Shakespeares Hiimlet, Pm; von Dililtmark. Von Kustav Kauff, i Psarrcr in Bcimiach, Hamburg. Berlagsanstalt und Druckerei A.-G, (vormals I. F. Richter). 18S1. Das Recht der Uebersetzung in fremde Sprachen wird vorbehalten. Druck der Verlagsanstalt und Druckerei Actien-Gesellschaft (vormals I. F. Richter) in Hamburg. Shakespeare und kein Ende — Hamlet und kein Ende. Wo Shakespeare genannt wird, denkt man gleich an sein berühmtestes und genialstes Werk, an Hamlet. Dies gilt nicht allein von den Engländern und Deutschen, sondern auch von den Franzosen. Jetzt noch bringt fast jedes Jahr eine Schrift über Hamlet, denn es handelt sich hier nicht allein um die ästhetische Würdigung, sondern — und dies ist das Bedenkliche — noch viel mehr um den Sinn und Inhalt des Gedichtes in Einzelnheiten und im Ganzen. Schreiber dieses hat in Prntz' Deutschem Museum 1867, 5. 6 und 1866, 5 seine Auffassung dieses Stücks entwickelt und gegen Einwendungen gesichert. Das Nachfolgende enthält eine durchaus neue und vermehrte Bearbeitung jener Aufsätze, an deren Grundgedanken ich jetzt noch festhalte. Shakespeare hat im Hamlet, wie in seinen anderen Stücken, sich an eine fremde Erzählung angeschlossen, aber diese, so sehr er ihr in manchen Punkten treu geblieben ist, in Hinsicht auf den Charakter seines Helden und den Ausgang des Stücks wesentlich umgestaltet, so umgestaltet, wie wir dies bei keinem seiner übrigen Stücke finden. Die ursprüngliche Hamletsage findet sich im dritten Buch der dänischen Geschichte des Saxo Grammatikus, eines Zeitgenossen Friedrich Rothbarts. Der Sammlung. N. F. V. 117. r" ( 7SS) 4 Franzose Belleforest bearbeitete die Geschichte in dem mora- lisirendem Geschmacke seiner Zeit und ließ sie unter der Aufschrift ,,^vee sju«zI1«z rus« Mi clepnw tut roi «ie Oannsnlark, vongsa la nrort ckö son pörs llorvöiniilis, oeei« pur Uengon sou krsrs" im fünften Baude seiner Novellen 1564 erscheinein Ich glaube nicht, daß Shakespeare den lateinischen Text des Saxo gekannt hat; wahrscheinlich hat er Belleforests Novellensammlung vor sich gehabt. Die englische Uebersetzung dieser Novellen erschien erst 1608, nach dem Shakespeareschen Drama. Dieses hat verschiedene Wandlungen durchgemacht. Schon 1587 wird eine Hamlet betitelte Tragödie erwähnt, die Einige dem Thomas Kyd zuschreiben, Andere für eine Jugendarbeit Shakespeares halten; jedenfalls ist sie spurlos verschwunden. Im Jahre 1598 wird ferner eine Tragödie „Hamlet" als ein Werk Shakespeares erwähnt. „Unsere Jugend," schreibt Georg Harqey, ein Freund unseres Dichters, 1598, „ist ganz entzückt von Shakespeares Venus und Adonis; allein seine Lucrezia und seine Tragödie vom Dänenprinzen Hamlet gefallen den klügeren und ernsteren Leuten mehr." Aus dieser ältesten Bearbeitung mögen einzelne Stücke, wenn auch verderbt und verstümmelt, in die uns erhalten gebliebene Quartausgabe von 1663 aufgenommen worden sein. Im Jahre 1604 erschien eine vielfach verbesserte Ausgabe des Stücks. Zu den wesentlichen Veränderungen rechnet Bodenstedt nicht nur die Umwandlung verschiedener Namen, sondern namentlich die feinere Durcharbeitung und vollständigere Entwickelung des Hauptcharakters, die Umstellung bedeutender Auftritte und endlich die bessernde Hand, welche durch das Ganze geht. Betrachten wir nun Shakespeares Quelle, die in allein wesentlichen mit Saxo übereinstimmende Erzählung des Belleforest im Auszuge. Horvendill, ein Statthalter von Jütland, macht sich durch i?S4> 5 seine kühnen Raubzüge zur See so gefürchtet, daß der