Norderney. 63
Aber werden es mir nicht die Damen übel nehmen, daß ichHosen, statt Beinkleider, sage? O, über das Feingefühl der Damen !Am Ende werden nnr Eunuchen für sie schreiben dürfen, nnd ihreGeistesdiener im Occident werden so harmlos sein müssen, wie ihreLeibdiener im Orient.
Hier kommt mir ins Gedächtnis eineStelle ansBcrtholdsL.agcbnch:
„Wenn wir es recht überdenken, so stecken wir doch alle nackt inunseren Kleidern, sagte der Doktor M. zu einer Dame, die ihm eineetwas derbe Äußerung übel genommen hatte."
Der hannöverische Adel ist mit Goethe sehr unzufrieden nnd be-hauptet, er verbreite Irreligiosität, nnd diese könne leicht auch falschepolitische Ansichten hervorbringen, nnd das Volk müsse doch durchden alten Glauben zur alten Bescheidenheit nnd Mäßigung zurück-geführt werden. Auch hörte ich in der letzten Zeit viel diskutieren,ob Goethe größer sei als Schiller oder umgekehrt. Ich stand neulichhinter dem Stuhle einer Dame, der man schon von hinten ihre vicr-undscchzig Ahnen ansehen konnte, und hörte über jenes Schema eineneifrigen DiSknrs zwischen ihr und zwei hannoverischen Nobilis, derenAhnen schon auf dem Zodiakus von Dendera abgebildet sind, nndwovon der eine, ein langmagcrcr, quecksilbergefülltcr Jüngling, derwie ein Barometer aussah, die Schillersche Tugend nnd Reinheitpries, während der andere, ebenfalls ein lnngaufgeschvssener Jüngling,einige Verse aus der „Würde der Frauen" hinlispelte, nnd dabei sosüß lächelte, wie ein Esel, der den Kopf in ein Sirnpfaß gesteckt hattennd sich wohlgefällig die Schnauze ableckt. Beide Jünglinge ver-stärkten ihre Behauptungen beständig mit dem beteuernden Refrain:„Er ist doch größer, er ist wirklich größer, wahrhaftig, er ist größer,ich versichere Sie ans Ehre, er ist größer." Die Dame war so gütig,auch mich in dieses ästhetische Gespräch zu ziehen, nnd fragte: „Doktor,was halten Sie von Goethe?" Ich aber legte meine Arme krcuzweisans die Brust, beugte gläubig das Haupt, nnd sprach: „La illah illallah, wamohammed rasul allah!"
Die Dame hatte, ohne es selbst zu wissen, die allerschlauestcFrage gethan. Man kann ja einen Mann nicht geradezu fragen:Was denkst du von Himmel nnd Erde? was sind deine Ansichtenüber Menschen nnd Menschenleben? bist du ein vernünftiges Geschöpfoder ein dummer Teufel? Diese delikaten Fragen liegen aber allein den unverfänglichen Worten: Was halten Sie von Goethe? Denn,indem uns allen Goethes Werke vor Augen liegen, so können wirdas Urteil, das jemand darüber fällt, mit dem unsrigen schnell ver-gleichen, wir bekommen dadurch einen festen Maßstab, womit wirgleich alle seine Gedanken nnd seine Gefühle messen können, nnd erhat nnbewnßt sein eigenes Urteil gesprochen. Wie aber Goethe ansdiese Weise, weil er eine gemeinschaftliche Welt ist, die der Betrachtung