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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
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64 Norderney.

eines jeden offen liegt, nnd das beste Mittel wird, nm die Lcntekennen zu lernen, so können wir wiederum Goethe selbst am bestenkennen lernen durch sein eigenes Urteil über Gegenstande, die unsallen vor Augen liegen, nnd worüber uns schon die bedeutendstenMenschen ihre Ansichten mitgeteilt haben. In dieser Hinsicht möchteich nm liebsten auf Goethes italienische Reise hindeuten, indem wiralle, entweder durch eigene Betrachtung oder durch fremde Ver-mittclnng, das Land Italien kennen, und dabei so leicht bemerken,wie jeder dasselbe mit subjektiven Augen ansieht, dieser mit Archen-hölzern unmutigen Augen, die nur das Schlimme sehen, jener mitdegeisterten Corinnaaugen, die überall nur das Herrliche sehen, wäh-rend Goethe mit seinem klaren Griechenauge alles sieht, das Dunkleund das Helle, nirgends die Dinge mit seiner Gemütsstimmung kolo-riert, nnd uns Land und Menschen schildert in den wahren Umrissenund »Vahren Farben, womit sie Gott umkleidet.

Das ist ein Verdienst Goethes, das erst spätere Zeiten erkennenwerden; denn wir, die wir meist alle krank sind, stecken viel zu sehrin unseren, kranken, zerrissenen, romantischen Gefühlen, die wir ausallen Ländern und Zeitaltern zusammengelesen, als daß wir un-mittelbar sehen könnten, wie gesund, einheitlich nnd plastisch sichGoethe in seinen Werken zeigt. Er selbst merkt es ebensowenig; inseiner naiven Unbewußtheit deS eigenen Vermögens wundert er sich,wenn man ihmein gegenständliches Denken" zuschreibt, und indemer durch seine Selbstbiographie uns selbst eine kritische Beihilfe zumBeurteilen seiner Werke geben will, liefert er doch keinen Maßstabder Beurteilung an nnd für sich, sondern nur neue Fakta, worausman ihn beurteilen kann, wie es ja natürlich ist, daß kein Vogelüber sich selbst hinauszufliegen vermag.

Spätere Zeiten werden, außer jenem Vermögen des plastischenAnschancns, Fühlcns nnd Denkens, noch vieles in Goethe entdecken,wovon wir jetzt keine Ahnung haben. Die Werke deS Geistes sindewig feststehend, aber die Kritik ist etwas Wandelbares, sie geht hervoraus den Ansichten der Zeit, hat nur für diese ihre Bedeutung, undwenn sie nicht selbst knnstwertlichcr Art ist, wie z. B. die Schlegclsche,so geht sie mit ihrer Zeit zu Grabe. Jedes Zeitalter, wenn eS neueIdeen bekommt, bekommt auch neue Augen, nnd sieht gar viel Neuesin den alten Geisteswerkcn. Ein Schubnrth sieht jetzt in der Uiasetwas anderes und viel mehr, als sämtliche Alexandriner; dagegen wer-den einst Kritiker kommen, die viel mehr als Schnbarth in Goethe sehen.

So hätte ich mich dennoch an Goethe festgeschwatzt! Aber solcheAbschweifungen sind sehr natürlich, wenn einem, wie auf dieser Insel,beständig daS Meergeränsch in die Ohren dröhnt nnd den Geist nachBelieben stimmt.

Es geht ein starker Nvrdostwind, und die Hexen haben wieder