auf seinen Ruhm eifersüchtige König Koller von Norwegen auszieht, ihn zu bekämpfen. Die beiden Helden treffen sich bei einer lieblichen Insel, steigen ans Land und verabreden einen Zweikampf (Holmgang) unter der Bedingung, daß der Sieger alles Land des Besiegten gewinnen und diesen ehrenvoll bestatten solle, Horvendill bleibt Sieger, und der König von Dänemark, Rorik, giebt ihm seine Tochter Gerutha zur Gemahlin, weil er ihm durch Abtretung eines ansehnlichen Theiles der Beute seine schuldige Ehrerbietung erwiesen hatte. Aus dieser Ehe ging Hamlet hervor, — Shakespeare verlegt den Schauplatz nach Seeland und macht Hamlet zum Sohne des gleichnamigen Königs von Dänemark, Nach der Sage wird Horvendill von seinem Bruder Fengo umgebracht, der dadurch Alleinherrscher Jütlands wird. Er beschönigt sein Verbrechen durch den Vorwand, daß er Horvendill nur getödtet habe, um dessen schöne Gemahlin Gertrud vor seinen gransamen Mißhandlungen zu retten, und vermählt sich mit dieser, welche um den Königsmord gewußt hatte. Hier ist nun der große Unterschied zwischen der Sage bei Saxo und noch mehr bei Belleforest einerseits und Shakespeare andererseits, daß nach Diesem das Verbrechen dem Volke ganz unbekannt, nach Jenem allgemein bekannt ist; hat doch nach dem Novellisten Fengo seinen Bruder mit einem Anhang, den er sich zu verschaffen gewußt, bei einem Festgelage überrascht und gemordet und diese That nachher auf die oben angegebene Weise beschönigt. Bei Shakespeare träufelt Claudius, wie er den Fengo umgetauft hat, seinem schlafenden Bruder Gift ins Ohr, und nur Gertrud weiß um den Mord, Deswegen braucht Shakespeare einen Geist, um den Hamlet in das Geheimniß einzuweihen und ihn zur Rache zu stackeln. Eben damit ist aber dem Sohn dieser Auftrag wesentlich erschwert. Der Hamlet der Sage hätte <7SS> 6 nämlich, wenn er blind wagherzig gewesen wäre, ebenfalls sogleich nach der Ermordung seines Vaters einen Anhang nm sich sammeln und den König tödten oder doch absetzen und aus dem Reiche vertreiben können. Aber das Aufschieben und Zaudern von Shakespeares Hamlet finden wir schon in dem geistig gesunden Hamlet der Sage vorgebildet, Amleth, wie er in der Sage heißt, stellt sich wahnsinnig; denn, wie er zu seiner Mutter später sagt, er weiß, daß sein Oheim, der Amleths Vater gemordet, auch vor der Ermordung des Neffen nicht zurückscheuen werde, dessen Rache er fürchten müsse, weit sie von der Natur geboten erscheine, „Und Rache will ich auch nehmen und in einem Maße, wie sie in diesem Lande bis jetzt nicht erhört worden ist — wenn schon ich die Zeit und die Gelegenheit dazu erst noch reifen lassen muß." Freilich ist zwischen dem Amleth der Sage, der nichts von Philosophie und Pessimismus weiß und dem melancholisch-verrückten, geistreich philosophirenden Dänenprinzen Shakespeares ein großer Unterschied. Aber man darf diesen Unterschied nicht übertreiben. Die Hamletsage ist nicht so roh und dürftig, wie sie oft genannt wird; sie verdient diese Verachtung so wenig oder noch weniger, als die Sagen von Brutus und Dell.' Der Amleth der Sage zeigt einen künstlich verschlungenen Charakter, Brutus gilt allgemein für dumm; hinter Amleths Treiben wittern schärfere Beobachter berechnende Verschmitztheit. Brutus enthüllt sein wahres Wesen erst beim Eintreten der Katastrophe; Amleth und Hamlet legen die Maske der Geistesstörung, nachdem sie dieselbe, wie um ihre Umgebung zu necken, von Zeit zu Zeit gelüftet hatten, einmal in vollem Ernste ganz ab, nämlich im Alleinsein mit der