Collerkion des „Freien Blattes", Band III. und Der Rabbi von Bacharach. Von Hüft cor» Kcrrpetes. Alle Rechte vorbehalten. Wien 1895. Verlag des „Freien Blattes" Ch. Neißer ^ M. Wevthner. Vorwort. Hie nachfolgende Arbeit ist die weitere Ausführung eines Bortrages, den ich am 22. Januar 1894 unter für mich sehr merkwürdigen Umständen hier im großen Saale der „Gesellschaft der Freunde" gehalten habe. Etwa drei Stunden vorher war ich von einer weiten Reise heimgekehrt, ans der ich einen theuern Tobten zur letzten Ruhestätte begleitet hatte. Im Morgengrauen desselben Tages hatte ich die russische Grenze Passirt, und die Eindrücke, die ich während meines Aufenthaltes in Polen gesammelt, begleiteten mich auf der Heimreise und verließen mich auch nicht während meines Vortrages. Ist doch die Lage der Juden in jenem Lande auch heute noch nur wenig verschieden von der, welche Heine selbst im Jahre 1823 geschildert hat; ja noch mehr: Selbst zwischen der Jndengassc von Bacharach im XIV. Jahrhundert und der Jndengassc von Czenstochau im XIX. Jahrhundert besteht leider kaum ein wesentlicher Unterschied! Auch das Urtheil, welches Heine damals über die polnischen Juden gefüllt, wird man im Guten wie im Schlimmen auch heute noch unterschreiben können. Es gehört wirklich, um ihren Charakter und ihre Lage zutreffend schildern zu können, etwas mehr dazu, „als die großartige Leihhansanschauung gefühlvoller Romanschriftsteller des Nordens oder .der naturphilosophische Tiefsinn geistreicher Ladcndiener des ^Südens". So webten sich die Faden, die mich von der polnischen Judcu- gasse der neuen Zeit in die deutsche Jndeugasse des Mittelalters uud zum „Rabbi von Bacharach" führten. Ist doch dieses Jugend- wcrk des Dichters bisher das einzige geblieben, welchem noch keine eingehende literarhistorische Untersuchung gewidmet war. Die vorliegende Arbeit ist also der erste Versuch einer solchem Sie wendet sich an den weiten Kreis derer, welchen auch in diesen trüben Tagen nichts Menschliches fern liegt. Dem Vorurtheil wird die Erkenntlich und Würdigung dieser Dichtung doch niemals zuthcil werden; nur der humane, liebevolle Sinn, der für jede geistige Entwicklung zu einem höheren Ziele Verständlich und Interesse hat, wird ihren poetischen Werth und ihre geschichtliche Bedeutung zu schätzen imstande sein. Berlin, 1. August 1895. stl. X. I. Durch die alte, enge Judengasse zu Frankfurt a. M. geht ein Knabe an der Seite seines Vaters. Seltsame Gestalten und schauerliche Phantasien steigen in der Seele des Knaben auf beim Anblick jener hohen, schwarzen Häuser und des armseligen Volkes, das sie bewohnt. Noch lange bleiben diese Erinnerungen in ihm haften. Etwa vier Jahre später') — aus dem phantastischen Knaben ist ein lebensfroher Jüngling geworden — sehen wir diesen wieder durch die armselige, häßliche Lchmgasse der sinstern uralten Stadt Bacharach schreiten. Und siehe da, die alten Phantasien und Geschichten steigen wieder vor seinem Geiste auf; die Verbindung zwischen den beiden Judengassen von Frankfurt am Maine und Bacharach am Rheine ist ebenso rasch eingeleitet wie ausgeführt, und der Plan zu einem großen Dichterwerke liegt abgeschlossen im Geiste, ja noch mehr im Herzen des Jünglings, welcher Harry Heine heißt und ein Sohn jenes Volkes ist, „welches Israel heißt und sehr elend ist und auf den Gassen verspottet wird von den Söhnen des Glücks". U 1815 kam Heine zuerst nach Frankfurt a. M., 1819 nach Bonn. (Werke I. XV, XVII.) Ich citirc nach der zweiten Auflage meiner kritischen Ausgabe von Heine's Werke» in 9 Bdn., Berlin 1891. G. Grote. Schwer lastete der Kummer über diesen Spott damals auf der Seele des Jüugliugs. Noch lebten die Eriuneruugcu an daS patriarchalische Wesen des Elternhauses in der Bolkerstraße zn Düsseldorf in ihm, noch klangen ihm die uralten Melodien der Synagoge im Ohre nach, noch hielt der Zauber der wehmüthig heiteren Feste der Heimat ihn in seinem Banne, und so entstand der „Rabbi bon Bacharach". Man muß, um dieses Werk zn verstehen, vor Allem in die Jugend des Dichters zurückgehe». Heiue's Bater ist uns ans des Dichters Schilderungen zur Genüge bekannt. Er hatte eine grenzenlose Lebenslust, „immer himmelblaue Heiterkeit und Fanfaren des Leichtsinns".2) Er hielt mehr von Soldaten und Pferden, von Schauspielerinnen und Kartenspiel, als von Gebetbüchern und Denkriemen, von Festen und Fasten. Jndeß würde man doch sehr fehl gehen, wenn man etwa daraufhin glauben wollte, daß Samson Heine diesen seinen Neigungen damals in Düsseldorf hätte öffentlich nachgehen können. Das jüdische Leben jener Zeit war noch zu patriarchalisch abgeschlossen. Die Macht der Rabbiner über die Gemüther war noch zu groß, als daß Einzelne es hätten wagen dürfen, aus dem Baunkreise der Synagoge herauszutreten und über deren Gebote sich öffentlich hinwegzusetzen. Nur auswärts, auf Reisen, konnten die jüdischen Freigeister, zu denen auch Samson Heine gehörte, solches wagen. Zu Hause — es muß dies ausdrücklich betont werden —- wurde das jüdische Leben mit seinen Ceremonien und Festen innegehalten. Denn die Mutter hielt darauf. 2) Vitt. S, 405. Betty Heine stammte aus einem frommen Hause, und sie erzog ihre Kinder in demselben Glauben. Wenn Heine von seiner Mutter berichtet, daß „ihr Glaube ein strenger Deismus war", so kann sich das nur auf eine spätere Entwicklungsperiode beziehen. Ich selbst besitze Briefe von Betty Heine in hebräischer Cursivschrift, ganz in dem hausmütterlichen Tone des damaligen jüdischen Fraueulebens gehalten, die einen unzweifelhaften Beweis dafür abgeben, daß mindestens bis in die ersten zehn Jahre dieses Jahrhunderts das Leben im Elternhause Heine's genau dasselbe war, wie das aller anderen Familien der jüdischen Gemeinde zu Düsseldorf. Heine berichtet in seinen „Memoiren" einmal, daß die längste Rede, die sein Vater gehalten, sich aus seine atheistischen Neigungen wahrend der Gymnasialzeit bezogen habe. Sie lautete: „Lieber Sohn! Deine Mutter läßt Dich beim Rector Schallmeyer Philosophie studiren, das ist ihre Sache. Ich meincstheils liebe nicht die Philosophie, denn sie ist lauter Aberglauben, und ich bin Kaufmann und habe meinen Kopf nölhig für mein Geschäft. Du kannst Philosoph sein, soviel Du willst, aber ich bitte Dich, sage nicht öffentlich, was Du denkst, denn Du würdest mir im Geschäft schaden, wenn meine Kunden erführen, daß ich einen Sohn habe, der nicht an Gott glaubt; besonders die Juden würden keine Velveteens mehr bei mir kaufen, und sind ehrliche Leute, zahlen prompt und haben auch Recht, an der Religion zu halten. Ich bin Dein Vater und also aller als Du und dadurch auch erfahrener; Du darfst mir also aufs Wort glauben, wenn ich mir erlaube, Dir zu sagen, daß der Alhcismus eine große Sünde ist."^) VIll. 43V. Es ist nur wenig bekannt, daß das erste Gedicht Heine's ans den religiösen Erinnerungen seiner Jugend hervorgegangen ist. Es ist das Gedicht „Belsazer". Noch in seinen letzten Lebensjahren erinnerte er sich desselben in einem Gespräch mit Ludwig Kalisch: „Und wissen Sie, was mich dazu inspirirt hat? Ein paar Worte in der hebräischen Hymne ,UaeIia,?02 Imlajla/ (Um Mitternacht), die man, wie Sie wissen, an beiden Osterabenden singt."'J Diese Hymne gedenkt nämlich der auf die Geschicke der Inden sich beziehenden Ereignisse, die um Mitternacht vorgefallen, und in fünf Worten spricht sie von dem Tode des babylonischen Tyrannen, der in Folge der Entweihung der Tempelgefäße in der Nacht hinweggerafft wurde. Der Widerstreit zwischen den altjndischen und den Eindrücken des modernen Lebens, zwischen Tradition und Philosophie übte auf die Charakterbildung Heines unzweifelhaft einen nachtheiligen Einfluß aus. Es ging ihm, wie so vielen Männern, die zu Anfang des Jahrhunderts geboren wurden: der Kinderglaube des Hauses blieb ihnen eine schmerzlich-süße Erinnerung, ein unveräußerliches Erbe, von dem sie sich ihr ganzes Leben lang nicht ganz freimachen konnten. Nur von diesem Standpunkt aus muß man das Leben und Schassen Heine's benrtheilen. In Frankfurt a. M. und in Hamburg lebte Heine fast ausschließlich in jüdischen Kreisen; selbst bis auf die Universität nach Bonn begleiteten ihn die heimatlichen Erinnerungen. Einer seiner si I. 65. Der Refrain lautet wörtlich: „Vajlii dsslr»?,! Ii»-Iasla!" (Und es war um Mitternacht.) Der Vorgang selbst wird in der Bibel (Daniel V. 1-2S) erzählt. Vergl. L. Kalisch: Pariser Skizzen, Mainz 1881, S. 331. Freunde uns jener Zeit berichtet/) daß er damals sehr oft an schönen Sommernachmittagen in einem Kahn rheinaufwärts gefahren sei und mit besonderer Vorliebe in Bacharach verweilt habe. Dort weilte ja die Lorelei, und nnch die besten Weine zog man in Bacharach am Rheine auf. Ohne Zweifel ist in solchen Stunden der Plan zum „Rabbi von Bacharach" entstanden. Man kann wohl behaupten, daß der „Rabbi" He ine's prosaisches Erstlingswerk gewesen ist, und ich lege ans verschiedenen noch zu erörternden Gründen Werth auf diese Behauptung. Denn „Die Harzreise" wurde erst im October uud November 1824 geschrieben; vom Roman schreibt er aber schon Ende Juni desselben Jahres °) wie von einer Arbeit, mit der er schon lange beschäftigt sei. Es ist keine Frage, daß der Aufenthalt in Berlin und der Verkehr mit dem „jungen Palästina", vor Allem mit Leopold Zunz, Moses Moser, Josef Lehmann und Immanuel Wohlwill wesentlich die Stimmung beeinflußt hat, aus 5) Friedrich Steinmcmn in seinem Taschenbuch für deutsche Literaturgeschichte, (Münster 1834), S. 60 ff. Die Lorelei-Sage nach Brentano: Zu Bacharach am Rheine — Wohnt' eine Zauberin u. s. w. Godwi, II. 392. Das alte Lied über die drei Städte mit dem besten Weine ist bekannt. Zu Hochheim an dem Maine — Zu Würzburg ans dem Steine — Zn Bacharach am Rheine — Da sind die besten Weine. °) VIII. 431. Unzuverlässig ist wohl die Mitthcilnng Fr. Steinmann's in seinem Buche über Heine (Prag 1857), S. Uli, daß Heine schon im Jahre 1821 in Berlin an dem Werke gearbeitet habe. Die ganze Fassung der Notiz ist so komisch, daß sie keinen Glauben verdient. Im Jahre 1857 kennt er von der Schrift nur den Titel „Der Rabbi" und möchte sich vergewissern, ob sie etwa noch „handschriftsweise" irgendwo in Berlin „beruhe", während das Werk schon seit 17 Jahren im „Salon" abgedruckt war. welcher der „Rabbi" hervorgegangen ist. Gerade in jener Zeit hat ja Heine auch seine Tragödie „Almansor" vollendet, in die er „sein eigenes Selbst" hineingeworfen mit sammt „seinen Paradoxen, seiner Weisheit, seiner Liebe, seinem Hasse und seiner ganzen Verrücktheit". Der „Almansor" ist ein Klagelied des unterdrückten Judenthums, eine Sathre auf das Renegatenthum, welches damals gerade in gebildeten jüdischen Kreisen überhandnahm. Den Grundgedanken des „Rabbi von Bacharach" entsprechen die Verse ziemlich genau, welche man wohl das Motto des „Almansor" nennen kann:?) „Geh' nicht nach Alys Schloß! Pest-Oertern gleich Flieh' jenes Haus, wo neuer Glaube keimt, Dort zieht man dir mit süßen Zangentönen Aus liefer Brust hervor das alte Herz Und legt dir eine Schlang' dafür hinein. Dort gießt man dir Bleitropfen, hell und heiß, Aufs arme Haupt, daß nimmermehr dein Hirn Gesunden kann von wildem Wahnsinnsschinerz, Dorten vertauscht man dir den alten Namen Und gibt dir einen neu'», damit dein Engel, Wenn er dich warnend ruft beim alten Namen, Vergeblich rufe. O, bethörtcs Kind, Geh' nicht nach Alys Schloß, du bist verloren, Wenn man in dir Almansorn wiedersieht." Die erste Mittheilung über den „Rabbi von Bacharach" findet sich in einem Briefe von Moses Moser vom 25. Juni 1824 aus -)II. 13 ff. Göttinge» ;ch sie ist von besonderem Interesse, Weil sie uns in die Arbeitsweise des Dichtcrö und in seine Quellenstudien unniittelbnr einführt: „Außerdem treibe ich viel Chronikenstudium und ganz besonders viel llistoria sullaicn. Letztere wegen Berührung mit dem Rabbi und vielleicht auch wegen inneren Bedürfnisses. Ganz eigene Gefühle bewegen mich, wenn ich jene traurigen Annalen durchblättere; eine Fülle der Belehrung und des Schmerzes. Der Geist der jüdischen Geschichte offenbart sich mir immer mehr und mehr, und diese geistige Rüstung wird nur gewiß in der Folge sehr zu statten kommen. An meinem Rabbi habe ich erst Vz geschrieben, meine Schmerzen haben mich auf schlimme Weise darin unterbrochen, und Gott weiß, ob ich ihn bald und gut vollende. Bei dieser Gelegenheit merkte ich auch, daß mir das Talent des Erzählens ganz fehlt; vielleicht thue ich mir auch unrecht und es ist bloß die Sprödigkeit des Stoffes. Die Paschafeier ist mir gelungen, ich bin Dir für die Mittheilung der Agode Dank schuldig und bitte Dich noch außerdem, mir das Keho Lachma Anja und die kleine Legende Maasse be Rabbi Leser — wörtlich übersetzt zukommen zu lassen. Auch die Psalmstelle im Nachtgebete: ,Zehn- tausend Gewaffnete steh'n vor Solomons Bette' mir wörtlich übersetzt zu schicken. Vielleicht gebe ich dem Rabbi einige Druckbogen Jllustrations auf englische Weise als Zugabe, und zwar originaler Jdeenextract über Juden und ihre Geschichte. — Ben- 6) I. o. Auch iu dem Tagebnchc seines Connnilitone» Eduard Wedekind findet sich in der Zeit »ach Ostern 1824 