Die Harzreise. 53
laden versehen, Ivo in der einen Verminst, in der andern Verstand,in der dritten Witz, in der vierten schlechter Witz, nnd in der fünftengar nichts, nämlich die Idee, enthalten ist.
Wie im Tranine furtwandelnd, hatte ich fast nicht bemerkt, das;wir die Tiefe deS Jlsethales verlassen nnd wieder bergauf stiegen.Dies ging sehr steil und mühsam, und mancher von uns kam außerAtem. Doch wie unser seliger Vetter, der zu Mölln begraben liegt,dachten wir im voraus ans Bergnbstcigen, und waren um so ver-gnügter. Endlich gelangten nur auf den Jlsenstein.
Das ist ein ungeheurer Granitfelsen, der sich lang und keck ausder Tiefe erhebt. Von drei Seiten umschließen ihn die hohen, wald-bcdcckten Berge, aber die vierte, die Nordseite, ist frei, und hier schautman über das unten liegende Jlscnburg nnd die Ilse weit hinab insniedere Land. Auf der tnrmartigcn Spitze des Felsens steht ein großes,eisernes Kreuz, nnd zur Not ist da noch Platz für vier Menschcnfüße.
Wie nun die Natur durch Stellung und Form den Jlsensteinmit phantastischen Reizen geschmückt, so hat auch die Sage ihrenRvscnschein darüber ausgegossen. Gvttschalk berichtet: „Man erzählt,hier habe ein verwünschtes Schloß gestanden, in welchem die reicheschone Prinzessin Ilse gewohnt, die sich noch jetzt jeden Morgen inder Ilse bade; nnd wer so glücklich ist, den rechten Zeitpunkt zutreffen, werde von ihr in den Felsen, wo ihr Schloß sei, geführt nndköniglich belohnt." Andere erzählen von der Liebe des Fräulein Ilsennd des Ritters von Westcnbcrg eine hübsche Geschichte, die einerunserer bekanntesten Dichter romantisch in der „Abendzeitung" be-sungen hat. Andere wieder erzählen anders: Es soll der altsächsischeKaiser Heinrich gewesen sein, der mit Ilse, der schönen Wasserfee, inihrer verzauberten Felsenburg die kaiserlichsten Stunden genossen.Ein neuerer Schriftsteller, Herr Nieman», Wvhlgeborcn, der ein Harz-reiscbnch geschrieben, worin er die Gebirgshöhen, Abweichungen derMagnetnadel, Schulden der Städte nnd dergleichen mit löblichemFleiße nnd genauen Zahlen angegeben, behauptet indeS: „Was manvon der schönen Prinzessin Ilse erzählt, gehört dem Fabelreiche an."So sprechen alle diese Leute, denen eine solche Prinzessin niemalserschienen ist, wir aber, die wir von schönen Damen besonders be-günstigt werden, wissen das besser. Auch Kaiser Heinrich wußte es.Nicht umsonst bingcn die altsächsischcn Kaiser so sehr an ihrem hei-mischen Harze. Man blättere nur in der hübschen Lüneburger Chronik,wo die guten, alten Herren in wunderlich treuherzigen Holzschnittenabkonterfeit sind, wohlgeharnischt, hoch ans ihrem gewappneten Schlacht-rvß, die heilige Kaiserkrone ans dem teuren Haupte, Zepter und Schwertin festen Händen; nnd auf den lieben, knebelbärtigen Gesichtern kannman deutlich lesen, wie oft sie sich nach den süßen Herzen ihrer Harz-Prinzessinnen nnd dem tranlichen Rauschen der Harzwäldcr zurück-