Mutter, und zwar thun sie dies nicht aus Rache oder aus Uebermnth, sondern aus gekränktem Sittlichkeitsgefühl, Die zweideutigen, finnvoll unsinnigen Räthsel, die der Held aussprudelt, waren für den nordischen Geschmack ein Hauptreiz. Wie man Hamlets c?ss) Unternehmen, sich wahnsinnig zu stellen, erklären mag, jedenfalls liegt darin ein gewisser Trotz gegen das Schicksal, eine Heransforderung aller möglichen Folgen; er weiß, daß er auf unterhöhlten? Boden wandelt, aber er wandelt auf dem gefahrvollen Weg fort bis ans Ende, Ebenso ist schon der Amleth der Sage kein ruhig bleibender, zurückgezogener, einsamer Mensch, wie Brutus oder Tell, sondern mit einer Art nordischer Tapferkeit und Todesverachtung begiebt er sich mitten in das Treiben des Hofes, reizt geflissentlich die Neugierde der Aufpasser und weiß sie doch schließlich auf eine falsche Fährte zu locken. Vorsicht und Keckheit sind bei Beiden merkwürdig verbunden. Man kann nicht mit Bischer sagen, die alte Sage widerspreche sich selbst; sie wolle verborgenen Tiefsinn schildern und denke nicht daran, daß sie ihren Helden zweckwidrig handeln lasse, indem er ihn verrathe. Die alte Sage hat vielmehr eine innerliche Freude an dem Spiel, das der vermeintliche Tölpel mit seinen stärkeren Gegnern spielt; sie spannt den Gegensatz zwischen Beiden absichtlich aufs höchste; sie weiß ja überdies mit ihrem Helden, daß von Anfang an dem Mörder und seinem Anhang Tod und Verderben bereitet ist, mag auch die Strafe lange auf sich warten lassen. Amleth ist wie Chriemhild, wie der Germane überhaupt „lancräche"; erträgt die Rache lange in sich herum, lacht innerlich die Feinde aus, und plötzlich ist das Rachewerk vollendet. Fengo glaubt ebensowenig als Shakespeares Claudius an den Wahnsinn Amleths. Er stiftet daher ein Mädchen an, daß sie vertrauten Umgang mit Amleth suche und dabei erforsche, ob der Wahnsinn wirklich oder versteckt sei. Das Mädchen, aus dem bei Shakespeare Ophelia geworden ist, verräth nichts. Fengo schlägt nun einen anderen Weg ein. Seine Mutter muß während der angeblichen Abwesenheit ihres Gemahls ihn ausforschen, wobei ein Höfling ihn belauscht, aber (7S71 von dem mißtrauischen Prinzen ausgespäht und ermordet wird, Die Sage giebt diesem Lauscher keinen Namen; er ist das Urbild von Shakespeares Polonius. Amleth hält nun seiner Mutter eine ergreifende Rede, en tdeckt ihr seine Verstellung, rührt ihr Gewissen und versichert sich ihres Stillschweigens in Betreff seines Racheplans. Als Fengo vergebens nach dem Ermordeten forscht, zeigt ihm Amleth im angenommenen Wahnsinn den Ort, wo die Leiche liegt. Fengo beschließt nun den Prinzen mit zwei Begleitern nach England zu schicken, um ihn dort kraft einer Weisung in Runenschrift durch den König enthaupten zu lassen. Unterwegs aber bemächtigt sich Amleth heimlich der Holztafel mit der Runenschrift, verwischt das Original und ersetzt es durch eine Aufforderung an den König von England, seine Begleiter hinrichten zu lassen, ihm selbst aber die Königstochter zur Gemahlin zu geben. Beides geschieht. Amleth gewinnt durch seine instinktive Schlauheit und Sehergabe, womit er verborgene Dinge erspäht, die Gunst des Königs und kehrt nach einem Jahre nach Jütland zurück, wo man, ihn todt wähnend, eben seine Leichenfeier hält, Er spielt wieder den Wahnsinnigen, betäubt die Gäste als Mundschenk durch Wein, zündet den Palast an und ermordet den König Fengo. Nach dieser Rachethat hält sich Amleth zuerst verborgen, tritt aber, als er sich überzeugt, daß die Stimmung