die Mittheiluug Heine's, „daß er jetzt alte Chroniken ans der Bibliothek cxcerpire und an einer Novelle arbeite, die ein historisches Gemälde ans den Zeiten des Mittelalters sein solle". Vgl. Strodt- mann, Dichterprofile, I. 252 ff. — 10 — jamin von Tudela, der jetzt auf meinem Tische herumreist, läßt Dich herzlich grüßen, er wünscht, daß ihn Znnz mal bearbeite und mit Übersetzung herausgebe. Die Übersetzung und Bearbeitung vom französischen Dr. Witte, die ich vor mir habe, ist unter aller Kritik schlecht, nichts als Schulknabenwitz.Uber die Frankfurter Juden war mir der Schndt sehr nützlich; ich habe beide Qnart- bände ganz durchgelesen und weiß nicht, ob ich mich mehr geärgert über das Rischeß, das über jedes Blatt ausgegossen, oder ob ich mich mehr amüsirt habe über die Rindviehhaftigkeit, womit das Rischcß vorgebracht wird. O, wie haben wir Deutsche uns vervollkommnet! Es fehlen mir jetzt nur noch Notizen über die spanischen Juden im 15. Jahrhundert und besonders über ihre Akademien in Spanien zu dieser Zeit; wo finde ich was? oder besser gesagt, 50 Jahre vor ihrer Vertreibung. Interessant ist es, daß dasselbe Jahr, wo sie vertrieben worden, das neue Land der Glanbensfreiheit, nämlich Amerika, entdeckt worden." Man ersieht aus dieser Mittheilung mit ziemlicher Sicherheit, daß Heine schon längere Zeit vorher am „Rabbi" gearbeitet und bereits den dritten Theil vollendet hatte. Schon im Februar des- 2) Heine meint die Uebersetzung von I. P. Baratier, Vo^aZes 6s Rubi, Lsnjamin Iiis 6s Ions, 6s 1u6sls sn kuropg. Amsterdam 1784. II. Vol. Baratier wurde 1721 geboren und schon 1731 als Student ans der Universität Altdorf immatricnlirt. Daher der Vergleich mit Carl Witte, der ebenfalls als zehnjähriger Knabe die Universität Leipzig besuchte. Das Jtinerarium von B. v. T. ist erst 184U von A. Asher in einer wissenschaftlichen Bearbeitung mit Noten von Znnz, Rappaport u. A. herausgegeben worden. Eine gute deutsche Uebersetzung fehlt heute »och. — 11 — selben Jahres schrieb er Moser, daß er fleißig Chroniken lese, und im Mai 1823 erwähnt er bereits als Hauptqnelle für seine Studien die Geschichte der Juden von Basnage. ") Er ist also ohne Zweifel schon ein Jahr früher an diese Arbeit gegangen, und es ist nicht unmöglich, daß der Durchfall des „Almansor" die äußere Anregung dazu gegeben hat. Während Moser sich nun der Hoffnung hingab, daß „der Rabbi" fast vollendet sei, belehrte ihn ein Brief Heine's vom 25. October desselben Jahres, daß der Roman noch immer nicht über das erste Drittel hinausgekommen. Dieser Brief ist für den Charakter des Werkes selbst von maßgebender Bedeutung. Ich muß ihn daher ganz citireu: „Blutwenig habe ich diesen Sommer geschrieben. Ein paar Bogen au den Memoiren. Verse gar keine. Am Rabbi wenig, so daß kaum i/z davon geschrieben ist. Er wird aber sehr groß, wohl ein dicker Band, und mit unsäglicher Liebe trage ich das ganze Werk in der Brust. Ist es ja doch ganz aus der Liebe hervorgehend, nicht aus eitel Ruhmgier. Im Gegentheil, wenn ich der Stimme der äußeren Klugheit Gehör geben wollte, so würde ich es gar nicht schreiben. Ich sehe voraus, wie viel ich dadurch ver- l°) VIII. 420. ") VIII. 373. Ib. 438 ff. Interessant ist auch sein Urthcil über BaSnage, VIII. 434. Anch die Romanze: Donna Clara (I. 191) ist ein Beweis hicfür. Dieselbe ist im Herbst 1823 entstanden. sVIII. 103.) Mit dem dort citirten „Abraham ans Saragossa" hat Heine übrigens vielleicht jenen Abraham gemeint, der sich ca. 825 dem Kaiser Lndwig empfahl nnd in dessen Schutz aufgenommen wurde. (Lßbrneus ^.brg,bam, lurbitans in oivitats das5!rr-.4uKusw.) Vgl. Aronins, Regcsten zur Geschichte der Inden, S. 32 ff. u. 3. — 12 — schütte und Feindseliges herbeirufe. Aber eben auch, weil es aus der Liebe hervorgeht, wird es ein unsterbliches Buch werden, eine ewige Lampe im Dome Gottes, kein vcrprasselndes Theaterlicht. Ich habe viel Geschriebenes in diesem Buche wieder ausgelöscht, jetzt erst ist es mir gelungen, das Ganze zu fassen, und ich bitte nur Gott, mir gesunde Stunden zu geben, es ruhig niederzuschreiben. Lächele nicht über dieses Gackern vor dem Eierlegen. Lächele auch nicht über mein langes Brüten, so ein gewöhnliches Gänseei (ich meine nicht Dr. Gans) ist schneller ausgebrütet, als das Taubenei des heiligen Geistes. Du hast vergessen, mir paar Notizen mitzutheileu, die ich in meinem letzten Briefe zum Behuf des Rabbi verlangte. Dem Dr. Zunz lasse ich für seine Mitthcilung über die spanischen Juden tausendmal danken. Ob- schon sie höchst dürftig ist, hat Zunz mir doch mit einem einzigen scharfsinnigen Wink mehr genutzt, als einige vergeblich durchstöberte Quartbände, und er wird unbewußt ans den Rabbi influcnzirt haben. Da Zunz kein Formelmensch ist, so kann ich einen besonderen Brief sparen, indem ich Dir mittheile, was Du ihm sagen sollst. Dieses besteht noch darin: 1. daß ich ihn liebe, 2. daß ich ihn schätze, 3. daß ich wünsche, er Hütte die Güte, mir anzuweisen, wo ich gute Notizen finde über die Familie der Abarbanels (auch AbravanelS genannt). — Im Baönage habe ich wenig gesunde». Die schmerzliche Lectüre des Basnage ward Mitte vorigen Monats endlich vollendet. Was ich spcciell suchte, habe ich eigentlich nicht darin gefunden, aber viel Neues entdeckte ich und viele neue Ideen und Gefühle werden dadurch in mir aufgeregt. Das Ganze des Buches ist großartig, und einen Theit des Eindrucks, den es auf mich gemacht, habe ich den 11. September in folgender Reflexion angedeutet: (An Edom!) Ein Jahrtausend schon und länger Dulden wir uns brüderlich; Du, Du duldest, daß ich athme, Daß Du rasest, dulde ich. Manchmal nur, in stillen Zeiten, Ward Dir wunderlich zu Math, Und die liebefrommen Tätzchen Färbtest Du mit Deinen» Blut! Jetzt wird nnsre Freundschaft fester, Und noch täglich nimmt sie zu, Denn ich selbst begann zu rasen, Und ich werde fast »nie Du! Aber wie ein Wort das andere gibt, so gibt auch ein Vers den anderen, und ich will Dir zwar unbedeutendere Verse mittheilen, die ich gestern Abend machte, als ich über die Weendcr- straße trotz Regen und Wetter spaziren ging und an Dich dachte, und an die Freude, wenn ich Dir mal den Rabbi zuschicken kann, und ich dichtete schon die Verse, die ich aus den weißen Umschlag ") Das Autograph dieses Gedichtes befindet sich jetzt in ineinen» Besitze und ich möchte danach einige Fehler berichtige»», die aus den» ersten Abdruck (Briefe von Heinrich Heine an seinen Freund Moses Moser, S. 114 ff.) sich in alle Heine-Ausgaben eingeschlichen haben. Z. 4 ist das Wort „rasest" vom Dichter ^unterstrichen. Z. S lautet wörtlich: Freilich oft iu dunkeln Zeiten. Z. 6 heißt es war statt ward. Z. 7 heißt es lieben, frommen statt liebefrommen. Z. 8 ist die Variante tauftest statt färbtest wieder durchgestrichen, („mit Deinem Blut" ist I. o. wohl nur ein Druckfehler.) Z. 9 heißt es ist statt wird. — 14 — des Exemplars als Vorwort für Dich schreiben würde — und da ich keine Geheimnisse für Dich habe, so will ich Dir schon hier jene Verse mitthcilen: Brich aus in laute» Klage», Du dnst'res Martyrerlied, Das ich so laug getragen Im flammenstilleii Gemüth! Es dringt in alle Ohren, Und durch die Ohren ins Herz; Ich habe gewaltig beschworen Den tausendjährigen Schmerz. Es weinen die Großen und Kleinen, Sogar die kalten Herrn, Die Frauen und Blumen weinen, Es weine» am Himmel die Stern'! Und alle die Thräncn fließen Nach Süden, im stillen Verein, Sie fließen und ergießen Sich all' in den Jordan hinein." Nicht ohne innige Rührung wird man diese Bekenntnisse lesen; es liegt denselben ein wahres Gefühl und eine tiefe Empfindung zu Grunde. „Zentnerschwer" lag ihm die Vollendung des Werkes auf der Seele. Am 11. Januar 1825 schreibt er wieder an Moser:") ^Jch schreibe wenig, lese viel. Immer noch Chroniken und Quellenschriftstellcr ... an die Fortsetzung meines armen Rabbi darf ich in diesem Augenblick nicht gehen." Ebenso theilt er an Ludwig Robert mit (4. März 1824): ^) ^Jch schrieb blos . . . ") Ib. 443. VIII. 447. und an meinem Rabbi, der noch nicht zur Hälfte fertig und ebenfalls nicht für jetzige Mitteilung geeignet ist." Fast in jedem Briese an Moser spricht er von der Arbeit an dem Roman. So am 1. April 1825:'°) „Dieses uneigennützigste Werk wird auch das gediegenste werden." Die Vorarbeiten zur Promotion hinderten allerdings den Dichter, ununterbrochen an seinem Lieblingswerk zu arbeiten. Doch zeigt uns ein etwa drei Wochen vor dem Examen geschriebener Brief, daß er den Plan unaufhörlich verfolgte;") er arbeitete in jenem Sommer „so angestrengt als nur möglich Jurisprudenz, Geschichte und den Rabbi. Letzterer schreitet nur langsam vorwärts, jede Zeile wird abgekämpft, doch drängt's mich unverdrossen weiter, indem ich das Bewußtsein in mir trage, daß nur ich dieses Buch schreiben kann, und daß das Schreiben desselben eine nützliche, gottgefällige Handlung ist. Doch ich breche hiervon ab, indem dieses Thema mich leicht dazu bringen kann, von der eigenen Seelengröße selbst bespiegelnd zu renommiren. — Zunz hat mir zwar schon mal durch Dich geschrieben, wo im XV. Jahrhundert die vornehmste Schule der spanischen Juden war, nämlich in Toledo; aber ich möchte wissen, ob dieses auch vom Ende des XV. Jahrhunderts zu verstehen ist? Er nannte mir auch Sevilla und Granada, aber ich glaube im Basnage gelesen zu haben, daß sie früher schon mal aus Granada vertrieben worden. Auch, wie ich Dir notirt, möchte ich über die Abarbanels etwas erfahren, was ich nicht aus christlichen Quellen schöpfen kann. Wolf hat diese alle in seiner Bibliothek angeführt. Bagl ist dürftig. Schudt hat ebenfalls etwas zusammengerafft. Bartolocci "st Ib. 449. 'st It>. 455. — 16 — Hab' ich noch nicht gelesen. Wenig, unbegreiflich wenig enthalten die spanischen Historiker von den Juden. Ueberhaupt hier ist aegyptische Fiustcrniß. Ende dieses Jahres denke ich den Rabbi fertig zu haben. Es wird ein Buch sein, das von den Znnzen aller Jahrhunderte als Quelle genannt werden wird." Nun folgt die Promotion des Dichters und — seine Taufe. Es ist vom psychologischen Staudpunkte auS charakteristisch, daß er gerade in jener Zeit am eifrigsten an seinem „Rabbi" arbeitete. Es scheint in der That, als hätte er mit diesem Werke eine Art Ehrenrettung oder Selbstvertheidigung beabsichtigt. „Gruße mir Zunz recht herzlich," schreibt er am 22. Juli 1825.^) „Sage ihm, daß ich ihm recht sehr danke für seine Notizen. In Granada haben 1492 wirklich Jude» gewohnt, denn sie werden in der Capitulation dieser Stadt ausdrücklich erwähnt. Uebcr Abarbanel habe ich die Dissertation von Mastis (vita, ^starbaimlis) über ihn aufgetrieben, alle christlichen Quellen zusammengestellt, aber sehr dürftig." Für den Seelenzustand Heine's in jener Zeit, in der er um äußerer Vortheile willen der Idee treulos wurde, die er durch seine Studien und Arbeiten liebgewonnen hatte, ist die Stelle in dem nun folgenden Briefe an Moser, wahrscheinlich aus Lüneburg von Anfang October 1825, sehr merkwürdig. „Da mal die Rede von Büchern ist, so empfehle ich Dir Golowin's Reise nach Japan. Du ersiehst daraus, daß die Japaner das civilisirteste, -ch Ib. 458. Ib. 464 ff. Golowin's Reise nach Japan, deutsch von Schulz. Leipzig 1817. — 17 — urbanste Volk auf der Erde sind. Ja, ich möchte sagen: das christlichste Volk, wenn ich nicht zu meinem Erstaunen gelesen, wie eben diesem Volke nichts so sehr verhaßt und zum Greuel ist, als eben das Christenthnm. Ich will ein Japaner werden. Es ist ihnen nichts so verhaßt wie das Kreuz. Ich will ein Japaner werden. — Vielleicht schicke ich Dir heute noch ein Gedicht aus dem Rabbi, woriu ich leider wieder unterbrochen worden. Ich bitte Dich sehr, das Gedicht sowie auch, was ich Dir von meinen Privatverhältuissen sage, Niemandem mitzutheilen. Ein junger, spanischer Jude, der sich aber aus Luxusübermuth taufen läßt, correspondirt mit dem jungen Jehuda Abarbanel und schickt ihm jenes Gedicht, aus dem Maurischen übersetzt. Vielleicht scheut er es doch, eine nicht sehr noble Handlung dem Freunde unumwunden zu schreiben, aber er schickt ihm jenes Gedicht. — Denk nicht darüber nach — — — Sobald ich in Hamburg oder in Berlin zur Ruhe komme, will ich den Rabbi fortsetzen." So geht es auch im nächsten Jahre fort. Am 9. Jänner 1826 schreibt er an Moser:"") „Wenn ich nur Ruhe gewinne, den Rabbi ausschreiben zu können!" Und im folgenden Briese (14. Februar 1826): „Auch den Rabbi will ich — gegen Deine engherzige Mahnung — hier fertig machen, und er soll schon im zweiten Theil meiner Reiseschriften erscheinen, deren erster Theil im Verlage von Hofsmann -k Campe diese Ostern herauskommt." Noch im Mai desselben Jahres schreibt er an Zunz:^) „Im 2°) Ib. 497. -st Ib. 480. Ib. 486. 