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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
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Die Harzreise. 23

Mann, der, wie aus seinen Reden hervorging, die ganze Welt durch-wandert, besonders lang auf Batavia gelebt, viel Geld erworben undwieder alles verloren hatte, und jetzt, nach dreißigjähriger Abwesenheitwieder nach Quedlinburg, seiner Vaterstadt, zurückkehrte, — „denn,"setzte er hinzu, „unsere Familie hat dort ihr Erbbegräbnis." DerHerr Wirt machte die sehr aufgeklärte Bemerkung, daß es doch fürdie Seele gleichgültig sei, wo unser Leib begraben wird. „Haben Siees schriftlich?" antwortete der Fremde, und dabei zogen sich unheim-liche schlaue Ringe um seine kümmerlichen Lippen und verblichenenÄugelein. „Aber," setzte er ängstlich begütigend hinzu, „ich willdarum über fremde Gräber doch nichts Böses gesagt haben; — dieTürken begraben ihre Toten noch weit schöner als wir, ihre Kirch-höfe sind ordentlich Gärten, und da sitzen sie auf ihren weißen, bc-turbanten Grabsteinen, unter dein Schatten einer Cypresse, undstreichen ihre ernsthaften Bärte, und rauchen ruhig ihren türkischenTabak aus ihren langen türkischen Pfeifen; — und bei den Chinesengar ist es eine ordentliche Lust zuzusehen, wie sie auf deu Ruhestättenihrer Toten manierlich hernmtänzeln, und beten, und Thee trinken,und die Geige spielen, und die geliebten Gräber gar hübsch zu ver-zieren wissen mit allerlei vergoldetem Lattenwerk, Porzellanfigürchen,Fetzen von buntem Seidenzeng, künstlichen Blumen und farbigen Latern-chen — alleS sehr hübsch — wie weit Hab' ich noch bis Quedlinburg?"

Der Kirchhof in Goslar hat mich nicht sehr angesprochen. Desto-mehr aber jenes wunderschöne Lockenköpfchen, das bei meiner Ankunftin der Stadt aus einem etwas hohen Partcrrefcnstcr lächelnd heraus-schaute. Nach Tische suchte ich wieder das liebe Fenster; aber jetztstand dort nur ein Wasserglas mit weißen Glockenbliimchen. Ichkletterte hinauf, nahm die artigen Blümchen aus dem Glase, stecktesie ruhig ans meine Mütze und kümmerte mich wenig um die auf-gesperrten Mäuler, versteinerten Nasen und Glotzaugen, womit dieLeute ans der Straße, besonders die alten Weiber diesem qualifiziertenDiebstahle zusahen. Als ich eine Stunde später an demselben Hausevorbeiging, stand die Holde am Fenster, und wie sie die Glöcken-biiimchcn ans meiner Mütze gewahrte, wurde sie blutrot und stürztezurück. Ich hatte jetzt das schöne Antlitz noch genauer gesehen; eswar eine süße, durchsichtige Verkörperung von Svmmerabendhauch,Mondschein, Nachtigallenlant und Noseudnft. Später, als es ganzdunkel geworden, trat sie vor die Thiire. Ich kam — ich nähertemich — sie zieht sich langsam zurück in den dunklen Hansflur — ichfasse sie bei der Hand und sage: Ich bin ein Liebhaber von schönenBlumen und Küssen, und was man mir nicht freiwillig giebt, dasstehle ich — und ich küßte sie rasch — und wie sie entfliehen will,flüstere ich beschwichtigend: Morgen reis' ich fort und komme wohlnie wieder — und ich fühle den geheimen Wiederdruck der lieblichen