26 Die Harzreisc.
er damit: „Die Vernunft ist das höchste Prinzip." — Vernunft.Wenn ich jetzt dieses Wort höre, fv sehe ich noch immer den DoktorSaul Ascher mit seinen abstrakten Beinen, mit seinem engen, trans-sccndentalgranen Leibrock, und mit seinen: schroffen, frierend kalten Ge-sichte, das einem Lehrbuche der Geometrie als Kupfertnfel dienenkonnte. Dieser Mann, tief in den Fünfzigen, war eine personifiziertegerade Linie. In seinem Streben nach dem Positiven hatte der armeMann sich alles Herrliche aus dem Leben heraus philosophiert, alleSonnenstrahlen, allen Glauben und alle Blumen, und es blieb ihmnichts übrig, als das kalte positive Grab. Ans den Apoll von Bel-vedcre und auf das Christentum hatte er eine specielle Malice. Gegenletzteres schrieb er sogar eine Broschüre, worin er dessen Unveruiinf-tigkcit und llnhaltbarkeit bewies. Er hat überhaupt eine ganze MengeBücher geschrieben, worin immer die Vernunft von ihrer eigenenVortrcfflichkeit renommiert, und wobei es der arme Doktor gewißernsthaft genug meinte, und also in dieser Hinsicht alle Achtung ver-diente. Darin aber bestand ja eben der Hauptspaß, daß er ein soernsthaft närrisches Gesicht schnitt, wenn es dasjenige nicht begreifenkonnte, was jedes Kind begreift, eben weil es ein Kind ist. Einige-mal besuchte ich auch den Vernnnftdoktor in seinem eigenen Hause, woich schöne Mädchen bei ihm fand; denn die Vernunft verbietet nichtdie Sinnlichkeit. Als ich ihn einst ebenfalls besuchen wollte, sagte mirsein Bedienter: Der Herr Doktor ist eben gestorben. Ich fühlte nicht vielmehr dabei, als wenn er gesagt hätte: Der Herr Doktor ist ausgezogen.
Doch zurück nach Goslar. „Das höchste Prinzip ist die Ver-nunft!" sagte ich beschwichtigend zu mir selbst, als ich inS Bett stieg.Indessen, es half nicht. Ich hatte eben in Varuhagen von Enses„Deutsche Erzählungen", die ich von Klausthal mitgenommen hatte,jene entsetzliche Geschichte gelesen, wie der Sohn, den sein eigenerVater ermorden wollte, in der Nacht von dem Geiste seiner totenMutter gewarnt wird. Die wunderbare Darstellung dieser Geschichtebewirkte, daß mich während deS Lesens ein inneres Grauen durch-fröstettc. Auch erregen Gespcnstererzählungen ein noch schauerlicheresGefühl, wenn man sie auf der Reise liest, und zumal des Nachts, ineiner Stadt, in einem Hause, in einem Zimmer, wo man noch niegewesen. Wie viel Gräßliches mag sich schon zugetragen haben aufdiesem Flecke, wo du eben liegst? so denkt man unwillkürlich. Über-dies schien der Mond so zweideutig ins Zimmer herein, an der Wandbewegten sich allerlei unberufene Schatten, und als ich mich im Bettaufrichtete, um hinzusehen, erblickte ich —
ES giebt nichts Unheimlicheres, als wenn man bei Mondscheindas eigene Gesicht zufällig im Spiegel sieht. In demselben Augen-blick schlug eine schwerfällige, gähnende Glocke, und zwar so langund langsam, daß ich nach dem zwölften Glockenschlage sicher glaubte,