2 — 18 — zweiten Theil der ,Ncisebilder° erscheint der Rabbi, und zwar sehr beschnitten — doch sollen in demselben Theil noch viele Cnriosa enthalten sein." Und ebenso an Josef Lehmann 22) (26. Mai 1826): „Im zweiten Bande soll ebenfalls der Rabbi erscheinen, und ich bin darauf gefaßt, daß ich alsdann in der fromm-christlichen Welt ganz verhaßt bin. Ich hoffe, es wird mir alsdann nicht viel mehr daran gelegen sein." Noch zwei Monate später^) (8. Juli 1826) bleibt er, gegen die engherzige Mahnung Moser's, bei seiner Absicht: „Der zweite Theil soll Ende des Jahres gedruckt werden. Er soll viel Verwunderliches enthalten, z. B. den Rabbi. .Und Dich hat niemals rathcnd beschützt die Göttin der Klugheit, Pallas Athene!' Du hast recht, und hast immer recht." Und nun wird es still von dem Werke in Heine's Briefen. Im zweiten Theil der „Reisebilder", der zu Ostern 1827 erschien, war der „Rabbi" nicht enthalten. Erst fünf Jahre später, in einem Briefe an Friedrich Merckel ans Paris (24. August 1832) wird das Werk wieder erwähnt: „Ein Roman ist mir mißglückt; doch werde ich wohl in einer Sammlung, welche ich diesen Winter besorge, und worin ich auch den Rabbi hineinschmeiße, einige Romanstücke geben." Heine hatte also damals wahrscheinlich die Absicht, das Werk in den ersten Band des „Salon" aufzunehmen. Diese Absicht wurde jedoch durch die traurige Katastrophe einer Feuersbrnust vereitelt, welche im Hanse seiner Mutter, die damals auf dem Neueuwall 28 in Hamburg wohnte, ausbrach und alle Manuscripte des Dichters, die er seiner Mutter in Verwahrung. 2--) Ib. 489. Ib. 492. 2°) IX. 13. — 19 — ö gegeben hatte, vernichtete. Unter diesen Manuscriptcn befanden sich nach seinen eigenen Mitlhcilungen 2°) (17. Mär; 1837) die Memoiren, „der Roman seines Lebens", ferner (16. Juli 1833) sämmtliche Briefe von Nahet bis ans einen, und endlich der „Rabbi von Bacharach". Nach den bestimmten Versicherungen der Schwester des Dichters Frau Charlotte Embde n, war der „Rabbi von Bacharach" vollendet, als das Manuscript in ihrer Wohnung verbrannte. Wir haben kein Recht, an diesen Versicherungen zu zweifeln. Auch nach den eigenen Mittheilungen Heine's, die noch folgen werden, sind wir zu dieser Annahme berechtigt. Wie mir Frau Embdcn erzählte, habe der bekannte Hamburger Tempelprediger Dr. Gotthold Solomon das ganze Werk gelesen und es als ein vollendetes Sittengemälde des alten Judcnthums belobt. Adolf Strodtmann behauptet dagegen, daß nur der Anfang des Werkes ein Raub der Flammen geworden sein könne. ^) Er fügt hinzu: „Vermuthlich besaß Heine noch eine Abschrift der ersten beiden Capitel und begann später die Fortsetzung hinzuzudichten; wenigstens ist in dem mir vorliegenden Manuscripte nur das unvollendete dritte Capitel und die Bemerkung, daß ,der Schluß ohne Verschulden des Autors verloren gegangen', von Heine's eigener Hand geschrieben". Dieses Argument ist allerdings ein sehr triftiges. Vergleicht man die drei erhaltenen Capitel des Fragmentes miteinander, so wird man bald zu der Erkenntnis) gelangen, daß das dritte auf 2°) Ib. 22, 76, Vgl, auch die Schilderung dieser Fcnersbrnnst iu deu Erinnerungen der Fürstin dclla Rocca, S, 37, und in ihren Skizzen, S, 37 ff, 2') Bd. IV, S, VIII, der ersten Gesammtansgabe, Hamburg 1861, s» einen ganz anderen Ton gestimmt ist als die beiden ersten. Kein Zweifel, daß dasselbe erst 1840 entstanden. Am 17. Jnli d. I. bietet Heine seinem Verleger den vierten Thcil des „Salon" an. Er schreibt darüber:^) „Der vierte Theil besteht 1. ans einem ungedrnckten Sittengemälde, wovon ich nnr noch ein Fragment besaß (der Rest verbrannte bei meiner Mutter) und welches ich hier ergänzen wollte. Ich ergänze es jetzt noth- dürftigst, eS wird etwa sieben bis acht Bogen betragen, und ich schicke Ihnen das Manuscript in zwei Sendungen mit der Briefpost." Drei Tage später schreibt er an denselben:^) „Ich habe dieses mittelalterliche Sittengemälde vor etwa fünfzehn Jahren geschrieben, und was ich hier gebe, ist nur die Exposition des Buches, das bei meiner Mutter verbrannt ist — vielleicht zu meinem Besten. Denn im Verfolge traten die ketzerischesten Ansichten hervor, die sowohl bei Inden wie Christen viel Zetergeschrei hervorgerufen hätten." Und abermals drei Tage später:^) „Ich hoffe, daß Ihnen der Rabbi gefällt, und ich glaube, daß das Thema zeitliche Interessen und Sympathien berühren wird; wenigstens wird das Buch als ein beachtenswertheS Originalwcrk unter meinen anderen Büchern eine honette Stellung einnehmen." Das ist Alles, was wir von Heine über seinen „Rabbi" hören, und wir sind nunmehr wohl zu diesen Schlußfolgerungen berechtigt: Der „Rabbi von Bacharach" war Heine's erstes Prosa- IX. 158. 2S) Ib. 159. Ib. 16V. Bei dieser Gelegenheit sei bemerkt, daß die Erzählung in der ersten Original-Ausgabe den Titel: „Der Rabbi von Bacherach" trägt. In den späteren Ausgaben heißt es immer: Bacharach. Werk. Es war so gut wie vollendet, als das Manuscript 1833 in Hamburg verbrannte. Das dritte Capitel ist 1840 entstanden, und Heine mochte wohl damals den Versuch unternommen haben, das Werk zu vollenden; es war dies aber ein Unternehmen, das in den veränderten Lebensverhältnissen und bei seiner damaligen Lage wohl kaum gelingen konnte. II. Nachdem wir die Geschichte des Fragments kennen gelernt, wollen wir nun das Werk selbst einmal näher betrachten, das auch als Torso noch das uugetheilte Interesse, ja die aufrichtige Bewunderung aller Leser verdient. Als Heine den vierten Theil des „Salon" zugleich mit seinem Buche über Börne in die Welt hiuauSschickte, hegte er die Hoffnung,^) daß „das unschuldige Lamm" von dem „brüllenden Löwen" mit fortgerissen werden würde, aber diese Hoffnung täuschte ihn. In dem betäubenden Lärm, den seine Schrift gegen Börne hervorrief, ging der vierte Theil des „Salon" vollständig verloren. Der „Rabbi von Bacharach" blieb ein Stiefkind der Kritik bis auf diesen Tag. Keiner der Beurtheiler Heine's hat sich eingehend mit demselben befaßt; die meisten drückten sich mit einigen billigen Lobsprüchen an dem Werke vorüber. Dabei ist es interessant, zu beobachten, wie gerade die größten Gegner Heine's dieses Werk am meisten loben. Unter diesen nimmt Karl Goedeke sicher wohl den ersten Platz ein. Er schreibt darüber:^) „Es ist zu bedauern, daß diese Arbeit nicht über die Anfänge hinaus gefördert wurde, da sie unter Allem, ") Ib. 153. Grundriß zur Geschichte der deutschen Dichtung, Bd. III, S. 449. — 22 — was Heine versucht hat, das Gediegenste zu werden versprach. Sind auch die einzelnen Züge in dem Erhaltenen meistens aus der Gegenwart hergenommen, zeigt sich auch eine entschiedene Nachahmung der Hoffmann'schen Bizarrerien, und nimmt auch die Sathre ans das Treiben der Frankfurter Jndengasse einen großen Raum ein, so ist die Erzählung doch ruhig und bedächtig mit dem Charakter der mittelalterlichen Zeit in Einklang gebracht, die Grundlegung der Motive geschickt und ungesncht bewerkstelligt, die Darstellung einfach, fest und anschaulich gehalten, zugleich der Haß gegen die Verfolger unter den Christen energisch in Thaten derselben versinnlicht und vom geschichtlichen wie vom persönlichen Standpunkte wohl begründet; auch sind die Charaktere inhaltrcich und entwicklungsfähig angelegt, leider aber wenig über die Anlage hinaus geführt." Und ein anderer Literarhistoriker, Adolf Stern, bemerkt hiezu:^) „Goedeke hätte hinzufügen dürfen, daß der .Rabbi von Bacharach' außerdem allen buntfarbigen Glanz des Heine'schen Colorits, allen Zauber seiner lyrischen Stimmung aufweist." Im gleichen Sinne, wenn auch erheblich kürzer, sprechen sich Julian Schmidt, Rudolf Gottschall, Johannes Scherr und andere Literarhistoriker über das Fragment ans. Soweit ich die Heine-Literatur übersehen kann, ist dem Werke nur ein einziger Gegner erstanden; und dieser eine Gegner — ist einer der wärmsten Verehrer des Dichters, Wilhelm Bölsche. Dieser meint,24) daß 62) Geschichte der neuen Literatur, Bd. VI, S. 237. 64) Heinrich Heine, S. 133 fs. Auch Georg Brandes: Die Literatur des XIX. Jahrhunderts in ihren Hansitstromuugcn, Bd. VI, S. 142, findet, daß das Werk „mit Unrecht mit Lob überschüttet" worden sei. — 23 — „die übermäßige formlose Fülle von subjectiver Gemülhserregnng", die Heine gegeben war, sich in der Lyrik am reinsten ausleben mußte, daß dieselbe aber im Drama wie im Roman die Knnst- form sprengen und „hoffnungslosen Schiffbruch" erleiden mußte. „Anstatt einzusehen, daß jene strengen Kunstformen — Drama oder Roman — eben nicht für ihn taugen, weil sie das Snbjective in solcher Fülle nicht vertragen, glaubte er den Knoten gelöst zu haben, wenn er einfach das Snbjective ganz herausstreicht. In Wahrheit unterbindet er sich damit die Herzader. Das Werk, das entsteht, ist allerdings objecliv, aber es ist nicht objectiv in dem Sinne, daß es eigenes Leben hätte, sondern es ist vom ersten Satze an todt, leer, schattenhaft, ohne Blut und Wärme." Das ist ein hartes Urtheil, und ich glaube nicht, daß viele Leser, die unbefangen an das Werk herantreten, dasselbe billigen werden. Der „Rabbi von Bacharach" ist nach eigenem Geständnis; ein Denkmal der Liebe dcö Dichters zu seinen Stammesgenossen, einer Liebe, die sich manchmal allerdings recht seltsam äußert, die aber in unbewachten Augenblicken um so stärker hervortritt, je eifriger sie sich vorher zu verbergen suchte. Es liegt über dem Werke der Hauch der Stimmung, die Heine in jenen Tagen erfüllte, da er leichtsinnigerweise die Glanbcnscocarde wechselte. Es tritt dies am deutlichsten in der Selbstschilderung, welche Heine unter fremder Maske in dem Roman entworfen hat, hervor. Und er behauptete nicht zu viel, wenn er dem Freunde, der an dem Werke so lebhaften Antheil nahm, wenn er Moses Moser erklärte, daß nur er allein dies Werk schreiben konnte. Als Heine seinen „Rabbi" zu schreiben anfing, lag der historische Roman in Deutschland sozusagen noch in seinen Anfängen. Für den psychologischen Roman lag in den „Wahlverwandtschaften" bereits ein erhabenes Master vor; für den historischen Roman existirte nur das Vorbild Walter Scott's, dessen eifriger Verehrer Heine war, wenn er auch die Ueberzeugung aussprach, daß es mehr die Themata der Romane Scott's seien, welche seinen Dichterruhm bewirkt haben, als die poetische Kraft derselben.^) Der Einfluß Walter Scott's zeigt sich bei Heine in der Magie des Localcolorits und in der objectivcn Treue der Darstellung; gerade darin liegt aber auch der Hauptwerth des Werkes. Aber von „Hoffmaun'schen Bizarrerien" habe ich in dem Fragment nur wenig finden können. Es mag sein, daß bei der Schilderung der Rheinfahrt und im Besondern bei der Charakteristik des „stummen Wilhelm" das Vorbild E. T. Hoffmann's, den Heine damals eifrig las, wirksam war. Darüber hinaus findet sich aber gerade in dieser Arbeit wenig, was an den bizarren Schriftsteller erinnert.^) III. 33 ff. Auch der neueste Biograph Hoffmann's, Georg Ellinger, der einer der feinsten Kenner dieses Dichters ist, neigt derselben Ansicht zu. Er schreibt mir hierüber: „Nur die Vision der Sara am Ende von Cap. I. zeigt hin und wieder eine gewisse Aehnlichkeit mit Hoffmann's Weise, doch ist die Verwandtschaft nicht so stark, daß man unbedingt an eine Abhängigkeit denken müßte. Auch was sich an Anklängen findet, ist nicht ausschlaggebend (Cap. I, IV., 235). Ein Eisstrom ergoß sich in ihre Seele; Hofsmann (im Fragment ans dem Leben dreier Freunde, Werkel, 112: „Ich ging unter in dem Eisstrom tiefsten Entsetzens"). An Hoffmaun könnten vielleicht noch die Worte ans derselben Seite des „Rabbi von Bacharach" erinnern: „Plötzlich aber glaubte sie dort ihre Freunde und Verwandten zu sehen, wie sie mit Leichengesichtern und weiß- wallenden Todtenhcmden schreckhaft vorüberliefen, den Rhein entlang." Von den Vorwürfen, die man gegen dieselbe erhoben hat, dürfte der, den Heine's Vetter, Hermann Schiff, zuerst ausgesprochen, daß die Vorgeschichte am wenigsten fehlen dürfte, wenn das Ganze Wahrscheinlichkeit haben sollte, vielleicht am ehesten begründet sei». „Wer waren die lieben Gäste, welche auf einen so empörenden Berrath ausgingen? Waren es Christen, so durfte sie der Rabbi nicht in seinem Hause aufnehmen. Waren es Juden, was konnte sie bewegen, eine Bartholomäusnacht über sich und ihre Glaubensgenossen heraufzubeschwören?" Auf diese theilweise berechtigten Fragen gibt Schiff freilich selbst die triftige Antwort: „Es konnten also nur getaufte Juden sein!", eine Antwort, welche der Verlauf der jüdischen Geschichte im Mittelalter uu- zähligemale bestätigt hat. Schiff hat deshalb kein Recht, weiter zu sagen: „Heine konnte nicht gut ohne Erbitterung an eine Judenverfolgung denken, und hier überließ er sich rücksichtslos seinem lyrischen Zorn, was einer Novelle nicht ersprießlich ist." Das ist kein lyrischer Zorn, der sich in diesem Werke ausspricht, sondern die blutige Tragik der Weltgeschichte. Ein anderer Vorwurf, daß die einzelnen Züge in dem Fragment aus der Gegenwart herübergenommen seien, dürfte eher als ein Verdienst des Dichters anzuerkennen sein, wenn es ihm gelungen ist, diese Züge glaubhaft in die Vergangenheit zurückzuvcrlegen. Strenge Beurtheiler wollen ja dem historischen Roman nur dann eine künstlerische Berechtigung zugestehen, wenn er in seiner geistigen Sphäre ein Spiegelbild der Gegenwart bildet. Auch ein dritter Vorwurf, daß Heinrich Heine und der Neuisraclitismus, S. 16. In demselben Buche, S. 23 ff., erzählt Schiff von einer Judenverfolgung, die der zu Bacharach sehr ähnlich ist. Seine sonstigen Mittheilungeu sind