Johann Kaspar. 1772. 1773. 113
Lotten berauscht zu haben, schrieb er: „Lieber Gott, wenn ichalt werde, soll ich dann auch so werden? Soll meine Seelenicht mehr hängen an dem, was liebenswert und gut ist?Sonderbar, daß, da man glauben sollte, je älter der Menschwird, desto reiner er werden sollte von dem, was irdisch undklein ist, er wird immer irdischer und kleiner." Es fiel ihmauf, daß sein Vater mit solcher Wichtigkeit um Geschäftssachenund kleinliche Dinge anderer sich kümmere, während ihm selbstdie Advokatur zuwider, das Herz so voll war von glühenderLiebe zu Lotten. Dabei war er tief in die Begeisterung fürdie gotische Baukunst, die er als deutsche pries, und in dieBewunderung des Meisters des Straßburger Münsters ver-sunken. Um diese Zeit ließ er den Bogen „Von deutscherBaukunst" auf seine Kosten drucken, worin er den alten Erwinv. Steinbach in Hamanns mystisch verhüllender Weise feierte.Dem Vater, der nur höchst selten eines bildlichen Ausdruckssich bediente, mußten die Absicht und der Ton gleich wider-wärtig sein. Doch auch dies ließ er ruhig seinen Weg gehen,wenn er anders etwas davon erfuhr. Ärgerlich war es ihm,daß Wolfgang gleich darauf wieder ausriß, um mit Merck einigeTage nach Mannheim der Antiken wegen zu gehen. Aber dadieser durch Geschäfte in Darmstadt zurückgehalten wurde, blieber in Darmstadt länger. Die Lust zu zeichnen hatte ihn soleidenschaftlich ergriffen, daß er dort wochenlang sich dareinversenkte. Und auch als er endlich nach Hause zurückgekehrt ist,lebt er meist in seinen Ideen und Träumen, ja der Advokatnimmt zweimal die Maske eines Geistlichen vor, um Duldungzu lehren und ein paar biblische Streitfragen auf eigentümlicheWeise zu lösen. Am 5. Februar 1773 kam Merck auf eineWoche nach Frankfurt; er war dem Herrn Rat ein angenehmerBesuch, wogegen ihm die wilden Frankfurter Genossen, die sichan den Genius hingen, anwiderten. Merck brachte Wolfgang