24 Die Harzreise.
Lippen und der kleinen Hände — und lachend eile ich van hinnen.Ja, ich muß lachen, wenn ich bedenke, daß ich unbewußt jene Zauber-formel ausgesprochen, wodurch unsere Rot- und Blauröcke, öfter alsdurch ihre schnurrbärtige Liebenswürdigkeit, die Herzen der Frauenbezwingen! „Ich reise morgen fort und komme wohl nie wieder!"
Mein Logis gewährte eine herrliche Aussicht nach dem Rammels-berg. Es war ein schöner Abend. Die Nacht jagte auf ihrem schwarzenRosse, und die langen Mähneu flatterten im Winde. Ich stand amFenster und betrachtete den Mond. Gicbt es wirklich einen Mannim Monde? Die Slaven sagen, er heiße Klotar, und das Wachsendes Mondes bewirke er durch Wasseraufgicßcn. Als ich noch kleinwar, hatte ich gehört, der Mond sei eine Frucht, die, wenn sie reifgeworden, vom lieben Gott abgepflückt und zu den übrigen Voll-monden in den großen Schrank gelegt werde, der am Ende der Weltsteht, wo sie mit Brettern zugenagelt ist. Als ich größer wurde, be-merkte ich, daß die Welt nicht so eng begrenzt ist, und daß der mensch-liche Geist die hölzernen Schranken durchbrochen und mit einem riesigenPetri Schlüssel, mit der Idee der Unsterblichkeit, alle sieben Himmelaufgeschlossen hat. Unsterblichkeit! schöner Gedanke! wer hat dichzuerst erdacht? War es ein Nürnberger Spießbürger, der, mit weißerNachtmütze auf dem Kopfe und weißer Thvnpfeife im Maule, amlauen Svmmcrabcnd vor seiner Hausthürc saß, und recht behaglichmeinte, es wäre doch hübsch, wenn er nun so immerfort, ohne "daßsein Pfeifchen und sein LebenSatcmchcu ausgingen, in die liebe Ewigkeithineinvcgetieren könnte! Oder war es ein junger Liebender, der inden Armen seiner Geliebten jenen UustcrblichkcitSgedankcn dachte, undihn dachte, ivcil er ihn fühlte, und weil er nicht ander? fühlen unddenken konnte? — Liebe! Unsterblichkeit! — in meiner Brust wardes plötzlich so heiß, daß ich glaubte, die Geographen hätten den Äquatorverlegt, und er laufe jetzt gerade durch mein Herz. Und aus meinemHerzen ergossen sich die Gefühle der Liebe, ergossen sich sehnsüchtigin die weite Nacht. Die Blumen im Garten unter meinem Fensterdufteten stärker. Düfte sind die Gefühle der Blumen, und wie dasMenschcnhcrz in der Nacht, wo es sich einsam und unbclauscht glaubt,stärker fühlt, so scheinen auch die Blumen, sinnig verschämt, erst dieumhüllende Dunkelheit zu erwarten, um sich gänzlich ihren Gefühlenhinzugeben und sie auszuhauchen in süßen Düften. — Ergießt euch,ihr Düfte meines Herzens, und sucht hinter jenen Bergen die Ge-liebte meiner Träume! Sic liegt jetzt schon und schläft; zu ihrenFüßen kniccn Engel, und wenn sie im Schlafe lächelt, so ist es einGebet, das die Engel nachbeten; in ihrer Brust liegt der Himmelmit allen seinen Seligkeiten, und wenn sie atmet, so bebt mein Herzin der Ferne; hinter den seidenen Wimpern ihrer Augen ist dieSonne untergegangen, und wenn sie die Augen wieder aufschlägt, so