des Volkes ihm günstig sei, aus seinem Versteck hervor, erzählt den Hergang der Sache und weiß durch seine Rede die Gemüther dergestalt für sich einzunehmen, daß er einstimmig zum Könige gewählt wird. Er regiert lange und glücklich, zieht später noch einmal nach England, besteht dort merkwürdige Abenteuer und fällt zuletzt in einem Zweikampf. Bei aller Aehnlichkeit tritt aber die Verschiedenheil ungleich stärker hervor. Saxos Amleth ist geistig gesund und über Zweck und Mittel sich ganz klar; Shakespeares Hamlet krank, innerlich 9 gebrochen, verstört; er will dos Verbrechen rächen, aber weiß nicht, wann und wie; nur gezwungen rächt er zuletzt seines Vaters Ermordung am Mörder, richtet ein unnützes Blutbad an, geht dabei selbst unter und hinterläßt als König ans dem Thron, den er hätte besteigen sollen, einen Fremden, den Norweger Fortinbras. Von einem eigentlich tröstlichen Schluß, von der Aussicht in eine bessere Zukunft kann keine Rede sein. Keine einzige Aeußerung im Stück weist darauf hin. Bischer sagt zwar, Shakespeare entlasse uns mit der Aussicht, daß eine neue gesunde Ordnung von dem „intakten" Fortinbras auf dem verwilderten Boden gesäet werde. Ich kann dies nicht finden. Auch über die Zukunft des Landes ist der Rest Schweigen, ein Fragezeichen, Daß Fortinbras nicht, wie behauptet worden ist, rechtliche Ansprüche auf Dänemark hatte, zeigt schon der Anfang des Stücks, Wo ein Staat seine Freiheit und Selbständigkeit an ein Reich verliert, mit dem er früher schon manchmal im Kampfe gelegen, da kann von einem lichten Ausblick in die Zukunft nicht gesprochen werden. Der Schluß ist herb und düster, wie das ganze Stück. Ein Punkt darf nicht vergessen werden, Amleth vollbringt das Rachewerk allein, ohne durch Beispiele, massig wie der Erdball, dazu gestachelt zu werden. „Ich allein", sagt er bei Saxo mit Recht, „habe das Werk vollbracht, das ebensogut auch euren Händen zukam. Niemand leistete mir bei der rühmlichen That Beistand, Zwar bin ich überzeugt, daß ihr mir eure Theilnahme nicht versagt haben würdet, wenn ich darum gebeten hätte, da ich eurer Treue gegen den ehemaligen König, wie eurer Anhänglichkeit an den angestammten Fürsten vollkommen vertraue. Aber es gefiel mir, ohne die Gefahr für euch die Schuldigen zu bestrafen, weil ich fremde Schultern nicht mit einer Last beladen wollte, der ich allein gewachsen zu sein glaubte." Man sieht aus diesen Worten, die Amleth nach s759. 10 gelungener That zu dem versammelten Volke spricht, daß Treue und Glauben im Lande noch nich'. ausgestorben und nicht alles faul war in Dänemark; man sieht daraus zugleich, daß Amleth der würdige Sohn eines heroischen Zeitalters war. Ganz anders stellt sich Shakespeares Hamlet dar. Er ist von dem Bewußtsein durchdrungen, daß auf seine Schultern eine zu schwere Last gelegt sei, „Gewichen ist die Zeit aus den Gelenken; weh' mir, daß ich geboren ward, sie einzurenken" — sl, 5) dies ist das Thema des Stücks, Haarscharf unterscheidet sich dadurch Hanilet vom König Claudius, Dänemark war nach der Rede des Königs I, 2 durch das Kriegsgelüste des Fortinbras in Gefahr, aus den Fugen zu gehen; aber Claudius weiß durch seine Gesandten den Staat, den Fortinbras durch den Thronwechsel verrenkt glaubte, vor Zertrümmerung zu bewahren. Aus Dänemark macht Hamlet, der als Idealist alles verallgemeinert, die Zeit, die ganze damalige Menschheit; er sieht nicht ein, daß seine Aufgabe nicht war, die Zeit, sondern nur das kleine Dänemark wieder einzurichten. Er war allerdings nicht