54 Die Harzreise.
sehnten, wenn sie in der Fremde weilten, wohl gar in dem citroncn-nnd giftrcichcn Welschlnnd, wvhin sie und ihre Nachfolger so oft ver-lockt wnrden von dem Wunsche, römische Kaiser zn heißen, einerecht deutschen Titclsncht, woran Kaiser und Reich zu Grunde gingen.
Ich rate aber jedem, der auf der Spike des Jlsensteins steht,weder an Kaiser und Reich, noch an die schöne Ilse, sondern bloßan seine Füße zu denken. Denn als ich dort stand, in Gedankenverloren, horte ich plötzlich die unterirdische Musik des Zauberschlosses,und ich sah, wie sich die Berge ringsum auf die Köpfe stellten, unddie roten Ziegeldächer zn Jlsenburg anfingen zu tanzen, und diegrünen Baume in der blauen Luft herumflogen, daß es mir blauund grün vor den Augen wurde, und ich sicher, vom Schwindel erfaßt,in den Abgrund gestürzt wäre, wenn ich mich nicht in meiner Seelen-nvt ans eiserne Kreuz festgeklammert hätte. Daß ich, in so mißlicherStellung, dieses letztere gcthan habe, wird mir gewiß niemand verdenken.
Die „Harzreise" ist und bleibt Fragment, und die bunten Fäden,die so hübsch hineingcspvnncn sind, um sich im ganzen harmonisch zuverschlingen, werden plötzlich, wie von der Schere der unerbittlichenParze, abgeschnitten. Vielleicht verwebe ich sie weiter in künftigenLiedern, und was jetzt kärglich verschwiegen ist, wird alsdann vollaufgesagt. Am Ende kommt es auch auf eins heraus, wann und woman etwas ausgesprochen hat, wenn man es nur überhaupt einmalausspricht. Mögen die einzelnen Werke immerhin Fragmente bleiben,wenn sie nur in ihrer Vereinigung ein Ganzes bilden. Durch solcheVereinigung mag hier und da das Mangelhafte ergänzt, das Schroffeausgeglichen und das Allznherbe gemildert werden. Dieses würdevielleicht schon bei den ersten Blättern der Harzreise der Fall sein,und sie könnten wohl einen minder sauren Eindruck hervorbringen,wenn man anderweitig erführe, daß der llnmnt, den ich gegenGüttingen im allgemeinen hege, obschvn er noch größer ist, als ichihn ausgesprochen, doch lange nicht so groß ist wie die Verehrung,die ich für einige Individuen dort empfinde, lind warum sollte iches verschweigen, ich meine hier ganz besonders jenen viel teurenMann, der schon in früheren Zeiten sich so freundlich meiner an-nahm, mir schon damals eine innige Liebe für das Studium derGeschichte einflößte, mich späterhin in dem Eifer für dasselbe bestärkte,und dadurch meinen Geist auf ruhigere Bahnen führte, meinem Lebens-mute heilsamere Richtungen anwies, und mir überhaupt jene histo-rischen Tröstungen bereitete, ohne welche ich die qualvollen Erschei-nungen des Tages nimmermehr ertragen würde. Ich spreche vonGeorg Sartvrius, dem großen Geschichtsforscher und Menschen, dessenAuge ein klarer Stern ist in unserer dunkeln Zeit, und dessen gast-liches Herz offen steht für alle fremden Leiden und Freuden, für die