wenig zuverlässig. die Satyre auf das Treiben in der Frankfurter Jndengasse einen zu breiten Raum einnehme, ist unbegründet, da hierbei nur das kurze Fragment, nicht aber die breite, epische Anlage eines Romans berücksichtigt wurde. Der „Rabbi von Bacharach" sollte aber ein großer Roman werden, zu dem die vorhandenen drei Capitel wohl wenig mehr als die Exposition bildeten. Aber welche starke dramatische Kraft liegt nicht schon in diesen wenigen Capiteln, die allein schon eine Tragödie für sich bilden und den Versuch geradezu herausfordern, dieses dichterische Werk in dramatische Formen zu pressen! Allerdings ist dieser Versuch bis jetzt nicht geglückt. Ein Drama, „Rabbi David", welches in jüngster Zeit viel besprochen wurde, ist im Wesentlichen allerdings auf der Fabel des „Rabbi von Bacharach" aufgebaut, wenn es auch in der Ankündigung dieses Dramas heißt: „Wer Heine's Novellenfragmcnt wirklich je gelesen hat, der weiß, daß man dasselbe höchstens als Exposition eines Dramas verwerlhen kann. Der Dichter des ,Rabbi David' hat auch nur wenig aus dem Heinc'schen Torso benutzt und Manches sogar geändert, und zwar zur Verschärfung des dramatischen Conflicts, den er allein ersonnen und von dem sich bei Heine keine Spur vorfindet." Das klingt ja recht hübsch, und man könnte dem anonymen Dichter für diese Ehrenrettung Heine's eigentlich dankbar sein, aber die Sache verhält sich in Wirklichkeit doch etwas anders, als es in dieser Ankündigung heißt, und man braucht nur eineu Blick in das Drama zu werfen, um sich davon des Weiteren zu überzeugen. Der Vollständigkeit wegen möge hier in Kurzem der Inhalt des Dramas „Rabbi David" folgen, dessen Stoff natürlich ebenfalls der „Nitualmord" bildet. Rabbi Davids Tochter Lea ist aus einer heimlichen Verbindung mit einem christlichen Arzt Mutter eines todtgeborenen Kindes geworden, an welchem der verworfene Diener Joel den Schächtschnitt ausführte, um den Kindesmord seiner Geliebten, deren „Madonnengesicht" so etwas nicht zuzutrauen ist, zu verheimlichen. Der Rabbi flüchtet mit seiner Tochter nach Frankfurt, wo er durch einen getauften Inden vor Gericht angeklagt wird. Es erfolgt nach der Verhandlung Freisprechung, aber in der folgenden Nacht dringt der aufgeregte Pöbel mit Flagellanten, Raubgesindel und Landstreichern ins Jndenviertel und inscenirt eine Judenschlacht. Erst durch Aufgebot kaiserlicher Macht kann der Aufstand gedämpft werden. Im Angesicht der brennenden Synagoge reichen sich der Rabbi, der Erzbischof und der Stnhlherr des Reichsgerichtes die Hände zum Bunde — es tagt ein neuer Morgen, aus Blut und Schutt steigt sieghaft das Dreigestirn „Wahrheit! Liebe! Menschlichkeit!" und versöhnend klingt der Schlnßaccord ans, bei dein die weltbeglückende Botschaft der Liebe das Bcthlehemglöcklein mit den Worten des Talmud harmonisch verbindet. Wie wenig auch dieser dramatische Versuch ans dem Geiste und dem Verständnis' der Weltanschauung Hcine's hervorgegangen, so ist er doch durch die humane Gesinnung, die ihn erfüllt, immerhin der Achtung würdig. Zumal in einer Zeit, in der auch in den stillen Lorbeerhain der Dichtung der Haß und die Vcr- nichtnngswuth eingezogen sind. Ist doch selbst ein Mann wie Eugen Dllhring bei der Besprechung unseres Dichterwerkes so verblendet, daß er die Grundidee Heine's (Christen, die eine Kindesleiche im Hanse eines Juden niederlegen) für eine „Umkehrung der Wahrheit" ansieht und in seiner liebreichen Weise dazu bemerkt: „Wäre auch ein solcher Fall ausnahmsweise einmal möglich, so bewiese er doch nichts gegen die sonstige Thatsächlichkeit des hebräischen Blutaberglanbens und der zugehörigen rituellen oder nichtrituelleu Verbrechen." Wenden wir uns nun von diesen Verirrungen der Zeit dem Werke des Dichters wieder zu, so treten uns hier vor Allem die gegenständlichen Schilderungen und die lebenathmenden Charaktere entgegen, die er nns in diesem Jugcndwerk seiner Liebe der Reihe nach vorführt. Und wie gern übersieht man alle anderen Mängel, wenn man immer und immer wieder von Neuem sich an jenen plastischen Schilderungen erfreut, wenn man mit Rabbi Abraham und der schönen Sara die weltberühmte freie Reichs- und Handelsstadt Frankfurt a. M. mit ihren lachenden Häusern, umgeben von grünen Hügeln, zum erstenmale erblickt. Nicht allzu oft ist Frankfurt a. M. früher trotz seiner hohen Bedeutung Gegenstand poetischer Darstellung gewesen. Die poetischen Schilderungen von Stephnnus, Julius Scaliger, Micyllus und selbst von Hans Sachs haben kaum historischen, geschweige denn poetischen Vollwerth. Höchstens könnte man das von jenen Versen des Micyllus sagen, in welchen er ausspricht, Frankfurt sei jährlich zweimal, wenn die Gärten mit jungem Grün sich schmücken und wenn die Blätter zu fallen beginnen, eine mit Waaren und Menschen aus aller Welt angefüllte Stadt. Es ist natürlich, daß 2Y Willibald Alexis, „Walladmor" ist erst 1325, Carl Spindler's Roman „Der Jude" erst 1827 erschienen. Im letzten Roman wird gleichfalls die Frankfurter Judengasse vorgeführt. alle früheren poetischen Schilderungen Frankfurts vorzugsweise die Blüthczeit der Messen, in welcher Frankfurt die besuchteste Handelsstadt derjjWelt hieß, „des alten Tyrus Ebenbild" verherrlichen. Die große historische Vergangenheit Frankfurts kam jedoch in solchen poetischen Bildern fast nie zu voller Geltung. Die wundervollen Schilderungen Goethe's in „Dichtung und Wahrheit" gehören natürlich nicht in diesen Rahmen. Heine war der Erste, der mit feinem poetischen Blick, mit einer historischen Sachkenntniß, die uns heute in Erstaunen setzt, wenn wir seinen Quellen nachgehen, die geschichtliche Bedeutung Frankfurts, die Größe und Pracht seiner Messen, die Alterthümlichkeit und Geschichte seines Ghetto zum getreuesten Ausdruck gebracht hat. Und gern folgen wir dem Dichter durch das starke Gewühl der Ostermesse, wenn er seine Reisenden durch das dunkle Mainthor in die Stadt führt und ihnen das bunte Treiben, das Gewühl des Handels, die Masse kostbarer Sachen, die nie gesuchte Pracht zeigt; wenn er die breiten Rathsherren mit goldenen Halsketten und rothen Mäntel», die ehrsamen, stolzen Altbürger mit schwarzem, bauschigem Wams, die schweren Reitersknechte in eiserner Pickelhaube, gelbledernem Wams und klirrenden Pfundsporen, die rosigen Frankfurter Mädchen mit dem schwarzen Sammthänbchen, die zu einer Spitze an der Stirn zusammenliefen, und die jungen Gesellen mit gelbgeziertem Barett, klingenden Schnabelschuhen und hellfarbigen seidenen Kleidern, die gleich witternden Jagdhunden hinter ihnen dreinsprangcn, uns vorführt. Und auch über den hochgegiebelten Marktplatz der Stadt, vor den Römer folgen wir dem Dichter, wenn er uns ein Ritterspiel und Ringelstechen zu Ehren des Kaisers Maximilian II. schildert. Welch eine anschauliche Darstellung, welch eine Plastische Abrundung bei dieser Fülle von Gestalten, die auf deni Kampfplatz erscheinen, von dem langen, blonden König Max, den Rittern und Damen des Adels an bis zum Wnnderdoctor, der seine Tinctnren und Wnndersalbcn anpreist, bis zur ehrsamen Schützengilde, ja bis zu dem Rudel fahrender Frauen hin, die ans dem Frauenhause „zum Esel" von Würzbnrg herüberkamen und nach dem Rosenthale fuhren, wo die hochlöbliche Obrigkeit ihnen während der Meßzeit Quartier angewiesen, und bei deren Anblick der fromme Rabbi erschreckt seiner Gattin die Augen schließen möchte! Einen wundersamen Contrast zu diesem Zuge mittelalterlicher Hexen bildet der traurige Zug von kahlköpfigen und barfüßigen Mönchen, die in feierlicher Procession sich dahinbewegen. Den seltsamsten Eindruck mächt aber neben dieser Herrlichkeit und Pracht, neben all diesem Gewühl und "Treiben, die hohe, enge, traurige Judengasse. Wenn wir den Dichter in diese Gasse begleiten, dann leben all die Gestalten derselben in unserer Seele auf, sie gewinnen Fleisch und Blut und werden lebendig in unserer Erinnerung, als ob wir sie selbst alle gekannt hätten, so wahr, so treffend, so anschaulich weiß er sie mit zwei oder drei Strichen vor unser geistiges Auge zu zaubern. Das ist nun ein eigenartiger, seltsamer Zug komischer Gestalten. Er wird eröffnet von dem lahmen Gumperz und der Muhme Täubchen, die den kleinen Gottschalk am Arme führt. Diesen folgen Mendel Reiß und der Nasenster», Jäckel der Narr und Beitel Rindskopf, Schnapper-Elle und Hündchen Reiß, Vögele Ochs und Tüschen Flörsheim. Der scheele Aron Hirschkuh aus Homburg an der Lahn beschließt den seltsam wunderlichen Aufzug — viel zu früh, da wir gern dem Dichter bis ans Ende der Jndengasse gefolgt wären. ES erscheint als ein müßiges Beginnen, darüber nachzuforschen, wie sich die fernere Entwicklung und der Schluß des Romanes gestaltet hätten, da Heine uns in dieser Beziehung ohne jede Andeutung gelassen hat. Der einzige Wink, den er in seinen Briefen gegeben, daß im Verfolg die ketzerischesten Ansichten über Juden und Christen hervorgetreten wäre», gestattet doch wohl nur den Rückschluß, daß der junge Maranne Don Isaak Abarbnnel dazu bestimmt war, eigentlich die Hauptfigur und der Held des Romanes zu werden. Er sollte das Gegenstück zu dem ernsten Rabbi Abraham aus Bacharach bilden; beide aber hatten in ihren Eigenthümlichkeiten die zwei großen Richtungen innerhalb des mittelalterlichen Juden- thums darzustellen: die glänzende arabisch-spanisch-jüdische Cultnr- periode mit ihrer Poesie und Koketterie, neben der tiefsinnig talmudischen Forschung und mystischen Glanbensstreuge der deutschen Juden. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die Frage der Judentaufen noch eine weitere und ticfergehende Erörterung finden sollte. Das verlorengegangene Gedicht,. von dem schon oben die Rede, das Jehuda Abarbanel, der sich „aus Luxusübermuth" hat taufen lasse», „aus dem Maurischen" übersetzt und seinem dem Jnden- thume treugebliebenen Freunde zuschickt, weist darauf hin. Jehuda Abarbanel, den sich der Dichter vielleicht als jüngeren Bruder seines Helden gedacht hat, sollte Wohl ein Gegenstück zu Jsak Abarbanel werden, der sich in der neuen Glaubenslivrse sehr behaglich fühlte, während jener es doch scheut, „eine nicht sehr noble Handlung dem Freunde unumwunden zu schreiben", und ihm dafür jenes Gedicht schickt. Das Thema des Romans war also hauptsächlich die Glaubenstreue und der Glaubeuswechsel. Dieser wie jene hatten in der spanischen Periode des XIV. wie in der deutschen des XIX. Jahrhunderts ihre charakteristischen Vertreter. Und schon ans obiger Andeutung geht hervor, wie viel Heine von seinen eigenen Bekenntnissen und Anschauungen in den Roman hineingelegt haben mochte. Darüber hinaus sollte aber auch — nach einer weiteren Andeutung Heine 's^) — der Gegensatz zwischen dem Schwärmer, der sein Leben für eine schöne Idee hinopfert, und dem Menschen, der behaglich egoistisch seine Tage verbringt, zum Ausdruck kommen. Das war die Tendenz des Werkes. Treten wir jetzt in die weit geöffneten Hallen der Dichtung selbst ein. Schon die Einleitung, welche breit, aber nicht ganz sicher, ja hie und da etwas stockend vorgetragen ist, versetzt uns in die geeignete Stimmung, um alles Folgende zu verstehen. Es ist wahr, diese Einleitung ist lang und etwas schwerfällig, aber man muß nur an die ausgedehnten Expositionen Walter Scott's denken, um dies zu entschuldigen, und ferner an die Sprödigkeit des Stoffes, die Heine selbst daran zweifeln läßt, ob ihm etwa „das Talent des Erzählens" fehle. In geschickter Weise leitet der Dichter aber von dem historischen Prolog zu den thatsächlichen Ereignissen über. Es ist noch nicht beachtet worden, daß alle Schilderungen des Roman-FragmentS sich in künstlerisch abgetönten Cont rasten bewegen und so eine interessante Parallele bilden zu seinen lyrischen Stimmungsbildern aus jener Zeit. Auf die idyllische Scene des Passahfcstes folgt der grauenhafte, durch die aufgefundene Kindesleiche herbeigeführte Abschluß. VIII. 457. Anstatt nun aber die Details einer Judenverfolgung genau zu schildern, führt uns der Dichter in einem entzückenden Bilde, das mit der Schönheit der Landschaft wetteifert, in einer lauwarmen Frühlingsnncht über den Rheinstrom und läßt uns den Duft jener Bcrgesnfer, worauf die Freude wächst, förmlich einathmen. Dem beängstigenden Treiben der Frankfurter Messe steht der Auftritt am Judenthor gegenüber, der von großer humoristischer Wirkung ist. Auf die tragisch abschließende Scene in der Synagoge, welche zu den treuesten Schilderungen gehört, die wir auf diesem Gebiete besitzen, zugleich aber auch die erste Schilderung aus dem Ghetto und der „Gasse" ist/") folgt das heitere Rencvntre zwischen dem Rabbi und dem Ritter, das uns in die Peripherie der Erzählung geleitet und der Phantasie einen weiten Ausblick in die fernere Entwicklung und den Abschluß derselben gestattet. In diesen Contrasten liegt vor Allem das Gcheimniß der Wirkung, welche das Roman-Fragment ans uns ausübt. Bis in die Schilderung der Charaktere hinein läßt sich das Gesetz dieser künstlerisch wirksamen Gegensätze verfolgen. Dem frommen Rabbi steht der srivvle Ritter, der anmuthig-schönen Sara steht die dicke Schnapper-Elle, dem Nasenstern der Trvmmel- haus gegenüber. Selbst