geheimen Herrschaftganz besonderer Hexen, und dem bösen Willen derselben sei cS zu-zuschreiben, wenn den vorbeifahrenden Schiffen allerlei Widerwärtig-keiten begegnen. Als ich voriges Jahr einige Zeit auf der See lag,erzählte mir der Steuermann unseres Schiffes, die Hexen wären be-sonders mächtig aus der Insel Wight, und suchten jedes Schiff, dasbei Tage dort vorbeifähren wolle, bis zur Nachtzeit aufzuhalten, umes alsdann an Klippen oder an die Insel selbst zu treiben. Insolchen Fällen höre man diese Hexen so laut durch die Lust sausenund um das Schiff herninhenlen, daß der Klabotermann ihnen nurmit vieler Mühe widerstehen könne. Als ich nun fragte, wo derKlabotermann sei, antwortete der Erzähler sehr ernsthaft: Das istder gute, unsichtbare Schutzpatron der Schisse, der da verhütet, daßden treuen und ordentlichen Schiffern Unglück begegne, der da überallselbst nachsieht, und sowohl für die Ordnung, wie für die gute Fahrtsorgt. Der wackere Steuermann versicherte mit etwas heimlichererStimme, ich könne ihn selber sehr gut im Schiffsräume hören, woer die Waren gern noch besser nachsinne, daher das Knarren derFässer und Kisten, wenn das Meer hoch gehe, daher bisweilen dasDröhnen unserer Balken und Bretter; oft hämmere der Klaboter-mann auch außen nur Schiffe, und das gelte dann dem Zimmermann,der dadurch gemahnt werde, eine schadhafte Stelle ungesäumt aus-zubessern; am liebsten aber setze er sich auf das Bramsegel, zumZeichen, daß guter Wind wehe oder sich nahe. Auf meine Frage,ob man ihn nicht sehen könne, erhielt ich zur Antwort: nein, mansähe ihn nicht, auch wünsche keiner ihn zu sehen, da er sich nur dannzeige, wenn keine Rettung mehr vorhanden sei. Einen solchen Fallhatte zwar der gute Steuermann noch nicht selbst erlebt, aber vonandern wollte er wissen, den Klabotermann höre man alsdann VennBramsegel herab mit den Geistern sprechen, die ihm nnterthan sind;doch wenn der Sturm zu stark und das Scheitern unvermeidlichwürde, setze er sich auf daS Steuer, zeige sich da zum erstenmal undverschwinde, indem er das Steuer zerbräche. Diejenigen aber, dieihn in diesem furchtbaren Augenblick sähen, fänden unmittelbar darausden Tod in den Wellen.
Der Schiffskapitän, der dieser Erzählung mit zugehört hatte,lächelte so fein, wie ich seinem rauhen, wind- und wetterdiencndcnGesichte nicht zugetraut hätte, und nachher versicherte er mir, vorfünfzig oder gar vor hundert Jahren sei auf dem Meere der Glaubean den Klabotermann so stark gewesen, daß man bei Tische immerauch ein Gedeck für denselben aufgelegt, und von jeder Speise etwaHcinc'S Werke. V. Bd. 5