94 II. Das Geschlecht des Dichters Goethe.
langt waren, wo das Handwerk wirklich goldenen Boden hatteund auch sonst Handel und Wandel so viele Gelegenheit boten,sich Vermögen zu erwerben, was sein Vaterland, wie man dieHeimat nannte, am wenigsten versprach. Aber dann mußteman sich auch die nötige Bildung im Handwerk und Leben ver-schaffen; deshalb zog es ihn nach der großen Stadt an derSeine, die freilich, wenn man sich nicht zu beschränken wisse,den Sitten gefährlich sei. Hier erwarb er sich außer der Ver-vollkommnung in seinem Handwerk am Quell der Moden einartiges, feines Betragen, Fertigkeit in der Sprache des galan-testen Volkes, Kenntnis einer ungeheuren ihn umringenden Weltund eine kleine Barschaft. Auch die Musik, als deren fer-tigen Kenner und Freund wir ihn später finden, und die erwohl schon zuhause gepflegt hatte, wird ihn in der Fremde,unter dem fröhlichen Volke weidlich erfreut haben. Und erblieb in Frankreich länger als drei Jahre. Als er endlichzurückkehrte, muß er schon fest entschlossen gewesen sein, inder deutschen Reichsstadt seine dort erlangte vielseitige Aus-bildung zu seinem Vorteil zu verwerten und durch Heirat einerBürgerstochter seiner Innung dem Glücke eine Thüre zuöffnen. Mit den Seinigen war er in Verbindung geblieben,und so hatte er von dem Braudunglück erfahren, das Artern1683 betroffen und auch sein väterliches Haus beschädigt hatte,aber im folgenden Jahre waren Haus und Schmiedestätte her-gestellt. Von den Geschwistern hatte noch keines sich verhei-ratet. Dem ältesten Sohne, unserm Friedrich Georg, schienes geraten, vor Vollendung des dreißigsten Jahres Meister zuwerden und einen Hausstand zu gründen. Seine Erwähltewar die Tochter des Schneidermeisters Sebastian Lutz, der eineFrankfurterin geheiratet hatte; Anna Elisabeth Lutz war überneun Jahre jünger als der Bräutigam, am 19. März1667 geboren. In der Verbindung mit ihr, hoffte Friedrich,