Jäckel, der Narr, und Beitel Nindskopf stellen Gegensätze dar, welche damals die Frankfurter Judeugasse in verschiedene Lager getheilt haben mögen. Nichts ist irriger als die Behauptung, Heine habe seine dichterische Eigenart in diesem Werke zu verleugnen gesucht. Diese tritt '"y Erst 1337 folgte ihm Berthold Auerbach mit den beiden Romanen ans der Geschichte des Judenthums unter dem Gesammttitel „DaS Ghetto", und Leopold Kompert's erste Geschichten ans der Gasse, wie A. Bernsteins Novellen erschienen erst 1343. vielmehr nicht nur in der Weltanschauung, aus welcher das Werk hervorgegangen ist, sondern auch in den Darstellnngsmitteln lebendig hervor; sowohl in der plastischen Schilderung der Situationen, als in den seltsamen Antithesen und nicht zum Wenigsten in der überraschenden Verbindung einander fernliegender Vorstellungen, Schon hier begegnen uns die Adjecliva, welche in den „Nordsee-Gedichten" wie in den „Reisebildcrn" uns durch die Verbindung mit leblosen Wesen reizen und fesseln, die Adjcctiva mit Gegensinn! Wir lesen von zahnlosen Zinnen, von blinden Wartthürm- chen, stolz emporschießenden Pfeilern, trotzig sich geberdenden Bergen, wir erleben einen heiter grünen Sommertag, wir hören von leichen- haft duftenden Blumen, von schadenfroh und zugleich selbst beängstigt zwitschernden Vögeln, von den heimtückisch gelben Streiflichtern, die der Mond über den dunkel hinmnrmelnden Strom warf. In Frankfurt treffen wir breite Rathsherren mit wohlhabend bauschigem Wams, angstvoll hastige und aufseufzend langsame, aber auch glanzrcich hinflatternde Weiber u, f. w. Der große Gegensatz, welcher Heine durch sein ganzes Leben hindurch verfolgte, zwischen dem dürren, freudlosen Hebräer und dem trüben, gualsüchtigen Nazarener einerseits und dem welt- freudigcn, sinnesfrohen Heiden andererseits, begegnet uns auch hier zum erstenmal?. In diesem Conlrast liegt ja auch der Gegensatz zwischen den beiden Hauptcharaktcren und den von ihnen vertretenen Richtungen angedeutet, und eben diese Gegensätze waren es, die den Dichter selbst während seines ganzen Lebens erfüllt und bedrängt haben, ohne daß er es, im Leben wie im Dichten, zu einem friedlichen Ausgleich hätte bringen können. ") Vgl. VII. 262 mit VII. 469 ff. Auch der Humorist begegnet uns schon in diesem Werke. Heine stand freilich noch ganz ans dem Boden der Romantik, als er an dem „Rabbi von Bacharach" schrieb, aber es zeigen sich auch hier schon die Keime eines inneren Widerspruchs gegen diese Kunstanschanung, deren Formen er nur zu bald durchbrechen sollte. Aber Heine's Romantik war eigenthümlich gestaltet; sie war keine „Passionsblume, die dem Blute Christi entsprossen, sie bestand auch nicht aus der Freude an den Liedern, Bildern und Bauwerken des Mittelalters". Heine's Romantik — war das Judenthum des Mittelalters mit seinen Leiden und Verfolgungen, mit seinen Sitten und Gebräuchen, mit seinen Hofsnungen und Träumen. Das war seine romantische Vorzeit, und in diese lebte er sich immer tiefer hinein, je mehr ihm durch den Umgang mit den Männern des „jungen Palästina" von der geistigen Bedeutung des Judcnthums und von dem historischen Stammesbcwnßtsein aufgegangen war. Heine hielt das Judenthum damals noch nicht „für eine längst verlorene Sache", wie später; aber er hatte sich den Verjüngungsproceß desselben freilich anders gedacht als jene Flnchköpfe unter seinen Zeitgenossen, die ihn, weil seine geistige Kraft ihnen gefährlich wurde, zu verlästern suchten. Auch sein Humor war ein Erbe seiner Abstammung. Der Witz ist ihm nur erträglich, wenn er auf einem ernsten Grunde ruht, und er sagt: „Seitdem es nicht mehr Sitte ist, einen Degen an der Seite zu tragen, ist es durchaus nöthig, daß man Witz im Kopfe habe. Jener Angrisfswitz, den ihr Satyre nennt, hat seinen guten Nutzen in dieser schlechten, nichtsnutzigen Zeit." Wiederholt betont er es, daß der Ernst um so gewaltiger »st id. 146. - 36 — hervortrete, wenn der Spaß ihn vorher angekündigt habe, und dieser humoristischen Ironie, die in den „Reisebildern" ihren Höhe- Punkt erreicht hat, begegnen wir auch schon im „Rabbi" auf Schritt und Tritt. Schon auf dem ersten Blatte seines Romancs^) erzählt er uns aus dem alteu Bacharach: „Die Geistlichkeit herrschte im Dunkeln durch die Verdunkelung des Geistes. „Die Juden (waren) hinlänglich verhaßt wegen ihres Glaubens, ihres Rcichthnms und ihrer Schnldbücher." Mit prächtigem Humor erzählt er von den Fuchsbärten, die nicht so recht an die Frömmigkeit des Rabbi Abraham glauben wollten, der tagsüber das göttliche Gesetz im Kreise der Schüler erklärte und des Nachts die Sterne des Himmels oder die Augen der schönen Sara betrachtete.^) Reizend ist auch das humoristische Intermezzo zwischen dem Rabbi und seiner Gattin während der Vorlesung der Hagada. 45) Zu weltgeschichtlicher Höhe erhebt sich Heine's Hnmor in den Träumen der schönen Sara, in jener Frühlingsnacht auf dem Rhein, in der der „stumme Wilhelm" mit seinen schönen, tiefblauen Augen die Staffage in sehr wirksamer Weise belebt und wo sich die Bilder gar wunderlich vermischen und zwischen durch halb bekannte, halb fremde bärtige Gesichter und große Blumen mit fabelhaft breitem Blattwerk hervorschauen, wo der Vater Rhein die Melodien der Hagada zu murmeln anfängt und die Bilder derselben lebensgroß und verzerrt aus demselben hervorstechen, bis die schöne Sara am Binger Strudel ") iv. 224. ") ib. 226. ") ib. 229 ff. durch das Nachtgebet des „Rabbi" aus ihreu Träumen erwacht. „Da verzog sich plötzlich all das eindringende Dunkel und Grausen, der düstere Vorhang ward vom Himmel fortgerissen, es zeigte sich oben die heilige Stadt Jerusalem mit ihren Thürmcn und Thoren, in goldener Pracht leuchtete der Tempel, ans dem Borhofe desselben erblickte die schöne Sara ihren Vater in seinem gelben Sabbathschlafrock und vergnügt mit den Angen lachend; aus den runden Tempelfenstcrn grüßten fröhlich alle ihre Freunde und Verwandte, im Allerheiligsten kniete der fromme König David mit Purpurmantel und funkelnder Krone, und lieblich ertönte sein Gesang und Saitenspiel —und selig lächelnd entschlief die schöne Sara." Im zweiten Capitel gelangen wir aus dem Reiche dieses Humors und der ihm entsprechenden Knnstform der poetischen Prosa in das Gebiet der Satyre öder des Angriffswitzes, jwie Heine sagt. Von liebenswürdiger Heiterkeit ist der bereits erwähnte Spaziergang des „Rabbi" und seiner Gattin durch die Stadt. Wenn sie die goldgestickten, schönen Kleider, die da zur Messe ausgestellt sind, mit tausend Schelmcnaugen anblinzeln, sagt der Rabbi mit ernster Milde: „Mach die Augen zu, schöne Sara!" Da sie einem „Nudel fahrender Fräulein" begegnen, sagt der Rabbi wieder zu seinem Weibe: „Mach die Angen zu, schöne Sara." Und als ihnen später eine Processi»» von Mönchen und Crucifixen entgegenkommt, spricht der Rabbi abermals zu seinem Weibe: „Mach die Augen zu, schöne Sara!" Die künstlerische Gestaltungskraft Heine's offenbart sich aber am schönsten in dem Anstritt am Gitterthor der Frankfurter id. 231 ff. ") ib. 237 ff. Judengasse. Hier ist wirkliche epische Schöpferkraft, nicht bloß lyrische Subjectivität! Hier beginnt anch eigentlich zuerst der Dialog, während bis dahin die Geschichtserzählung vorherrschte; hier fallen die romantischen Coulissen, und die Darstellnngs- gäbe des Dichters tritt in voller Deutlichkeit hervor.^) Der schwere, dicke Trommelhans, der mit seinem rauhen Bierbaß die Melodie des alten Liedes gurgelt, das einst „die Geißler bei der Judenschlacht" gesungen,^) »nd der das Thor von außen bewacht, der ängstliche Nnsenstcrn, dessen Lebensmotto das Wort ist: „Ich bin nur ein einzelner Mensch" und der mit Beitel Rindskopf das Thor von innen bewacht, endlich Jäckcl, der Narr, mit seinem lachend vollrothcn Gesicht und der unmenschlich großen Fleischhand, das sind plastisch hervortretende Gestalten, die in einer ergötzlich dramatischen Scene uns vorgeführt werden, und aus deren Eigen- lhümlichkeiten sich wie von selbst die Wahrheit des Wortes ergibt, daß der „Rabbi" seiner Gattin seufzend zuruft: „Sieh', schöne Sara, wie schlecht geschützt ist Israel! Falsche Freunde hüten seine Thore von außen, und drinnen sind seine Hüter Narrheit und Furcht!" Der Humor der Judengasse ist nie drastischer und zugleich doch auch wahrer geschildert worden, als in den nun folgenden Scencn vor, in und nach der Synagoge.^) Da ist zunächst der Vorsänger, dann der Bassist, der natürlich „ein größerer Narr ib. 242 fs. Dies Gcißlerlied hat Heine wahrscheinlich dem Buche von E, Förste - mann: Die christlichen Geißlergesellschaften sHalle 1328), S> 263, entlehnt, wo der Text allerdings etwas verändert ist. s°) ist. 249 fs. — 39 — ist, als man van einem Baß zu verlangen braucht", und endlich der fein und siiß trillernde Discant-Säuger. Dann die „Weiber- schut"! Das ist nämlich die besondere Abtheilung für Frauen in den alten Synagogen, Eine ganze Galerie von Frauengestalten auö dem Ghetto wird uns hier mit erfrischendem Humor vorgeführt. Oft zeichnet der Dichter diese Gestalten nur mit wenigen Strichen, gleichwohl alhmen sie Alle volles Leben, und man wird niemals die Empfindung los, daß diese Gestalten auf wirkliche Modelle zurückzuführen sind, die ihm zu seinen Bildern gesessen oder auch nicht gesessen haben. Ein sonniger Humor liegt vor Allem über der Gestalt der Schnapper-Elle. Mit wahrem Behagen verweilt der Dichter bei dieser Schilderung; hier hört die Schnurre und die Anekdote auf, und die echt humoristische, die volle künstlerische Wirkung nimmt uns Alle gefangen. Schnapper-Elle und Nasenstern, Trommelhaus und der Narr Jäckel sind neben Hirsch Hyacinlh und dem Marchese Gumpelino lebendige und wahrhaftig sehr drastische Zeugen einer Gestaltungskraft, die der Rahmen des lyrischen Empfindungslebens wohl zu sprengen und „Menschen zu formen" vermocht hat nach seinem Bilde: ein Geschlecht, das, ihm gleich, zu leiden, zu weinen zu genießen und sich zu freuen und keiner Schranke zu achten, wie er, der Schöpfer selbst. Ein Reichthum von charakteristischen Zügen, von denen jeder einzelne genügen würde, die Gestalt lebenskräftig vor uns aufsteigen zu lassen, ist über die Bildergalerie der „Weiber- schul" ausgebreitet. Da ist zunächst die „Borklatscherin" Hündchen Reiß, eine glatte, grünliche Frau, die jedes Unglück witterte und immer eine scandalöse Geschichte auf der Zunge trug. Dann folgt Vögele Ochs, „eine runde, etwas täppische Frau", ferner Süschen Flörsheim und Frau Fläsch, die sich so freundlich die Hand drücken und sich doch hassen, wie „Midian und Monb".^) Die Krone aller Frauen in der Weibcrschul ist aber unstreitig die Schnapper- Elle. Die Schilderung dieser Frau reiht sich den besten Charaktcr- zeichuuugen von Fritz Renler an. Wir hören schon von ihr, bevor sie auftritt, und unsere Neugier wird rege gemacht ans „die breite, putzbcladcnc Frau von mittlerem Alter und gar gespreizt wohlwollendem Wesen", die wohl keine große Schriftgelehrte war, da sie viele Worte allzu sehr nach Gutdünken aussprach und manche gute Zeile ganz „übcrschlupperte". Nun wird uns die Frau selbst vorgeführt. Schon ihr Anzug ist überaus charakteristisch: „Ein weit aufgebauschter Nock von weißem Atlas, worin alle Thierarten der Arche Noah, grellfarbig geflickt, ein Wams von Wollstoff wie Küraß, die Acrmel von rothem Sammt, gelb geschlitzt, auf dein Haupte eine unmenschlich hohe Mütze, um den Hals eine allmächtige Krause von weißem Steiflinncn sowie auch eine silberne Kette, woran allerlei Schaupfennige, Cameen und Raritäten, unter Anderem ein Bild der großen Stadt Amsterdam, bis über den Busen herabhängend". Nun erzählt sie ihre Lebensgeschichle. Sie ist in Holland wegen ihrer Schönheit gar vielen Nachstellungen ausgesetzt gewesen, jetzt ist sie Witwe und Vorsteherin einer Garküche. Gleichwohl hält sie noch immer ans eine schöne Hand, und Hündchen Reiß copirt zum Ergötzen der ganzen Weiberschul ihre „erzwungen vornehmen Geberden und den schmachtenden Anstand, mit dem sie die schalk- 2") Em altjndisches Sprichwort, das Midian und Moab, zwei arabisch^ Völkerstämme, die, obgleich Nachbarn, sich doch stets feindlich gegenüberstanden zum Symbol des Hasses unter Bekannten macht. — 41 — haften Huldigungen der Jugend entgegennimmt". Als Vögele Ochs sie vertheidigt und dabei die Bemerkung fallen laßt, die Schnapper- Elle thue sehr viel Gutes an Leute, die es nöthig hätten, da zischt Hündchen Reiß dazwischen: „Besonders an dem Nasenstern". Und Alle, die das zarte Verhaltniß kannten, lachten um so lauter. Und wir lachen mit ihnen, denn wir erinnern uns der Worte, welche Jäckel, der Narr, schon am Eingange zum Judenthore an Frau Sara gerichtet hat: „Fürchtet Euch uicht, schöne Frau, der Nasenstern thut Euch nichts zu Leide. Nur für die alle Schnapper-Elle ist er gefahrlich. Sie hat sich in seine Nase verliebt, aber die verdient es auch. Sie ist schön wie der Thurm, der gen Damaskus schaut, und erhaben wie die Cedern des Libanon. Auswendig glänzt sie wie Glimmgold und Shrup, und inwendig ist lauter Musik und Lieblichkeit. Im Sommer blüht sie, im Winter ist sie zugefroren, und Sommer und Winter