Judengasse. Hier ist wirkliche epische Schöpferkraft, nicht bloßlyrische Subjectivität! Hier beginnt anch eigentlich zuerst derDialog, während bis dahin die Geschichtserzählung vorherrschte;hier fallen die romantischen Coulissen, und die Darstellnngs-gäbe des Dichters tritt in voller Deutlichkeit hervor.^) Derschwere, dicke Trommelhans, der mit seinem rauhen Bierbaß dieMelodie des alten Liedes gurgelt, das einst „die Geißler bei derJudenschlacht" gesungen,^) »nd der das Thor von außen bewacht,der ängstliche Nnsenstcrn, dessen Lebensmotto das Wort ist: „Ichbin nur ein einzelner Mensch" und der mit Beitel Rindskopf dasThor von innen bewacht, endlich Jäckcl, der Narr, mit seinemlachend vollrothcn Gesicht und der unmenschlich großen Fleischhand,das sind plastisch hervortretende Gestalten, die in einer ergötzlichdramatischen Scene uns vorgeführt werden, und aus deren Eigen-lhümlichkeiten sich wie von selbst die Wahrheit des Wortes ergibt,daß der „Rabbi" seiner Gattin seufzend zuruft: „Sieh', schöneSara, wie schlecht geschützt ist Israel! Falsche Freunde hütenseine Thore von außen, und drinnen sind seine Hüter Narrheitund Furcht!"
Der Humor der Judengasse ist nie drastischer und zugleichdoch auch wahrer geschildert worden, als in den nun folgendenScencn vor, in und nach der Synagoge.^) Da ist zunächst derVorsänger, dann der Bassist, der natürlich „ein größerer Narr
ib. 242 fs.
Dies Gcißlerlied hat Heine wahrscheinlich dem Buche von E, Förste -mann: Die christlichen Geißlergesellschaften sHalle 1328), S> 263, entlehnt, woder Text allerdings etwas verändert ist.
s°) ist. 249 fs.