Die Harzreise, 25
ist es Tag, und die Vögel singen, und die Hcrdeuglöckchen läuten,und die Berge schinnnern in ihren smaragdgrünen Kleidern, und ichschnüre den Ranzen und wandere.
In diesen philosophischen Betrachtungen und Prioatgefühlen über-raschte mich der Besuch des Hofrat B,, der knrz vorher ebenfalls nachGoslar gekommen war. Zu keiner Stunde hätte ich die wohlwollendeGemütlichkeit dieses Mannes tiefer empfinden können. Ich verehreihn wegen seines ausgezeichneten, erfolgreichen Scharfsinns, noch mehraber wegen seiner Bescheidenheit, Ich fand ihn ungemein heiter,frisch und rüstig. Daß er letzteres ist, bewies er jüngst durch seinneues Werk! „Die Religion der Vernunft", ein Buch, das die Ratio-nalisten so sehr entzückt, die Mystiker ärgert, und das große Publikumin Bewegung setzt. Ich selbst bin zwar in diesem Augenblick einMystiker, meiner Gesundheit wegen, indem ich nach der Vorschriftmeines Arztes alle Anreizungeu zum Denken vermeiden soll. Dochverkenne ich nicht den unschätzbaren Wert der rationalistischen Be-mühungen eines PauluS, Gurlitt, Krug, Eichhorn, Bouterwek, Wcg-schcider u, s, w. Zufällig ist es mir selbst sehr ersprießlich, daß dieseLeute so manches verjährte Übel forträumen, besonders den altenKirchenschutt, worunter so viele Schlangen und böse Dünste, DieLuft wird in Deutschland viel zu dick und auch zu heiß, und oftfürchte ich zu ersticken, oder von meinen geliebten Mitmystikeru inihrer Liebeshitze erwürgt zu werden. Drum ivill ich auch den gutenRationalisten nichts weniger als böse sein, wenn sie die Lust etwasgar zu sehr abkühlen. Im Grunde hat ja die Natur selbst demRationalismus seine Grenze gesteckt; unter der Luftpumpe und amNordpol kann der Mensch es nicht aushalten.
In jener Nacht, die ich in Goslar zubrachte, ist mir etwas höchstSeltsames begegnet. Noch immer kann ich nicht ohne Angst daranzurückdenken. Ich bin von Natur nicht ängstlich, und Gott weiß, daßich niemals eine sonderliche Beklemmung empfunden habe, wenn z. B,eine blanke Klinge mit meiner Nase Bekanntschast zu machen suchte,oder wenn ich mich nachts in einem verrufenen Walde verirrte, oderwenn mich im Konzert ein gähnender Lieutenant zu verschlingendrohte — aber vor Geistern fürchte ich mich fast ebensosehr, wie derOsterreichische Beobachter, Was ist Furcht? Kommt sie aus dem Ver-stände oder aus dem Gemüt? Uber diese Frage disputierte ich sooft mit dem Doktor Saul Ascher, wenn wir in Berlin im (Äks Uozml,>vo ich lauge Zeit meinen MittagStisch hatte, zufällig zusammentrafen.Er behauptete innner, wir fürchten etwas, weil wir es durch Vermmft-schlüsse für furchtbar erkennen. Nur die Vernunft sei eine Kraft, nichtdas Gemüt, Während ich gut aß und gut trank, demonstrierte ermir fortwährend die Vorzüge der Vernunft, Gegen das Ende seinerDemonstration Pflegte er nach seiner Uhr zu sehen, und immer schloß