wird sie gehätschelt von Schnapper-Elle's weißen Händen. Ja, die Schnapper-Elle ist verliebt in ihn, ganz vernarrt. Sie pflegt ihn, sie fültert ihn, und sobald er fett genug ist, wird sie ihn heiraten, und für ihr Alter ist sie noch jung genug, und wer mal nach dreihundert Jahren hieher nach Frankfurt kömmt, wird den Himmel nicht sehen können vor lauter Nasensternen." Ich will hier im Vorbeigehen nur bemerken, daß alle von Heine in diesem Fragment genannten Namen, wie Flörsheim, Reiß, Ochs, Schnapper u. s. w. damals, wirklich in der Frankfurter Judcngasse existirten, daß Heine möglicherweise in Beitel Rindskopf seinen ehemaligen Chef, den Banquier Meyer Beer Rindskopf zu zeichnen versuchte und daß er in dem Nasenstern eine bestimmte Persönlichkeit persifliren wollte, die diesen Spitz- - 42 — namen wirklich geführt hat."2) Auch in der „Lutetia" wird der Nasen- stern vorgeführt und ebenso in dem Buche über Börne, wo er seine „delicate Posiziaun" ergötzlich schildert; denn er ist mit Börne ebenso wie mit Rothschild verwandt. Gleichwohl würde er die Ehre, mit dem Baron James in den Gemächern seines Comp- toirs sii lamills zu Mittag zu speisen, selbst mit der Hälfte seiner Nase erkaufen. Heine bemerkt aber dabei, „daß die Nase des Herrn selbst wenn er die Hälfte einbüßte, dennoch eine hinlängliche Länge behalten würde". Mit dem Nasenstern gelangen wir wieder in das Foyer des Angrifsswitzcs und der Selbstironisirnng. In beiden Reichen war Heine Herrscher. Kein Zweifel, daß er dem Don Isaak Abarbanel, dem Neffen des berühmten Schriftgelehrten gleichen Namens, Züge seines eigenen Wesens verliehen hat. Er hat sich aus „Luxns- übermuth" (vas Wort ist von Heine treffend erfunden) taufen lassen; er ist ein Dichter und ein Verehrer des schönen Geschlechts dazu; er kann die Inden nicht leiden, kann aber doch nicht von ihnen loskommen. Ein heimliches Sehnen führt ihn überall, in Toledo sowohl wie in Frankfurt a. M., in die Nähe ihrer Synagogen und Garküchen, zu der Schönheit ihrer Frauen und dem Duft ihres Schalet. Isaak Abarbanel ist Heine selbst. Seine Schlagworte und Witze, seine Galanterien für Frau Sara und seine satirischen Complimente für Frau Schnapper-Elle kehren oft bis ans den Wortlaut in Heine's Briefen, vertraulichen Mitteilungen und privaten Unterredungen wieder. ES ist, als ob wir Heine selbst reden hörten, wenn Don Isaak ausruft :^) „Der -st VI 330. VII. 299 ff. IV. 260 ff. Verkehr mit dem Volke GotteS ist sonst nicht meine Liebhaberei. Und wahrlich nicht nm hier zu beten, sondern um hier zu essen, besuche ich die Judengasse ... ja, ich liebe Eure Küche weit mehr als Euren Glauben; es fehlt ihm die rechte Sauce." Und am besten erkennen wir Heine in Isaak Abarbanel wieder, wenn dieser sich als Heide bekennt, dem die „dürren, freudlosen Hebräer" ebenso zuwider sind „wie die trüben gnalsüchtigen Nazarener", und der nur „der lieben Frau von Sidon, der heiligen Astarte", seine Huldigungen darbringt, die da thront in Babylon, wo die Lebenslust schäumt im Tempel der Götter! Aber aus den Tempeln der Lust kehren Beide doch immer zu den wohlschmeckenden Jugenderinnerungen wieder. Sie sehen im Geiste Karpfen mit brauner Rosinensauce, das gedämpfte Hammelfleisch mit Knoblauch und Mairettig, womit man die Todten erwecken kann, und die Suppe mit den schwärmerisch schwimmenden Klößchen. . . und Beider Seelen schmelzen wie die Töne einer verliebten Nachtigall. Die Versuchung, durch Episoden zu wirken, welche jedem Humoristen gefährlich wird, bringt auch Heine hie und da aus dem Zusammenhang der Handlung, aber wir folgen dennoch gar zu gerimden kecken Sprüngen seines Humors. Die Episode, mit der er seinen Torso abschließt, ist von großer künstlerischer Wirkung, und nicht zum Geringsten beruht diese Wirkung darauf, daß das Fragment an dieser Stelle scheinbar Plötzlich abbricht. Ich sage: scheinbar, weil ich überzeugt bin, daß diese Wirkung vom Dichter ausdrücklich beabsichtigt ist.^) Man vergegenwärtige sich die Situation. Mit übertriebener Grandezza hat Don Isaak der Seüora -y ib. 261 ff. Schnapper-Elle eben eine fenrige Liebeserklärung dargebracht, die den Nasenstern, wie es scheint, eifersüchtig gemacht, und selbst die verehrte Dame einigermaßen in Verlegenheit versetzt hat. Diese Verlegenheit wächst, je mehr sie erkennt, daß der fremde Ritter seinen Spott mit ihr treibe. Da erscheint zum Glück die schöne Sara mit ihrem Gatten auf der Bildfläche der Garküche. Und nun stürzt sich Schnapper-Elle in ein lebhaftes Gespräch, „worin sie alle ihre falsche Vornehmthuerei und echte Herzensgüte entwickelt und mit mehr Weitläufigkeit als Klugheit die fatale Geschichte erzählt", welche ihr, ihrer Schönheit wegen, in dem verfänglichen Hause zu Amsterdam passirt sei. Schon ist Don Isaak im Begriff, die Einzelheiten dieser gefährlichen Geschichte zu beleuchten, da tritt zum Schlüsse noch eine neue Persönlichkeit in die Erscheinung: der scheele Aron Hirschkuh von Homburg an der Lahn kommt mit der weißen Serviette im Maul ans dem Hause hervor und klagt ärgerlich, daß schon längst die Suppe aufgetragen sei und die Gäste zu Tische säßen und nur noch die Wirthin fehle .... Mit dieser Scene von unnachahmlicher derbkomischer Wirkung, die nach dem Pinsel eines großen Genre- malcrs förmlich schreit, schließt das Fragment wirkungsvoll ab. III. Wir haben gesehen, daß sich alle Vorzüge und Fehler der Eigenart Heine's schon in diesem Jngcndwerk zusammenfinden. Eines der wichtigsten dieser Elemente in seinem Seelenleben ist seine Stellung zum Judenthum. Während seines ganzen Lebens schwankt er zwischen Bewunderung und Verachtung, zwischen Liebe und Haß. Aber der wäre ein schlechter Seelenkenner, der nicht aus all diesen wechselnden Stimmungen den Grundton der Liebe heraushörte, die trotz alledem und alledem doch tief in seiner Brust lebte und die vielleicht niemals stärker war als in den Momenten, wo er durch ein abschätziges Wort oder einen schnöden Witz sich auch innerlich von seinen ehemaligen Glaubensgenossen zu befreien suchte. Er selbst hat den „Rabbi von Bacharach" ein Denkmal dieser Liebe genannt. Und in der That feiert dieselbe in diesem Werke ihre seltsamsten Triumphe. Immer und überall kehrt sie wieder. Schon im Eingang bricht sie in der Schilderung des Seder-Abends am Passahfeste mit elementarer Kraft hervor.„Wehmüthig heiter, ernsthaft spielend und märchenhaft geheimnißvoll ist der Charakter dieser Abendfeier, und der herkömmlich singende Ton, womit die Agade von dem Hausvater vorgelesen und zuweilen chorartig von den Zuhörern nachgesprochen wird, klingt so schauervoll innig, so mütterlich einlullend und zugleich so hastig aufweckend, daß selbst diejenigen Inden, die längst von dem Glanben ihrer Väter abgefallen und fremden Freuden und Ehren nachgejagt sind, im tiefsten Herzen erschüttert werden, wenn ihnen die alten, wohlbekannten Paschaklänge zufällig ins Ohr dringen." Neminiscenzen an die Poesie des Seder-Abends und an die Legenden der Ua°acla finden sich bei Heine später noch häufig. Und es wird sicher allgemein interessiren, wenn ich erzähle, daß ich selbst „das abenteuerliche Buch, das die UaAncka heißt", aus welchem Harry Heine im väterlichen Hause die berühmten Fragen an seine Eltern gerichtet hat, gesehen und in Händen gehabt habe. Es befindet sich jetzt im Besitze meines verehrten °ö) ib. 227. I. 63 u. a. a. O. — 46 — Freundes, des Herrn Rnbb. Dr> Frank in Köln/") und ist ganz so, wie es Heine schildert: „Ein hübsch in Gold und Sammt gebundenes Pergamentbnch, ein altes Erbstück mit verjährten Weinstecken aus den Zeiten des Großvaters, und worin so viele keck und bunlgemalte Bilder, die allerlei biblische Geschichten darstellen, als da sind: wie Abraham die steinernen Götzen seines Vaters mit dem Hammer entzweiklopst, wie die Engel zu ihm kommen, wie Moses den Mizri todtschlägt, wie Pharao prächtig auf dem Throne sitzt, wie ihm die Frösche sogar bei 66) Ich erhalte darüber von Herr» Rabbiner Dr. Frank folgende werihvolle Mitthcilnng: In meinem Besitze befindet sich die kostbare „UaZaän sollst Usssaoll", die nach der Tradition über anderthalb Jahrhnndertc der angesehenen Familie van Geldern in Düsseldorf gehörte, welcher bekanntlich Heine entstammte. Das Buch ist im Jahre 1723 von Mose Juda, genannt Löb, Sohn des verstorbenen Benjamin Wolf Broda aus Trebitsch in Mähren, für den „reichen, hochachtbaren, ausgezeichneten Elieser, Sohn des in Gott ruhenden Vorstehers Joseph ans Düsseldorf und Schwiegersohn des verstorbenen Herrn Simon Preßbnrg ans Wien" auf Pergament geschrieben. Jeder Anfangsbuchstabe ist ein Meisterstück der Schreibknnst: was dieser Arbeit aber einen besondere» Knnstwerth verleiht, das sind die den Text begleitenden prächtigen, farbenfrischen Malereien und Initialen. Selbst das Lllaä xaeija ist mit allerliebsten Bildern geschmückt. Man sieht hieraus, daß in der Kunststadt Düsseldorf schon vor mehr als 159 Jahren auch in jüdischen Häusern Sinn für die Malerei vorhanden war. Was nun den ersten Besitzer der vorliegenden UaZacka anbelangt, so steht fest, daß im ersten Viertel ins vorige» Jahrhunderts ein Lazarus (Elieser), Sohn Joseph's, in Düsseldorf lebte, welcher am kurfürstlichen Hose eine hochachtbare Stellung einnahm. Durch eine Urkunde vom 31. Juli 1727 (also in demselben Jahre, in welchem das Buch geschrieben ist) ernannte der Kurfürst den Lazarus van Geldern zu seinem Hoffactor. Dieser Vertrauensposten beim Landesherrn vererbte sich lange Zeit in derselben Familie und legt das beste Zengniß für deren Intelligenz, sociale Stellung und Rechtschaffen- Tische keine Ruhe lassen, wie er, Gott sei Dank! versäuft, wie die Kinder Israel vorsichtig durch das rothe Meer gehen, wie sie offnen Maules mit ihren Schafen, Kühen und Ochsen vor dem Berge Sinai stehen, dann auch wie der fromme König David die Harfe spielt, und endlich wie Jerusalem mit den Thürmen und Zinnen seines Tempels bestrahlt wird vom Glänze der Sonne!" Auch selbst wenn Heine die Schönheit der Jüdinnen schildert, tritt eine gewisse Begeisterung unverkennbar hervor; ja, das Wesen dieser Schönheit ist niemals treffender geschildert worden, als dies ihm mit wenigen Strichen gelungen ist. Die Schönheit der Jüdinnen erscheint Heine von wahrhaft rührender Art;b?) „das Bewußtsein des tiefen Elends, der bitteren Schmach und der schlimmen Fahrnisse, worin ihre Verwandten und Freunde leben, verbreitet über ihre holden Gesichtszüge eine gewisse leidende Innigkeit und beobachtende Liebesangst, die unsere Herzen sonderbar bezaubern." heit dieselben ab. Wie oben erwähnt, entstammt Heinrich Heine dieser Familie van Geldern, deren Stammbaum sich mehr noch als drei Jahrhunderte hindurch nachweisen läßt. Lazarus van Geldern war sein Urgroßvater! Professor Dr. David Kaufmann, der die UnZ-tän auch bei mir gesehen und bewundert hatte, schrieb mir darüber Folgendes: „Ich erinnerte mich bald, wer der Simon Preßbnrg sei, dessen Schwiegersohn Ihre herrliche Haxaäs, gehörte. Es ist der im ersten Viertel des vorigen Jahrhunderts in Wien verstorbene Simon Michael ans Preßbnrg, der einer der ersten Mäcene und Schutzanwälte in der damaligen österreichischen Judenheit war." Seine Biographie hat Kaufmann 1334 in der „Neuen Freien Presse", Nr. 13.737, ausführlich geschrieben. ib. 228. Vgl. auch ib. 182, wo Heine bei der Besprechung der Jessika den „wunderbaren Liebreiz" der Jüdinnen durch die „zagende Scham" und „sonderbare Keuschheit" derselben zu erklären sucht. In dem Seufzer, den Rabbi Abraham beim Eintritt in die Judcngasse und beim Abschied von dem seltsamen Quartett: Trommelhans und Nasenstern, Jäckel der Narr und Beitel Rindskopf ausstößt, liegt der eigene Schmerz des Dichters über die Lage seiner Glaubensgenossen verborgen. Denn auch für seine, so gut wie für die Zeit Rabbi Abrahams und für unsere gilt mit Recht die Klage:^) ^Wie schlecht geschützt ist Israel! Falsche Freunde hüten seine Thore von außen, und drinnen sind seine Hüter Narrheit und Furcht!" Die Frage der In den taufen war, wie ich schon im Eingang bemerkte, in jener Zeit eine brennende. Als Heine an seinem „Rabbi" schrieb, beschäftigte ihn dieselbe nahezu ausschließlich. Wenn aber das dritte Capitel dieses Nomanes in der That erst fünfzehn Jahre später in Paris geschrieben worden ist, so hat der Dichter auch auf der Sonnenhöhe seines Lebens und fern von dem Umgang mit alten Freunden und Jngendgenossen genau dieselben Ansichten über die Taufe und das Judenthum gehabt wie in jener Zeit. Es scheint wichtig, dies festzustellen. Wahre Kernsprüche, merkwürdige Bekenntnisse seiner Liebe und seiner Leiden, begeisterte Apostrophen der Heldenkraft und des Martyriums finden sich gerade in diesem dritten Capitel des Roman- sragments. Die Scene zwischen dem Rabbi und dem Ritter ist in dieser Beziehung besonders wichtig.^) Don Isaak gehört bereits „der Brut des Löwen" an, und der Fuchs mag sich wohl hüten, seinen Zorn zu reizen. „Wie will der Fuchs den Löwen richten?" So fragt er unmuthig. 2°) ib. 248. 