136
II. DaS Geschlecht des Dichters Goethe.
mit einer Hast und Leichtigkeit anzueignen, die den Vater seineBegabung immer mehr bewundern ließ. Wohl jetzt schon ließer den Kindern Unterricht im Zeichnen geben, an dem er selbstals ein sehr alter Schüler (denn er hatte in seinem Lebennoch nicht gezeichnet) sich mit peinlichstem Fleiße beteiligte.Auch ließ er Wolfgang auf sein dringendes Verlangen, hebräischzu lernen, vom Rektor Albrecht darin unterrichten, den erhäufig mit ihm besucht hatte, wo der gute Alte ihn regelmäßigprüfte und ermunterte; hatte dieser ja einmal, als der Vatermit ihm der Schlußprüfung beiwohnte, ihn zu sich an dasKatheder gerufen und ihm eine der sehr vielen zur Belohnungdes Fleißes der Schüler bestimmten silbernen Medaillen über-reicht. Einmal im Juni hatte der Vater sich beschwerendan den Rat gewandt, da man ihn anhalten wollte, eine Nach-zahlung zur Schätzung seiner Mutter zu leisten, die seit 1744zweihundert Gulden gezahlt hatte. Die Forderung schien ihmungesetzlich und ein bloßes Versehen.
Nach dem im März 1763 gefeierten Friedensfeste und dervölligen Räumung Frankfurts von den Franzosen, wenn nichtschon früher, wurde Wolfgang infolge der großen Freiheitund seiner hohen dichterischen Begabung mit einem Kreiseniederer junger Leute bekannt, die mit gewissenlosen Menschenin einer, wenn auch nur losen Verbindung standen. DieSache kam glücklich noch frühe genug heraus, aber wie un-schuldig sie auch von Wolfgangs Seite war, obgleich immereine sittliche Verirrung, sie brachte ihn eine Zeit lang in bösenRuf. Der Vater, der so den Glanz seines Kleinods getrübt sah,geriet in fürchterlichen Zorn, so daß man Freund Schneiderdie Verhandlung mit dem Schuldigen führen ließ. Dieser warum so tiefer erschüttert, als er in jenem Kreise ein anmutigesMädchen gefunden, das sein volles Herz entzündet hatte undjetzt für ihn verloren sein sollte. Aber auch von diesem Schlage