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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
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28 Die Harzreise.

I» ihren weißen Nachtmänteln standen die Berge, die Tannen rütteltensich den Schlaf ans den Gliedern, der frische Morgenwind frisierteihnen die herabhängenden, grünen Haare, die Voglcin hielten Bet-stunde, das Wiescnthal blitzte wie eine diamantbesäetc Golddccke, nndder Hirt schritt darüber hin mit seiner läutenden Herde. Ich mochtemich wohl eigentlich verirrt haben. Man schlägt immer Seitenwegennd Fußsteige ein, und glaubt dadurch näher zum Ziele zu gelangen.Wie im Leben überhaupt, geht's uns auch auf dem Harze. Aber esgiebt immer gute Seelen, die uns wieder auf den rechten Weg bringen;sie thun es gern, und finden noch obendrein ein besonderes Vergnügendaran, wenn sie uns mit selbstgefälliger Miene und Wohlwollendlauter Stimme bedeuten, welche große Umwege wir gemacht, in welcheAbgründe nnd Sümpfe wir versinken konnten, und welch ein Glückes sei, daß wir so wegknndige Leute, wie sie sind, noch zeitig an-getroffen. Einen solchen Berichtiget fand ich unweit der Harzburg.Es war ein wohlgenährter Bürger von Goslar, ein glänzend wam-piges, dummkluges Gesicht; er sah aus, als habe er die Viehseucheerfunden. Wir gingen eine Strecke zusammen, nnd er erzählte mirallerlei Spukgeschichten, die hübsch klingen konnten, wenn sie nichtalle darauf hinausliefen, daß eS doch kein wirklicher Spuk gewesen,sondern daß die weiße Gestalt ein Wilddieb war, nnd daß die wimmern-den Stimmen von den eben geworfenen Jungen einer Bache (wildenSan), und das Geräusch auf dein Boden von der Hauskatze herrührte.Nur wenn der Mensch krank ist, setzte er hinzu, glaubt er Gespensterzu sehen; was aber seine Wenigkeit anbelange, so sei er selten krank,nur zuweilen leide er an Hautübcln, und dann kuriere er sich jedes-mal mit nüchternem Speichel. Er machte mich auch aufmerksam ansdie Zweckmäßigkeit und Nützlichkeit in der Natur. Die Bäume sindgrün, weil grün gut für die Augen ist. Ich gab ihm recht, nndfügte hinzu, daß Gott das Rindvieh erschaffen, weil Fleischsnppcn denMenschen stärken, daß er die Esel erschaffen, damit sie den Menschenzu Bcrgleichungen dienen können, und daß er den Menschen selbsterschaffen, damit er Fleischsuppen essen nnd kein Esel sein soll. MeinBegleiter war entzückt, einen Gleichgestimmten gesunden zu haben, seinAntlitz erglänzte noch freudiger, und bei dem Abschiede war er gerührt.

Solange er neben mir ging, war gleichsam die ganze Natur ent-zaubert; sobald er aber fort war, fingen die Bäume wieder an zusprechen, und die Sonnenstrahlen erklangen, nnd die Wiescnbliimchentanzten, nnd der blaue Himmel umarmte die grüne Erde. Ja, ichweiß es besser; Gott hat den Menschen erschaffen, damit er die Herr-lichkeit der Welt bewundere. Jeder Autor, und sei er noch so groß,wünscht, daß sein Werk gelobt werde. Und in der Bibel, den Me-moiren Gottes, steht ausdrücklich, daß er die Menschen erschaffen zuseinem Ruhm und Preis.