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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
62
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62 Norderney,

Stelle aus Goethes Faust in den Kopf kam, Ivo dieser mit dem Me-phistopheles bei einem Kreuze vorübergeht und ihn fragt:

Mephisto, hast du Eil'?

Was schlägst vorm Kreuz die Augen nieder?und worauf Mcphistopheles antwortet:

Ich weiß es wohl, es ist ein Vorurteil;

Allein es ist mir mal zuwider.

Diese Verse sind, soviel ich weiß, in keiner AnSgabe des Faustgedruckt, und bloß der selige Hofrat Moritz, der sie aus GoethesManuskript kannte, teilt sie mit in seinemPhilipp Reiser", einemschon verschollenen Romane, der die Geschichte des Verfassers enthält,oder vielmehr die Geschichte einiger hundert Thaler, die der Verfassernicht hatte, und wodurch sein ganzes Leben eine Reihe von Ent-behrungen und Entsagungen wurde, während doch seine Wünschenichts weniger als unbescheiden waren, wie z, B, sein Wunsch, nachWeimar zu gehen, und bei dem Dichter des Wcrther Bedienter zuwerden, unter welchen Bedingungen es auch sei, um nur in der Nähedesjenigen zu leben, der von allen Menschen auf der Erde denstärksten Eindruck auf sein Gemüt gemacht hatte.

Wunderbar! damals schon erregte Goethe eine solche Begeisterung,und doch ist erstunser drittes nachwachsendes Geschlecht" imstande,seine wahre Größe zu begreifen.

Aber dieses Geschlecht hat auch Menschen hervorgebracht, in derenHerz nur faules Wasser sintert, und die daher in den Herzen andereralle Springqucllen eines frischen Blutes verstopfen möchten, Menschenvon erloschener Genußfähigkeit, die das Leben verleumden und andernalle Herrlichkeit dieser Welt verleiden wollen, indem sie solche als dieLockspeisen schildern, die der Böse bloß zu unserer Versuchung hin-gestellt habe, gleichwie eine Pfiffige Hausfrau die Zuckerdose mit dengezählten Stückchen Zucker in ihrer Abwesenheit offen stehen läßt,um die Enthaltsamkeit der Magd zu prüfen; und diese Menschenhaben einen Tugendpöbcl um sich versammelt, und predigen ihm dasKreuz gegen den großen Heiden und gegen seine nackten Göttcrgcstalten,die sie gern durch ihre vermummten dummen Teufel ersetzen möchten.Das Vermummen ist so recht ihr höchstes Ziel, daS Nacktgötbliche ist ihnen fatal, und ein Satyr hat immer seine guten Gründe,wenn er Hosen anzieht und darauf dringt, daß auch Apollo Hosenanziehe. Die Leute nennen ihn dann einen sittlichen Mann, undwissen nicht, daß in dem Claurcn-Lächeln eines vermummten Satyrsmehr Anstößiges liegt, als in der ganzen Nacktheit eines WvlfgangApollo, und daß just in den Zeiten, wo die Menschheit jene Pluder-hosen trug, wozu sechzig Ellen Zeug nötig waren, die Sitten nichtanständiger gewesen sind als jetzt.