Druckschrift 
Goethes Stammbäume
Entstehung
Seite
18
Einzelbild herunterladen
 

18

I. Das Geschlecht Textor. 1.

An dem genannten Tage hatte Textor abends größereGesellschaft. Zugegen waren, außer seinem Schwager Lind-heimer, Lieutenant im sogenannten weißen Regiment, der da-mals nach Diezenbach kommandiert war, nebst Frau, der obenerwähnte Dragonerhauptmann Hoffmann, der zu Großengerauim Quartier lag, Amtmann Langsdorf zu Lichtenberg nebstFrau, von Frankfurt Hofrat Dr. Johann Daniel von Olen-schlager, damals dreißig Jahre alt, mit dem ältesten Fräuleinvon Klettenberg verlobt, der Juwelier Riese (der Vater vonGoethes Jugendfreund) mit Frau, die drei Töchter des früherenBürgermeisters von Klettenberg und dessen Nichte Luise Eleo-nore Seiffert von Klettenberg, eine Tochter des SyndikusLucius, zwei Töchter des Registrators Münch (auch Goethe warmit der Familie bekannt) und die Tochter seines Nachbars,des Pastors Schleisfer. Bei den Scherzspieleu wurde zuletzt„der ganzen Gesellschaft, das Frauenzimmer nach der Reihe zuküssen, aufgegeben". Dies war fast zu Ende, als HosfmanuLindheimers Frau küßte, worüber der Gatte in solche Wutgeriet, daß er ihn schmähte, hinterrücks überfiel, ihm die Perückevom Kopfe schlug und den Degen zog, mit dem er ihn amKopfe und an der Hand verwundete; das strömende Blut liefam Gesicht herab: Hoffmann und andere hielten den Wüten-den zurück. Die älteste Klettenberg führte ihren Verlobten zurThüre heraus, auch die übrigen Frauen eilten aus dem Zimmer.Olenschlager stellte am anderen Tage an den Rat die Bitte,Lindheimer, weil er fliehen werde, in Arrest zu nehmen unddie Sache untersuchen zu lassen. Auf die Vorladung erklärteder Beschuldigte, er sei unwohl, könne sich auch später auf dieKlage aus Rücksicht auf seinen Landesherrn nicht einlassen,würde aber schriftlich an ihn gestellte Fragen beantworten.Dem am 26. erlassenen Befehl des Rates, ihn auf die Haupt-wache zu bringen, entzog sich Lindheimer durch die Flucht.