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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
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Die Harzreise. 37

In der That, wenn man die obere Hälfte des Brockens besteigt,kann man sich nicht erwehren, an die ergötzlichen Blvcksberggeschichtcnzu denken, und besonders an die große, mystische deutsche National-tragödie vom Doktor Faust. Mir war immer, als ob der Pferdefußneben mir hinauf klettere, und jemand humoristisch Atem schöpfe. Undich glaube, auch Mephisto muß mit Mühe Atem holen, wenn er seinenLieblingsberg ersteigt; es ist ein äußerst erschöpfender Weg, und ichwar froh, als ich endlich das langersehnte Brockcnhans zu Gesicht bekam.

Dieses Haus, das, wie durch vielfache Abbildungen bekannt ist,bloß aus einem Parterre besteht, und ans der Spitze des BergeSliegt, wurde erst 1800 vom Grafen Stolbcrg-Wernigerode erbaut,für dessen Rechnung es auch als Wirtshaus verwaltet wird. DieMauern sind erstaunlich dick, wegen des Windes und der Kälte imWinter; das Dach ist niedrig, in der Mitte desselben steht eine turm-artige Warte, und bei dem Hause liegen noch zwei kleine Neben-gebäude, wovon das eine in früheren Zeiten den Brvckcnbesuchernzum Obdach diente.

Der Eintritt in das Brockenhaus erregte bei mir eine etwasungewöhnliche, märchenhafte Empfindung. Man ist nach einem langen,einsamen Umhersteigcn durch Tannen und Klippen plötzlich in einWolkenhaus versetzt; Städte, Berge und Wälder blieben unten liegen,und oben findet man eine wunderlich zusammengesetzte, fremde Ge-sellschaft, von welcher man, wie es an dergleichen Orten natürlich ist,fast wie ein erwarteter Genosse, halb neugierig und halb gleichgültig,empfangen wird. Ich fand das Haus voller Gäste, und, wie es einemklugen Manne geziemt, dachte ich schon an die Nacht, an die Unbehaglichkeit eines Strohlagers; mit hinsterbender Stimme verlangteich gleich Thee, und der Herr Brockcnwirt war vernünftig genug,einzusehen, daß ich kranker Mensch für die Nacht ein ordentlichesBett haben müsse. Dieses verschaffte er mir in einem engen Zimmer-chen, wo schon ein junger Kaufmann, ein langes Brechpnlver in einembraunen Oberrock, sich etabliert hatte.

In der Wirtsstube fand ich lauter Leben und Bewegung. Stu-denten von verschiedenen Universitäten. Die einen sind kurz vorherangekommen und restaurieren sich, andere bereiten sich zum Abmarsch,schnüren ihre Ranzen, schreiben ihre Namen ins Gedächtnisbuch, er-halten Brockenstrttuhe von den Hausmädchen; da wird in die Wangengekniffen, gesungen, gesprungen, gejohlt, man fragt, man antwortet,gut Wetter, Fußweg, Prosit, Adieu. Einige der Abgehenden sindauch etwas angesoffen, und diese haben von der schönen Aussicht einendoppelten Genuß, da ein Betrunkener alles doppelt sieht.

Nachdem ich mich ziemlich rekreiert, bestieg ich die Turmwarle,und fand daselbst einen kleinen Herrn mit zwei Damen, einer jungenund einer ältlichen. Die junge Dame war sehr schön. Eine Herr