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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
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36 Die Harzreise.

gebildete Leute Vergnügen daran finden, es zu Hetzen und zu täten.Solch ein Tier war barmherziger als die Menschen, und säugte denschmachtenden Schmerzcnreich der heiligen Genovefa.

Allerliebst schössen die goldenen Sonnenlichter durch das dichteTannengrün. Eine natürliche Treppe bildeten die Banmwurzeln.Überall schwellende Moosbänke; denn die Steine sind fußhoch vonden schönsten Moosartcn, wie mit hellgrünen Sammetpolstern, be-wachsen. Liebliche Kühle und träumerisches Quellengemnrinel. Hierund da sieht man. wie das Wasser unter den Steinen silberhell hin-rieselt und die nackten Banmwurzeln und Fasern bespült. Wennman sich nach diesem Treiben hinabbengt. so belauscht man gleichsamdie geheime Bildungsgcschichte der Pflanzen und das ruhige Herz-klopfen des Berges. An manchen Orten sprudelt das Wasser ausden Steinen und Wurzeln stärker hervor und bildet kleine Kaskaden.Da läßt sich gut sitzen. Es murmelt und rauscht so wunderbar, dieVögel singen abgebrochene Sehnsuchtslantc. die Baume flüstern wiemit tausend Mädchenznngcn. wie mit tausend Mädchenangen schauenuns an die seltsamen Bergblnmen, sie strecken nach uns ans diewundersam breiten, drollig gezackten Blätter, spielend flimmern hinund her die lustigen Sonnenstrahlen, die sinnigen Kräutlein erzählensich grüne Märchen, eS ist alles wie verzaubert, es wird immer heim-licher und heimlicher, ein uralter Traum wird lebendig, die Geliebteerscheint — ach, daß sie so schnell wieder verschwindet!

Je höher man den Berg hinaufsteigt, desto kürzer, zwerghafterwerden die Tannen, sie scheinen immer mehr und mehr zusammenzu schrumpfen, bis nur Heidclbeer- und Rotbeersträuche und Berg-krttuter übrig bleiben. Da wird es auch schon fühlbar kälter. Diewunderlichen Gruppen der Granitblöcke werden hier erst recht sichtbar;diese sind oft von erstaunlicher Größe. Das mögen wohl die Spiel-bälle sein, die sich die bösen Geister einander zuwerfen in der Wal-purgisnacht, wenn hier die Hexen auf Besenstielen und Mistgabelneinhergerittcn kommen, und die abenteuerlich verruchte Lust beginnt,wie die glaubhafte Amme es erzählt, und wie es zu schauen ist ansden hübschen Fanstbildcrn des Meister Netzsch. Ja, ein junger Dichter,der ans einer Reise von Berlin nach Göttingen in der ersten Mai-nacht am Brocken vorbeiritt, bemerkte sogar, wie einige belletristischeDamen ans einer Bergeckc ihre ästhetische Thecgesellschaft hielten, sichgemütlich die „Abendzeitung" vorlasen, ihre poetischen Ziegenböckchen,die meckernd den Theetisch nmhüpften, als Universalgenies priesen,und über alle Erscheinungen in der deutschen Litteratnr ihr End-nrteil fällten; doch als sie auch ans den „Nateliff" und „Almansor"gerieten, und dem Verfasser alle Frömmigkeit und Christlichkeit ab-sprachen. da sträubte sich das Haar des jungen Mannes, Entsetzenergriff ihn, — ich gab dem Pferde die Sporen und jagte vorüber.