5°) ib. 258 ff. Rabbi Abraham aus Bacharach und Heinrich Heine aus Düsseldorf antworten Beide darauf mit wehmüthigem Ernst: „O, ich begreife es wohl, wie der stolze Leu aus Stolz seinen sürstlichen Pelz abwirft und sich in den bunten Schuppenpanzer des Krokodils verkappt, weil es Mode ist, ein greinendes, schlaues, gefräßiges Krokodil zu sein! Was sollen erst die geringeren Thiere beginnen, wenn sich der Löwe verleugnet? Aber, hüte dich, Don Isaak, du bist nicht geschaffen für das Element des Krokodils. Das Wasser — du weißt wohl, wovon ich rede — ist dein Unglück, und du wirst untergehen. Nicht im Wasser ist dein Reich; die schwächste Forelle kann besser darin gedeihen als der König des Waldes." Wie manchem stolzen Leu möchte man auch heute wieder zurufen: „Nicht im Wasser ist dein Reich!" Und auf tausend Verlockungen alter und moderner Ritter wird das tiefgekränkte Israel immer mit Frau Sara aus Bacharach antworten: „Edler Herr, wenn Ihr mein Ritter sein wollt, so müßt Ihr gegen ganze Völker kämpfen, und in diesem Kampfe gibt es wenig Dank und noch weniger Ehre zu gewinnen! Und wenn Ihr gar meine Farben tragen wollt, so müßt Ihr gelbe Ringe auf Euren Mantel nähen, oder eine blaugestreifte Schärpe umbinden; denn dieses sind meine Farben, die Farben meines Hauses, des Hauses, welches Israel heißt und sehr elend ist und auf den Gassen verspottet wird von den Söhnen des Glücks." IV. Könnte man es sich heute wohl vorstellen, daß Heinrich Heine eine Zeitlang — es war 1828 in Florenz — jeden Tag auf die — 50 — Post lief, um dort einen Brief abzuholen, in dem er seine Ernennung zum Professor erwartete?^) Professor Dr. Heinrich Heine, nicht wahr, das klingt komisch? Und doch ist es vielleicht gar nicht so komisch, wie man glaubt, denn in Wahrheit hat Heine viel mehr stndirt und gewußt, als man gemeinhin glauben möchte. Es ist ein albernes Vorurtheil, das ein Kritiker dem anderen nachschreibt, Heine habe weder gründliche Kenntnisse, noch die nöthigen wissenschaftlichen Vorbedingungen für eine wissenschaftliche Stellung gehabt. Die biographischen Ermittlungen haben inzwischen zu anderen Resultaten geführt. Namentlich in jungen Jahren widmete er sich zeitweise mit regem Eifer wissenschaftlichen Arbeiten, und seine große Begabung, sein rasches Erfassen auch der schwierigsten Materien ermöglichten ihm ein ungleich besseres und tiefer eindringendes Verständnis; wissenschaftlicher Grundgedanken als vielen seiner Studiengcuossen und — Kritiker. Dies zeigt sich auch im „Rabbi von Bacharach". Ernste und eifrige Studien hat Heine zu dieser Arbeit gemacht, und wenn wir heute seinen Quellen nachgehen, so staunen wir geradezu über den Umfang und die Gewissenhaftigkeit seiner Vorstudien, indem wir zugleich die discrete Art würdigen lernen, mit der er diese Quellen benutzt hat. Er ließ sich die Mühe nicht verdrießen, „in dem Schmutz alter Scharteken zu wühlen". Am meisten zog ihn natürlich die Geschichte der spanischen Juden, „dieser Blüthentraum der Weltgeschichte", an. Und auf diesem Hintergrunde wollte er seinen Roman aufbauen. Leider war aber diese Periode, wie überhaupt die ganze jüdische Geschichte und Literatur, damals noch so gut wie unbekannt; °°) I. XXIV. — 51 - vergeblich sehnte sich Heine „nach ergiebigem Stoff". Er mußte sicy schließlich an secundäre Quellen wenden. Allerdings hatte er den größten Kenner der jüdischen Geschichte und Literatur, Leopold Zuuz, als Berather zur Seite; aber auch selbst dieser konnte ihm damals nur „höchst dürftige" Notizen geben. Gleichwohl muß man sich darüber wundern, was Heine aus diesen Notizen gemacht hat.") Die Vorgeschichte beruht ganz auf historischem Grunde. Bacharach war einst ein römisches Municipium. Der Sage nach, die selbst ernsthafte Historiker früher noch glaubten, soll die Stadt von einem Altar des Bacchus (IZuoesti ara), einem noch jetzt bei niedrigem Wasserstande sichtbaren Steine im Rhein, ihren Namen Die Quellen, die Heine benutzte, sind folgende: Schudt: Jüdische Merk Würdigkeiten (Frankfurt 1717—13. IV.). Basnage: Listoirs äs la, roligion dos llniks äopnis äosns (Anist snsgn'ö, pressnt (Rotterdam 1707. V.). Bar- tolocci: lZibUotbssg, magno, rabbinioa, (Rom 1675—34. IV.). Wolf: Liblio- tüsoa bsbrnsn (Hamburg 1715—33. IV.). Majus: llrasoo salutis (Frankfurt 1712). Baratier: Voxagss äs Rabbi Lsnjnmin (Amsterdam 1734. II.). Wen er mit Bagl meint, habe ich nicht cruiren können. Der Name kommt nicht vor und scheint aus einem Druckfehler zu beruhen. Ich will bei dieser Gelegenheit noch bemerken, daß Heine, wie ich von Heinrich Lanbe selbst weiß, die Absicht hatte, den Roman seinem Freunde Zunz zu widmen. Er wurde jedoch an der Ausführung dieser Absicht dadurch verhindert, daß die Widmung seines Buches über Börne an Heinrich Lanbe zu spät in Hamburg eintraf, um noch dem Buche einverleibt zu werden, während er Lanbe bereits mitgetheilt hatte, daß er ihm sein nächstes Werk dedicire, so daß er sich nunmehr veranlaßt sah, Heinrich Lanbe die unmittelbar darauf erschienene „Legende des Rabbi von Bacharach" heiter grüßend zuzueignen. Die Ansicht von Grätz: Geschichte der Inden, XI., S. 394 daß ihm diejenigen, an die er sich wandte, statt „markiger Thatsachen gehacktes Stroh reichten", widerlegt sich durch Heine's obenangeführte Worte von selbst 4» - 52 — erhalten habein Auch die Thatsache, daß die Juden schon zur Röinerzeit in Bacharach gelebt haben, ist nicht unwahrscheinlich. Sicher bestand dort erst seit dein Jahre 1019 eine jüdische Gemeinde, 6") Dieselbe hatte im Mittelalter viel zu leiden, und es dürfte bei diesem Anlasse nicht unpassend erscheinen, ein kleines Bild dieser Leidensgeschichte einer jüdischen Gemeinde während des Mittelalters zu entrollen.^) Die erste Judenverfolgung in Bacharach fand Anfangs Mai 1147 statt. Die Saat des Hasses, welche der französische Mönch Rudolf, den Rhein entlang wandernd, während des zweiten Krenz- zuges ausgestreut hatte, reifte vor Allem in Bacharach zur blutigen Ernte heran. Die Burg Staleck wurde ihnen zwar zum Schutz überlassen, sobald sie sich aber aus ihrem Asyl entfernten, lauerten die Wallbrüder ihnen auf, schleppten sie zur Taufe und tödteten Für die rheinischen Sagenelemente im Roman konnte Heine mir die beiden folgenden Werke benutzen: Niklas Vogt: Rheinische Geschichten und Sagen (Frankfurt a. M. 1817. III.), und A. W. Schreiber: Sagen ans den Nheingegenden (Heidelberg 1319). Daß Heine das letztere Werk benutzt, erklärt er selbst in den „Elementargeistern" (V. 333) anläßlich derselben Sage» des Wisperthales, die auch Frau Sara von der Mnhme aus Lorch erzählt wurden (IV. 233). Dabei tritt ihm „die rheinische Heimat wieder recht lachend und blühend ins Gedächtniß", die er von Kindheit an innig geliebt, und der er auch noch auf der Matratzengrnft mit gleicher Liebe gedenkt. °2) Vgl. Aroninns, Negesten, S. 114 und 248. 62) Ich verdanke die hier folgenden Mittheilungen einem vortrefflichen Aufsatze, den der gelehrteste Kenner dieser Geschichte, Herr Rabbiner Dr. Saalfeld in Mainz, eigens zu diesem Zwecke für mich geschrieben hat, und dessen Veröffentlichung um des allgemeinen Interesses willen, das die Materie bietet, sicher zu wünschen wäre. Dort sind auch alle Quellen über die verschiedenen Judenverfolgungen in Bacharach im Einzelnen genau angeführt. — 53 — diejenigen, welche sich widersetzen. Am 6. Mai jenes Jahres Warden drei Juden van Bacharach auf diese Weise erschlagen. Die zweite Judenverfolgung in Bacharach fand zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts statt. „Der in Mainz entfesselte Blutwahn zog damals würgend durch die Gaue des Rheins. Nach Vorspielen in Mellrichstadt, Rockenhansen und Kreuznach (31. März 1283) erhob in den ersten Wochen des April desselben Jahres der Haß seine bittere Anklage. Die Juden, welche mau des Kindesmordes zieh, erflehten Schutz vom Kirchenfürsten, den dieser auch zusagte. Doch mächtiger als er waren die Anklagen der Judenfeinde, au deren Spitze ein Ritter, Herbord von Ulm, genannt Ring, nach seiner Angabe ein Verwandter des in Mainz todt aufgefundenen Knaben, stand. Und so war dem Ausbruch der Leidenschaften nicht mehr entgegenzutreten." An demselben Tage, an welchem die Mainzer Inden das Un glück erreichte, am zweiten Ostertage (12. April 1283), wurden in Bacharach 1205 Juden erschlagen. Das Martyrologium von Mainz zählt einfach ihre Namen auf; kein Wort von ihren Helden- thaten, kein Wort von ihren Leiden, aber in dieser einfachen Aufzählung der Namen liegt eine Tragik der Weltgeschichte, wie sie kein Dichter je erreichen kann. Und diese Judenverfolgung Diese Aufzeichnung lautet, nach Saalfeld, in wortgetreuer Übersetzung „An demselben Tage (an welchem in Mainz die Inden ermordet wurden) wurden in Bacharach 26 Personen getödteti R. Samuel, Sohn des R. Kalo- nymos, und seine Frau Mingot; der junge N. Mcir, Sohn R. Mardochais, und seine drei Kinder; N. Samuel, Sohn R. Benjamins, und seine Tochter Bruna; Frau Sara, Witwe R. Josephs; der Gesetzesrolleuschreiber R. Meir Halevi; der Knabe Chiskija, Sohn des Märtyrers R.Jacob, welcher in Lorch getödtet wurde; die Jungfrau Ognr, Tochter N. Solomons; das Waisenmädchen scheint Heine im Auge gehabt zu haben, trotz des Anachronismus im zweiten Capitel des „Rabbi", das etwa 200 Jahre später (zwischen 1480 bis 1580) spielen mag. Aber dieser Anachronismus erklärt sich aus sachlichen Gründen. Wohl fanden auch noch später Judenverfolgungen in Bacharach statt, wie wir gleich sehen werden, aber die eben geschilderte des Jahres 1283 erschien dem Dichter besonders charakteristisch durch den Vorwaud der Ermordung eines Christenkindes. Und ebenso charakteristisch erschien ihm andererseits wieder für die Schilderung der Frankfurter Judeugasse die Zeit des ausgehenden fünfzehigen Jahrhunderts, aus Gründen, die iu der Schilderung selbst liegen. Den Vorwurf des Anachronismus hatte der Dichter am wenigsten iu einer Zeit zu fürchten, in der die Quellen der jüdischen Geschichte noch so im Argen lagen, daß man auch die wichtigsten Nachrichten nur mit Mühe und auf privatem Wege erlangen konnte. Hätte Heine die Geschichte der Juden in Bacharach so gekannt, wie wir sie heute auf Grund der inzwischen genau erforschten Quellen kennen, so hätte er sein historisches Gemälde mit vielen feinen und charakteristischen Zügen ausstatten können, die den poetischen Reiz desselben sicherlich erhöht hätten. Ja vielleicht hätte er dann die Handlung des „Rabbi" ganz in die Zeit der dritten Judenverfolgung gelegt, die im Sommer 1386 stattfand. Diesmal war es der Vorwnnd, daß die Juden Hostien gestohlen und geschändet hätten, der eine Verfolgung gegen sie hervorrief. Auch das kleine Bacharach mußte wieder seine Zarte; der Jüngling N. Menachem, welcher an jenem Tage den Vorbeterdienst versah; der Knabe Elieser, Sohn R. Ascher's; R.Joseph, Sohn des Rabbiners R. David; N. Inda, Sohn des gelehrten R. David." Märtyrer stellen. Die beiden schwäbischen Edelleute, welche sich „die Könige Armleder" nannten, fährten eine Schaar Volkes, die man die Judenschlttger hieß, durch das Elsaß, über den Rhein biö nach Schwaben, überall ein Blutbad unter den Juden dieser Länder anrichtend. Auch die Tranerzeit des schwarzen Todes ging nicht spurlos an den armen Bacharacher Juden vorüber. Wohl fehlen nähere Notizen, aber eine alte Liste von Marterstätten nennt aus dem Jahre 1349 auch das alte Bacharach. Die Leidensgeschichte der kleinen jüdischen Gemeinde war aber damit noch lange nicht abgeschlossen; gleichwohl erhielt sie sich und blieb ihrem Glanben wie ihren geschichtlichen Traditionen treu. Ja sogar das Studium des Talmud wurde in der kleinen Gemeinde eifrig gepflegt, und viele Gelehrte, die später in anderen Städten und in großen Gemeinden, wie Frankfurt, Worms und Prag zu Ehren gelangt sind, stammten aus dem kleinen rheinischen Städtchen, so vor Allem die Familie des gelehrten Rabbiners zu Worms, Abraham Samuel b. Jsak Bacharach, der etwa von 1575 bis 1615 lebte und als ein frommer, gelehrter und edler Mann geschildert wird, der als Rabbiner der Gemeinde zu Worms eine segensreiche Thätigkeit entfaltete, bis auch ihn eine Judenverfolgung am Charfreitag (7. April) des Jahres 1615 aus seinem neuen Heim vertrieb. Er flüchtete mit den Seinen nach Gernsheim über den Rhein; dort starb er wenige Wochen später, am 26. Mai desselben Jahres, und wurde auf dem Friedhofe zu Alsbach zur ewigen Ruhe gebettet. Vgl. über diesen and seinen berühmten Sohn die eben erschienene vorzügliche Monographie von Professor Dr. David Kanfmann, R. Jair Chajjim Bacharach nnd seine Ahnen (Trier 1394), S. 3 ff. Seine Gattin Sara Chava war eine der berühmtesten Franen des Mittelalters, eine Enkelin „des hohen Rabbi Löb" in Prag. Sie war in der heiligen Schrift und in den talmndischcn Werken ebenso wie in der synagogaleu Dichtung belesen. Im Jahre 1600 folgte sie Rabbi Abraham Samuel Bacharach nach Worms. Nach dem Verluste des Gatten und der Heimat kehrte sie mit ihrem achtjährigen Sohne und mehreren Töchtern in das Elternhaus nach Prag zurück. Dort lebte sie nur der Erziehung ihrer Kinder und der Erinnerung an ihren thcuren Gatten, bis ihr Sohn N. Samson Bacharach im Sommer 1650 als Nachfolger seines Vaters das Rabbinat in Worms übernahm. Dann folgte sie ihm auch dorthin. Aber schon ein Jahr später treffen wir sie ans einer frommen Pilgerfahrt nach Jerusalem. Der Ruf ihrer Gelehrsamkeit und Frömmigkeit zieht ihr voran, und so wird sie überall mit hohen Ehren empfangen. Das Ziel ihrer frommen Sehnsucht hat sie aber nicht erreicht; sie starb auf dem Wege 1652 in Sofia und wurde dort begraben. Noch bis in unsere Zeit wurden nach „der berühmten Sarah" weibliche Nachkommen auS dieser Familie benannt.