vielmehr nicht nur in der Weltanschauung, aus welcher das Werkhervorgegangen ist, sondern auch in den Darstellnngsmitteln lebendighervor; sowohl in der plastischen Schilderung der Situationen,als in den seltsamen Antithesen und nicht zum Wenigsten in derüberraschenden Verbindung einander fernliegender Vorstellungen,
Schon hier begegnen uns die Adjecliva, welche in den „Nord-see-Gedichten" wie in den „Reisebildcrn" uns durch die Verbindungmit leblosen Wesen reizen und fesseln, die Adjcctiva mit Gegen-sinn! Wir lesen von zahnlosen Zinnen, von blinden Wartthürm-chen, stolz emporschießenden Pfeilern, trotzig sich geberdenden Bergen,wir erleben einen heiter grünen Sommertag, wir hören von leichen-haft duftenden Blumen, von schadenfroh und zugleich selbst be-ängstigt zwitschernden Vögeln, von den heimtückisch gelben Streif-lichtern, die der Mond über den dunkel hinmnrmelnden Stromwarf. In Frankfurt treffen wir breite Rathsherren mit wohl-habend bauschigem Wams, angstvoll hastige und aufseufzend lang-same, aber auch glanzrcich hinflatternde Weiber u, f. w.
Der große Gegensatz, welcher Heine durch sein ganzes Lebenhindurch verfolgte, zwischen dem dürren, freudlosen Hebräerund dem trüben, gualsüchtigen Nazarener einerseits und dem welt-freudigcn, sinnesfrohen Heiden andererseits, begegnet uns auchhier zum erstenmal?. In diesem Conlrast liegt ja auch der Gegen-satz zwischen den beiden Hauptcharaktcren und den von ihnen ver-tretenen Richtungen angedeutet, und eben diese Gegensätze warenes, die den Dichter selbst während seines ganzen Lebens erfülltund bedrängt haben, ohne daß er es, im Leben wie im Dichten,zu einem friedlichen Ausgleich hätte bringen können.
") Vgl. VII. 262 mit VII. 469 ff.