Druckschrift 
5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
27
Einzelbild herunterladen
 

Die Harzreise. 27

es seien unterdessen Nolle zwölf Stunden verflossen, und es müßtewieder von vorn anfangen, zwölf zu schlagen. Zwischen dem vor-letzten und letzten Glockenschlage schlug noch eine andere Uhr, sehrrasch, fast keifend gell, und vielleicht ärgerlich über die Langsamkeitihrer Frau Gevatterin. Als beide eiserne Zungen schwiegen, undtiefe Totenstille im ganzen Hanse herrschte, war es mir plötzlich, alshörte ich auf dem Korridor vor meinem Zimmer etwas schlottern undschlappen, wie der unsichere Gang eines alten Mannes. Endlich öffnetesich meine Thür, und langsam trat herein der verstorbene DoktorSaul Ascher. Ein kaltes Fieber rieselte mir durch Mark und Bein,ich zitterte wie Espenlaub, und kaum wagte ich das Gespenst anzusehen.Er sah aus wie sonst, derselbe transsceudentalgraue Leibrock, dieselbenabstrakten Beine, und dasselbe mathematische Gesicht; nur war diesesetwas gelblicher als sonst, auch der Mund, der sonst zwei Winkel von22^/2 Grad bildete, war zusammengekniffen, und die Angenkreise hatteneinen größeren Radius. Schwankend und wie sonst sich auf seinspanisches Röhrchen stützend, näherte er sich mir, und in seinem ge-wöhnlichen mundfaulen Dialekte sprach er freundlich: „Fürchten Sicsich nicht und glauben Sie nicht, daß ich ein Gespenst sei. Es istTäuschung Ihrer Phantasie, wenn Sie mich als Gespenst zu sehenglauben. Was ist ein Gespenst? Geben Sie mir eine Definition?Deduzieren Sic mir die Bedingungen der Möglichkeit eines Gespenstes?In welchem vernünftigen Zusammenhang stünde eine solche Erschei-nung mit der Vernunft? Die Vernunft, ich sage die Vernunft —"Und nun schritt das Gespenst zu einer Analyse der Vernunft, eiticrteKants „Kritik der reinen Vernunft", 2. Teil, 1. Abschnitt, 2. Buch,3. Hauptstück, die Unterscheidung von Phänomena und Noumena,konstruierte alsdann den problematischen Gcspcnstcrglauben, setzte einenSyllogismus ans den andern, und schloß mit dem logischen Beweise,daß es durchaus keine Gespenster giebt. Mir unterdessen lief derkalte Schweiß über den Rücken, meine Zähne klapperten wie Kastag-nctten, aus Seelenangst nickte ich unbedingte Zustimmung bei jedemSatz, womit der spukende Doktor die Absurdität aller Gespcnstcrfurchtbewies, und derselbe demonstrierte so eifrig, daß er einmal in derZerstreuung, statt seiner goldenen Uhr, eine Handvoll Würmer ansder Uhrtasche zog, und, seinen Irrtum bemerkend, mit possierlichängstlicher Hastigkcit wieder einsteckte. „Die Vernunft ist das höchste —"da schlug die Glocke eins, und das Gespenst verschwand.

Von Goslar ging ich den andern Morgen weiter, halb auf Gerate-wohl, halb in der Absicht, den Bruder des KlanSthaler Bergmannsaufzusuchen. Wieder schönes, liebes Sonntngswcttcr. Ich bestiegHügel und Berge, betrachtete, wie die Sonne den Nebel zu ver-scheuchen suchte, wanderte freudig durch die schauernden Wälder, undum mein träumendes Haupt klingelten die Glvckenblümchen von Goslar.