22 Die Harzreise.
Unterschied sagen will; und es hat doch gewiß seine Bedeutung, dadie Deutschen die merkwürdige Gewohnheit haben, daß sie bei allein,was sie thuu, sich auch etwas denken.
In Gottschalks „Handbuch" hatte ich von dem uralten Dom undvon dem berühmten Kaiserstuhl zu Goslar viel gelesen. Als ich aberbeides besehen wollte, sagte man mir, der Dom sei niedergerissen undder Kaiserstuhl nach Berlin gebracht worden. Wir leben in einerbedeutungsschweren Zeit: tausendjährige Dome werden abgebrochen,und Kaiserstühle in die Rumpelkammer geworfen.
Einige Merkwürdigkeiten des seligen Doms sind jetzt in derStephanskirche aufgestellt, Glasmalereien, die wunderschön sind, einigeschlechte Gemälde, worunter auch ein Lukas Cranach sein soll. Fernerein hölzerner Christus am Kreuz und ein heidnischer Opferaltar ausunbekanntem Metall; er hat die Gestalt einer länglich viereckigen Lade,und wird von vier Karyatiden getragen, die, in geduckter Stellung,die Hände stützend über dem Kopfe halten, und unerfreulich häßlicheGesichter schneiden. Indessen noch unerfreulicher ist das dabeistehende,schon erwähnte große hölzerne Kruzifix. Dieser Christuskvpf mitnatürlichen Haaren und Dornen und blutbeschmiertcin Gesichte zeigtfreilich höchst meisterhaft das Hinsterben eines Menschen, aber nichteines gottgeborenen Heilands, Nur das materielle Leiden ist in diesesGesicht hiueingeschnitzelt, nicht die Poesie des Schmerzes. Solch Bildgehört eher in einen anatomischen Lehrsaal, als in ein Gotteshaus,Die kuusterfahrenc Frau Küsterin, die mich herumführte, zeigte mirnoch als ganz besondere Rarität ein vieleckiges, wohlgchobeltes,schwarzes, mit weißen Zahlen bedecktes Stück Holz, das ampelartigin der Mitte der Kirche hängt, O, wie glänzend zeigt sich hier derErfindungsgeist in der protestantischen Kirche! Denn, wer sollte diesdenken! Die Zahlen auf besagtem Stück Holze sind die Psalmcn-nummcrn, welche gewöhnlich mit Kreide auf einer schwarzen Tafelverzeichnet werden und auf den ästhetischen Sinn etwas nüchternwirken, aber jetzt durch obige Erfindung sogar zur Zierde der Kirchedienen, und die so oft darin vermißten Raphaelschen Bilder hinlänglichersetzen. Solche Fortschritte freuen mich unendlich, da ich, der ichProtestant und zwar Lutheraner bin, immer tief betrübt worden,wenn katholische Gegner das leere gottverlassene Ansehen protestan-tischer Kirchen bespötteln konnten.
Ich logierte in einein Gasthofe nahe dem Markte, Ivo mir daSMittagessen noch besser geschmeckt haben würde, hätte sich nur nichtder Herr Wirt mit seinem langen, überflüssigen Gesichte und seinenlangweiligen Fragen zu mir hingesetzt; glücklicherweise ward ich balderlöst durch die Ankunft eines andern Reisenden, der dieselben Fragenaushalten mußte: guis? guick? ndi? gnidns? anxiliis? cur? guo-nwcko? guancko? Dieser Fremde war ein alter, müder, abgetragener