Druckschrift 
1 (1880) 1729 - 1835
Entstehung
Seite
29
Einzelbild herunterladen
 

Tageseintkeilmig.

29

Mendelssohn tlieilte seinen Tag folgendermassen ein: Sommerund Winter stand er Morgens um 5 auf, und beschäftigte sichdann einige Stunden mit wissenschaftlichen Arbeiten. DieserZeit verdankt sein letztes Werk seine Entstehung und denNamenMorgenstunden." Von 9 bis 3 Uhr war er auf derFabrik, aber auch hier standen in einer kleinen Bibliothekwissenschaftliche Werke, und jede Müsse in den Geschäftenbenutzte er. Oefters kamen Fremde, die ihn kennen lernenwollten und dort aufsuchten, und in bunter Mannigfaltigkeitdrängten sich Arbeiter mit Proben, Gelehrte mit philosophischen,Kaufleute mit Handels-Anliegen, Comptoirgescliäfte und stilleMomente mit den Büchern. Alles behandelte er mit gleicherKlarheit, und solcher Wechsel diente dazu, seinem Geist diefrische Spannkraft zu erhalten.

Von drei Uhr ab war der Nachmittag frei. Er wurdetlieilweis wieder wissenschaftlichen Arbeiten gewidmet, theilweisder Erholung in der Natur. Berlin war damals nicht dasHäuserungethüm mit unabsehbaren, staubigen und übelriechendenStrassen, man konnte leicht nach jeder Richtung hin das Freie,frische Luft und den Anblick grüner Felder und schattigerBäume erreichen aber den Juden wurde das Spaziergehenan öffentlichen Orten auf mancherlei Weise verbittert.Ichergehe mich," schreibt Mendelssohn an Winkopp,zuweilendes Abends mit meiner Frau und meinen Kindern. Papa! fragtdie Unschuld, was ruft uns jener Bursche dort nach? Warumwerfen sie mit Steinen hinter uns her? Was haben wir ihnengetlian! Ja! lieber Papa! spricht ein anderes, sie verfolgenuns immer in den Strassen und schimpfen: Juden! Juden! Istdenn dieses so ein Schimpf bei den Leuten, ein Jude zu sein?Und was hindert dieses andere Leute? Ach! ich schlagedie Augen nieder, und seufze mit mir selber: Menschen! MenschenWohin habt Ihr es endlich kommen lassen?" So miethetesich denn Mendelssohn einen Garten, wohin er in der gutenJahreszeit aus der Stadtwohnung immer ging. Letztere warin der Spandauerstrasse und ist nach seinem Tode mit einerGedenktafel versehen worden. Jenes Gartens erwähnt eroft mit innigem Behagen in seinen Briefen; er lag ganz in der