Norderney. 69
Blumen, jene Herrlichkeit entfalteten, die wir noch jetzt anstaunen,und mit all unserem hastigen Wissen nicht nachahmen können. Aderder Geist hat seine einigen Rechte, er läßt sich nicht eindämmen durchSatzungen und nicht einlullen durch Glockcngeläutc; er zerbrach seinenKerker und zerriß das eiserne Gängelband, woran ihn die Mnttcr-kirche leitete, und er jagte im Befreinngstanmel über die ganze Erde,erstieg die höchsten Gipfel der Berge, jauchzte Nor Übermut, gedachtewieder uralter Zweifel, grübelte über die Wunder des Tages, undzählte die Sterne der Nacht. Wir kennen noch nicht die Zahl derSterne, die Wunder des Tages haben wir noch nicht enträtselt, diealten Zweifel sind mächtig geworden in unserer Seele — ist jetztmehr Glück darin, als ehemals? Wir wissen, daß diese Frage, wennsie den großen Haufen betrifft, nicht leicht bejaht werden kann; aberwir wissen auch, daß ein Glück, das wir der Lüge verdanken, keinwahres Glück ist, und daß wir in den einzelnen zerrissenen Momenteneines gottgleichercn Znstandes, einer höheren GeisteSwürde, mehrGlück empfinden können, als in den lang hinvegeticrtcn Jahren einesdumpfen Köhlerglaubens.
Auf jeden Fall war jene Kirchenhcrrschaft eine Unterjochung derschlimmsten Art. Wer bürgte unS für die gute Absicht, wie ich sieeben ausgesprochen? Wer kann beweisen, daß sich nicht zuweilen eineschlimme Absicht beimischte? Rom wollte immer herrschen, und alsseine Legionen fielen, sandte es Dogmen in die Provinzen. Wie eineRicsenspinnc saß Rom im Mittelpunkte der lateinischen Welt undüberzog sie mit seinem unendlichen Gewebe. Generationen der Völkerlebten darunter ein beruhigtes Leben, indem sie das für einen nahenHimmel hielten, was bloß römisches Gewebe war; nur der höher-strebcnde Geist, der dieses Gewebe durchschaute, fühlte sich beengt undelend, und wenn er hindurch brechen wollte, erhaschte ihn. leicht dieschlaue Weberin, und sog ihm das kühne Blut auS dem Herzen; —und war das Traumglück der blöden Menge nicht zu teuer erkauftfür solches Blut? Die Tage der Geistcskncchtschaft sind vorüber;alterschwach zwischen den gebrochenen Pfeilern ihre? Kolosseums, sitztdie alte Kreuzspinne, und spinnt noch immer das alte Gewebe, aberes ist alt und morsch, und es verfangen sich darin nur Schmetter-linge und Fledermäuse, und nicht mehr die Steinadler des Nordens.
— Es ist doch wirklich bclttchclnswcrt , während ich im Begriffbin, mich so recht wohlwollend über die Absichten der römischen Kirchezu verbreiten, erfaßt mich plötzlich der angewöhnte protestantische Eifer,der ihr immer das Schlimmste zumutet; und eben dieser Meinungs-zwiespalt in mir selbst giebt mir wieder ein Bild von der Zerrissen-heit der Denkweise unserer Zeit. Was wir gestern bewundert, hassenwir heute, und morgen vielleicht verspotten nur es mit Gleichgültigkeit.
Ans einem gewissen Standpunkte ist alles gleich groß und gleich