49
fremden und uralten Schmerz mehr erregt wird, als Hamletvon der traurigsten selbsterlebteu Erfahrung, die ihn nur vonZeit zu Zeit aufrüttelt, um ihn dann dem alten träumerischenWesen, dem trüben Brüten und Sinnen ohne Ziel und Zweckanheimfallen zu lassen. Die Zeit mußte daher ausgedehntwerden, und so läßt sich denn die bunte, abwechselnngsreicheHandlung des Strickes, namentlich die Reise des Laertes nachParis, der Durchmarsch des Fortinbras, die Sendung Hamletsnach England, die nur kurze Zeit einnimmt, weil sie gar nichtzum Ziele kam, dies alles läßt sich recht wohl mit dem Grund-gedanken des Stückes in Zusammenhang bringen. Wir schließendiesen Abschnitt mit der richtigen Bemerkung Bodenstedts:„Das Schicksal zerreißt seinen Lebensfaden und macht ihnsterbend noch zum Werkzeug seiner Pläne, indem es ihn gleichsamblindlings die Rachepflicht vollziehen läßt, welche er mit klaremAuge und Hellem Bewußtsein niemals vollzogen haben würde.Aber eben durch die lange Verzögerung der äußeren Strafe,des Abschlusses durch den Tod, wird der schuldige König innerlichweit eindringlicher gestraft, als wenn ihn der rächende Stahlgleich getroffen hätte, und hierin liegt die tragische Sühne undGerechtigkeit" — wiewohl er auch als abgesetzter, vertriebener,lebenslang gefangen gehaltener König die rächende Nemesis imvollsten Maß erfahren hätte.
Es fragt sich zuletzt, zu welcher Klaffe von ShakespearesDramen sein Hamlet gehöre. Ich nehme ihn zunächst mitMacbeth, Lear und Cymbeline zusammen, die wie HamletPolitisch-nationalen Gehalt haben, aber in die vorgeschichtlicheZeit zurückreichen. Im Macbeth wird ein schottischer Königs-mörder, im Cymbeline ein römisches, im Lear ein französischesHeer, das in England gelandet ist, vom englischen Heer ge-schlagen. Im Hamlet aber ist England dem dänischen Staat
Sammlung N. F. V. 117. 4 l7!>»)