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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
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Norderney. 61

erkennen und mir solches dnrch jene materialistisch-mystischen Gesetzeerklären, die Goethe in den Wahlverwandtschaften so schön entwickelt.

Wie viele rätselhafte Naturerscheinungen sich dnrch jene Gesetzeerklären lassen, ist erstaunlich. Als ich voriges Jahr durch Seestnrmnach einer andern ostfriesischen Insel verschlagen wurde, sah ich dortin einer Schifferhütte einen schlechten Kupferstich hängen, ia tsntationctn visiilarei überschrieben, und einen Greis darstellend, der in seinenStudien gestört wird durch die Erscheinung eines Weibes, daS bisan die nackten Hüften aus einer Wolke hervortaucht; und sonderbar!die Tochter des Schiffers hatte dasselbe lüsterne Mopsgesicht, wie dasWeib ans jenem Bilde. Um ein anderes Beispiel zu erwähnen: imHanse eines Geldwechslers, dessen gcschäftführende Frau das Geprägeder Münzen immer am sorgfältigsten betrachtet, fand ich, daß dieKinder in ihren Gesichtern eine erstaunliche Ähnlichkeit hatten mitden größten Monarchen Europas, und wenn sie alle beisammen warenund miteinander stritten, glaubte ich einen kleinen Kongreß zu sehen.

Deshalb ist das Gepräge der Münzen kein gleichgültiger Gegen-stand für den Politiker. Da die Leute das Geld so innig lieben, »ndgewiß liebevoll betrachten, so bekommen die Kinder sehr oft die Zügedes Landcsfürstcn, der darauf geprägt ist, und der arme Fürst kommtin den Verdacht, der Vater seiner Untcrthanen zu sein. Die Bonr-bvncn haben ihre guten Grunde, die NapolcondorS einzuschmelzen;sie wollen nicht mehr unter ihren Franzosen so viele NapolevnSköpfesehen. Preußen hat es in der Münzpvlitik am weitesten gebracht,man weiß es dort durch eine verständige Beimischung von Kupfer soeinzurichten, daß die Wangen dcS Königs auf der neuen Scheide-münze gleich rot werden, und seit einiger Zeit haben daher die Kinderin Preußen ein weit gesünderes Ansehen als srüherhin, und es istordentlich eine Freude, wenn man ihre blühenden Silbergrvschcn-gesichtchen betrachtet.

Ich habe, indem ich das Sittenverderbnis andeutete, womit dieInsulaner hier bedroht sind, ihre geistliche Schntzwchr, Pastor undKirche, unerwähnt gelassen. Erstcrer ist ein starker Mann mit einemgroßen Kopfe, scheint weder den Nationalismus noch den MystieismuSerfunden zu haben, und sein größtes Verdienst ist, daß bei ihm eineder schönsten Frauen dieser Welt logiert hat. Wie seine Kirche aus-sieht, kann ich nicht genau berichten, da ich noch nicht darin gewesen.Gott weiß, daß ich ein guter Christ bin, und oft sogar im Begriffstehe, sein HauS zu besuchen, aber ich werde immer fatalerweise daranverhindert, es findet sich gewöhnlich ein Schwätzer, der mich auf demWege festhält, und gelange ich auch einmal bis an die Pforten desTempels, so erfaßt mich unversehens eine spaßhaste Stimmung, unddann halte ich es für sündhaft, hincinzutreten. Vorigen Sonntagbegegnete mir etwas der Art, indem mir vor der Kirchenthür die