^) Abraham und Sara aus Bacharach sind also historische Persönlichkeiten! Ein Enkel dieses Paares war der fromme und sehr gelehrte Rabbiner der uralten Gemeinde zu Worms, Jair Chajjim Bacharach (1638—1702), dessen Rechtsgutachlen in der Responsen- literatnr einen angesehenen Rang einnahmen, der aber auch weltliche, allgemeine Kenntnisse hatte und das Sindium des Talmud methodisch betrieb.Merkwürdigerweise mußte auch er bei der Ver- Vgl. Kayscrling, Die jüdischen Frauen, S. 176 fs. tt. o. S. ö7 ff. Wüstung der Pfalz durch die Franzosen NM 13. Sivan des Jahres 1689 aus seiner Vaterstadt fortziehen, und zwar zuerst nach Metz, dann nach Heidelberg, endlich nach Frankfurt a. M. Aber er zog nicht allein fort, sondern mit seiner ganzen Gemeinde. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß die wichtigsten dieser biographischen Daten Heine durch Leopold Zunz bekannt wurden; aber er hat sie jedenfalls mit großer poetischer Freiheit verwerthet. Allerdings hat er sich hiebet insofern gegen den Geist der Geschichte vergangen, als es nicht wahrscheinlich ist, daß ein Rabbi im Mittelalter seine Gemeinde in drohender Gefahr verlassen und sich nur mit den Seinen geflüchtet hätte. Gerade die Lebensgeschichte des Rabbi Jair Chajjim Bacharach hätte den Dichter, wenn anders er sie gekannt hat, eines Besseren belehren sollen. Denn auch dieser berühmte Rabbi hat harte Schicksalsschläge erleben müssen; aber er harrte treulich bei seiner Gemeinde ans und zog erst dann aus der thenrcn Heimat, als jene mit ihm in die Ferne zog. Heine hat diesen Fehler wohl selbst herausgefühlt und die Flucht des „Rabbi" einigermaßen zu motiviren gesucht durch die Worte „Aengstige Dich nicht, schöne Sara, auch unsere Freunde und Verwandte werden gerettet sein. Nur nach meinem Blute lechzen die Ruchlosen." Aber diese Motivirnng ist doch nur sehr schwach IV. 232. Es dürfte von Interesse sein zu erfahren, daß auch der erste oder mindestens einer der ersten jüdischen Dichter in deutscher Sprache, L i p- n> a n n Moses Büschentha l, der Autor des Dramas „Der Siegelring des Salomo", in Bacharach geboren wurde, wie sein Grabstein sNr, 1360) ans dem alten jüdischen Friedhof in Berlin ausdrücklich angibt. Darnach ist die Meldung Fnrst's in seiner Bibl. Ind. I., 138 zu berichtigen, wo Straßburg als dessen Geburtsort angegeben wird. — 58 — und nicht aus der Erkenntniß des geschichtlichen Geistes hervorgegangen, der jene Helden und Märtyrer auf ihren weiten Zügen und Leidensstationen erfüllt und erhalten hat. Auch der eigentliche Held des Romans, Isaak Abarbanel oder richtiger Abravanel, hat wirklich gelebt. Er war ein Enkel des berühmten Schriftgelehrlen gleichen Namens und ein Sohn des 1 Juda Abravanel, der in der Geschichte der Renaissance unter dem Namen Leone Hebreo als Autor der „DiaioZ'lli cii amors« berühmt ist.69) Dieser Abravanel wurde auf Befehl des portugiesischen Königs Joao II. zwangsweise getauft und als Christ in Lissabon erzogen. Erst später gelang es ihm, nach der Türkei zu entfliehen und dort wieder das Judenthum öffentlich zu bekennen. Also auch der galante Maranne Jsaac Abravanel ist eine historische Persönlichkeit! Wenn wir nnn von dem geschichtlichen Fehler, der eigentlich mehr ein psychologischer ist, abschen, daß Rabbi Abraham aus Bacharach seine Gemeinde in der Stunde der Gefahr verläßt und mit seiner Gattin entflieht, so ist gerade das geschichtliche Moment in Erzählung, Sitten und Gebräuchen in diesem Werke streng gewahrt. Man muß darüber staunen, welche Kenntniß Heine von 66) Siehe meine Geschichte der jüdischen Literatur, II. 858. ") Cassel: Lehrbuch der jüdischen Geschichte und Literatur, S. 428. Seine Kenntniß der Lebensgeschichte Abravanel's verwendet Heine übrigens noch oft. ' Vgl. III. 153, V. 311 n. a. O. Auch die Geschichte von dem Messias, die ihm angeblich ein Manassah ben Naphtali ans Krakau erzählt haben soll (VII. 349 ff.), weist auf die früheren Studien hin. Es ist dabei wohl zu beachten, daß Heine zu derselben Zeit, da der „Rabbi" erschien, an seinem Buche über Börne schrieb. Die dort über die Inden ausgesprochenen Ansichten stimmen mit denen des dritten Capitels völlig nbcrcin. dem religiösen jüdischen Leben und dessen Gebräuchen hatte. Es ist geradezu unmöglich, daß er sich diese Kenntnisse erst in Berlin, innerhalb zweier Jahre, angeeignet hätte. Eine solche intime Bekanntschaft mit Allem, was Sitte und Brauch war im Leben der alten Juden, kann nur aus tiefen und unvergeßlichen Jugendeindrücken stammen. Und was das Merkwürdigste ist: Fast Alles, was Heine vorbringt, ist richtig, während wir bei sehr vielen späteren Erzählern aus der Judengasse den gröbsten Schnitzern begegnen. Ja, es scheint, als hätte Heine in seinem Roman das ganze religiöse Leben der Juden umspannen wollen. Die jüdische TrnuuugSformel, das Fasten am Montag und Donnerstag, die intime und genaue Schilderung des Passahfestes mit allen Einzelheiten, der Inhalt der Hagada und ihrer Legenden bis auf den „herkömmlich" singenden Ton, womit dieselbe vorgelesen wird, das Interieur des Nabbincrhauses, die Trachten der Bewohner desselben und der Gäste, die Begrüßung der Fremden, die Scene mit der Darstellung der ägyptischen Plagen, welche übrigens in den „Bädern von Lucca" gleichfalls in sehr ergötzlicher Weise verwcrthet werden,") das Waschen vor dem Essen, der Sabbathuachmittag mit dem Examen und dem Snbbathobst, das Myrrhen-Suchen vor dem Laubhütteufeste, das Nachtgebet, die Vorschriften für die achtzehn Beuedictiouen, das Volkslied der Hagada, die talmudischcn Vorschriften für Gefahr am Sabbath, das Interieur der Synagoge, die Schilderung des Gottesdienstes, insbesondere der Thora-Vorlesuug, das Daukgebet für die Rettung aus der Gefahr, die Melodien des Passahfestes, endlich die Vorgänge beim Backen der ungesäuerten Brote und — last not loast ") III. 363. — der Schalet, „unseres Herrgotts koscheres Ambrosia",^) dies Alles ist historisch treu und sachlich wahr von Heine dargestellt. Mit aller Mühe und trotz eifrigen Suchens habe ich nur wenige größere Fehler in der Darstellung finden können. Unrichtig scheint mir der Angstrnf der schönen Sara zu sein: „Schadai, voller Gnade!" 76) Auch ist es nicht aus jüdischem, sondern aus altheidnischem Geiste heraus, wenn der Rabbi das silberne Waschbecken in den Rhein hinabwirft mit der Motivirung: „Damit uns das Unglück nicht verfolge, habe ich ihnen das letzte meiner Habe, das silberne Becken, zur Versöhnung hingeworfen." Unrichtig ist es auch, daß Heine den biblischen Bericht über die Opferung Isaaks am Passahfest in der Synagoge vorlesen läßt, während diese Vorlesung that- sächlich nur für den zweiten Tag des Neujahrsfestes vorgeschrieben ist,und endlich, daß er beim Heransheben der Thora-Rolleu aus der Lade den Vorbcter einen „schönen Psalm" singen läßt. Den schönen Psalm hört man vielmehr beim Zurückstellen der Thora- Rollen nach der Vorlesung aus derselben. Ebenso ist es falsch, daß „aus der geöffneten Pergamentrolle in jenem singenden Tone, der am Passahfeste noch ganz besonders modnlirt wird", 75) vorgelesen wurde. Die besondere Modulation findet sich nur an den beiden Neujahrslagen und bei dem Morgengottcsdicnste des Versöhnungstages, während sie an den anderen Feiertagen dieselbe ist wie an den Sabbathcn. Fast scheint es, als hätte der Schalk, der ja die '2) II. Z85. '2) IV. 232 ff. ") Id. 246. Ib. 251. alten Bräuche so gut kannte die Opferung Isaaks absichtlich nur deshalb hineingebracht, um seine bekannten Witze daranzuknüpfen. Aber was bedeuten alle diese kleinen Fehler und Jrrthiimer gegenüber der großen historischen Auffassung des Ganzen? Der Geist der jüdischen Geschichte hatte sich dem Dichter offenbart, und er ahnte in dem Helden- und Märtyrcrzug dieses Volkes durch die Weltgeschichte eine große, sittliche Mission. Darin liegt vor Allem die Bedeutung des „Rabbi von Bacharach". Und auch seine Hoffnung, daß ihm diese geistige Rüstung noch in Zukunft zu statten kommen werde, ist in Erfüllung gegangen. Durch sein ganzes Leben folgen ihm jene Erinnerungen heiterer oder wchmüthiger Art/") und immer und immer wieder hören wir aus Scherzen und Klagen, aus Liedern und Worten die tiefen Töne der Trauer, die Melodien jenes altersgrauen Judenschmcrzes, der zwar nur eine einzelne Provinz im großen Reiche des Weltschmerzes bildet, der uns aber doch Heine's Herzensvorhang aufdeckt Vgl. Alfred Meißner, Charakterinasken, Bd. II, S. 176, wo dieser ererzählt, daß Heine sich noch in den letzten Lebensjahren mit der Idee trug, einen mehrbändigen Roman zn schreiben. „Inhalt desselben sollte — charakteristisch genug — die Geschichte der Gräfin Kosel sein. Nicht nur die Scenen des üppigen Hoflebens mochten ihn zur Schilderung reizen, ans seine Phantasie wirkte besonders das Ende der Gräfin, die, wie bekannt, in ihrer Gefangenschaft ans dem Schlosse Stolp eine Hinneigung zum Jndenthnme suhlte und dort, ähnlich wie Ladh Esther Stanhope in der Wüste des Libanon, talmndische Weisheit zn stndircn begann. So traten die zurückgedrängten Mächte des Glanbens, die Erinnerungen seiner Kindheit und seines Knabenalters am Abende seines Lebens noch einmal an ihn heran. Ich fand bei der Mouche den Band der Behsc'schen Memoiren, welcher die Geschichte der Gräfin Kosel enthält; sie hatte ihn zu wiedcrholtenmalen dem Dichter vorlesen müssen." und deutlich zeigt, wie er im letzten Grunde immer nur ein nrmer Nazarener geblieben, der sich zwar in glücklichen Stunden gern zum sonnenfreudigen Hellenen aufschwingen wollte, der aber doch, selbst als ihn die Wogen des Judenhasses nicht mehr so stark umbrandeten, das Leid seiner unglücklichen Stammesgenossen nimmer vergessen konnte. Und immer, so oft ihn jene Stimmung der Wahrheit überkam, aus der sein „Rabbi" hervorgegangen, gestand er es sich selbst ein, daß auch er im Grunde nur ein spiritualisti- scher Jude sei, und dann entströmte seinem Herzen das offene Ge- ständniß: „Wenn ich am Tage wohlbeleibt und lachend dahinwandle durch die funkelnden Gassen Babylons, glaubt mir's, sobald der Abend herabsinkt, erklingen die wehmüthigen Harfen in meinem Herzen, und gerade des Nachts erschmcttern alle Pauken und Cymbeln des Schmerzes, der ganzen Janitscharenmusik verhaltener Quell, und es steigt empor der entsetzlich gellende Mummenschanz In solchen Stunden erscheint ihm denn auch seine Lcbens- wandernng von der Jndengassc zu Frankfurt a. M. bis auf die Matratzengruft zu Paris, vom „Rabbi" bis zum „Romanzero", wie ein endlos schauriger Passionsweg. Und dann ruft er klagend aus: „Mein Leben war schön! Ich war der Lieblingspoct der Deutschen geworden und wurde sogar gekrönt wie ein deutscher Kaiser zu Frankfurt. Mädchen in weißen Kleidern streuten mir Blumen. O, es war schön! Warum mußte ich-doch meinen Heimweg durch die Judengasse nehmen, die, wie Sie vielleicht wissen, vom Römer nicht gar weit entfernt ist. Als ich sie auf meinem Triumphznge durchschreite, geht ein häßliches Weib mir quer über ") VII. 354. — 63 — den Weg und droht mir, als wolle sie mir U tginck weissagen , .. Ich stutze vor der Gestalt, fahre einen Schritt zurück, und mein Kranz, mein prächtiger Kranz fällt in die Steine dieser unreinen Gasse! Weh mir! Seitdem klebt ein fataler Geruch an meinem Lorbeer, ein Geruch, den ich nicht wegbringen kann! Schade um den schönen, schönen Kranz!" Heine ist der Dichter der Traumbilder. Mit Traumbildern hat er die poetische Bahn betreten, mit einem Traumbild verläßt er sie. Aber auch durch dieses Traumbild von der schwefelgelben Passionsblume zieht sich jener uralte Riß:^) Die Gegensätze sind hier grell gepaart, Des Griechen Lustsinn und der Gottgcdanke Jndäas! Und in Arabeskenart Um Beide schlingt der Epheu seine Ranke. Der Dichter ist ein vorwärtsschauender Prophet. Er ahnt in seinem hehren Geiste die künftige Verklärung und Versöhnung dieser Gegensätze. Vor seinem Seherauge steigt aus tiefem Grunde gleich der alten verschollenen Meeresstadt das himmlische Jerusalem auf. Halb im Wachen, halb im Schlummer schaut er den Messias der Welt im wallend weißen Gewände segnend über die Erde schreiten. Des fernen Klangs geheimnißvolle Schauer ergreifen seine Seele, unendliches Sehnen, tiefe Wehmnth beschleicht sein Herz. „O, Friedenswnnder!" Er ahnt die Harmonie der Menschheit, die Bruderliebe der Völker, die Religion der Religionen, er sieht die Thore des himmlischen Jerusalem weit sich öffnen und 'ch Alfred Meißner, Heinrich Heine, S. 85. ") II. 565. — 64 — einziehen seinen armen Rabbi, dessen ruheloser Märtyrerzug durch die Weltgeschichte nunmehr beschlossen ist. Und dann, ja dann gewiß — eine innere Stimme kündet es ihm — dann wird auch sein „Rabbi von Bacharach" vollendet sein.