der Mann, das Rachewerk allein zu vollführen. Er Hütte daher, wenn eine zu schwere Last auf seine Schultern gelegt war, seine Freunde ins Vertrauen ziehen sollen; weiht doch auch Odysseus, ehe er die Rache vollführt, seinen Sohn Telemach und zwei Hirten ins Geheimniß ein; der zurückkehrende Orestes macht die Elektra zu seiner Vertrauten, „Das Unmögliche wird von Hamlet gefordert," sagt Goethe, „nicht das Unmögliche an sich, sondern das, was ihm unmöglich ist" — allerdings, was ihm aber nicht zu schwer wäre, wenn er es richtig auffaßte und praktisch angriffe. Seine Aufgabe war nicht so schwer, wie die des Orestes, mit dem Hamlet schon so oft verglichen worden ist. An der Mutter Rache zu nehmen, wurde von Orestes verlangt; Hamlet sollte dem Auftrag des Geistes gemäß seine Mutter schonen und nur seinen Oheim strafen; seine Mutter <7K0) 11 war ja nicht Anstifterin, sondern nur Mitwisserin um den Mord gewesein Außerdem hatte ihm der Geist nicht verboten, das Geheimniß Anderen mitzutheilen und mit ihrer Hülfe den Racheauftrag zu vollziehen. Das „Schwört!" des Geistes kann nur darauf gehen, sie d. h. Horatio und Marcellus sollen das Geheimniß der nächtlichen Erscheinung für sich behalten, hingegen war es dem Hamlet von dem Geist ausdrücklich freigestellt, wie er die Unthat rächen wolle — offenbar auch in dem Sinn, ob er sie allein oder in Gesellschaft von einigen Mitwissern zu strafen gedenke. Nun aber schweigt er vom Inhalt und dem Auftrag der Erscheinung gegen Jedermann, auch gegen seinen besten Freund Horatio und stößt diesen dadurch so sehr von sich zurück, daß es uns begreiflich wird, warum Horatio erst so spät wieder auftritt und nie selbstthätig in die Handlung eingreift. Ueberhaupt ist über dem ganzen Stück die dunstige Schwüle eines allgemeinen Mißtrauens ausgebreitet. Die Sage athmet neben allem furchtbaren Ernst doch zugleich eine gewisse komische Heiterkeit, die uns hie und da ein Lächeln abnöthigt. Bei Shakespeare weht uns überall ein Grabgeruch und Leicheuduft entgegen; kaum am Schluß können wir leichter aufathmen, wiewohl, wie schon bemerkt, die Aussicht in die Zukunft verdeckt bleibt. Amleth traut, wie man aus seiner Rede an die versammelte Menge ersieht, auch nicht recht seinen Landsleuten; aber er ist seiner Aufgabe gewachsen, weiß sie mit Witz und Hnmor zu lösen und ist überall der Mann auf dem Platz. Allein bei Shakespeare ist das Mißtrauen die Seele des Stücks. Polonius mißtraut dem Laertes und sendet ihm einen Aufpasser "ach. Laertes mißtraut seiner Schwester und giebt ihr daher Lehren der Tugend und Klugheit, die sie ihm in ihren Ermahnungen zurückgiebt; denn sie traut ihm so wenig, als er ihr. Hamlet ist von vornherein mit Mißtrauen erfüllt, ob bei !761> 12 dem Regierungswechsel alles mit rechten Dingen zugegangen sei; er mißtraut leider auch dem Horatio lauge Zeit, bis zur Aufführung des Schauspiels; gleichwie andererseits Horatio dem Geist nicht traut und meint, er könnte den Hamlet in Lebensgefahr stürzen. Noch weit mehr als Horatio ist Hamlet im Verlauf der Zeit gegen den wahren Charakter des ihm erschienenen Geistes mißtrauisch; er meint, möglicherweise sei er ein böser Geist, ein verkappter Teufel, Die Erfahrung, die er an seiner Mutter macht, verleitet ihn zum Mißtrauen gegen das ganze weibliche Geschlecht, auch gegen Ophelia, Mißtrauisch ist er gegen die Zeitumstände, wenn diese auch der Vollführnng des Rachewerkes noch so günstig sind; mißtrauisch und zweiflerisch ist er auch in der Religion — denn Sein oder Nichtsein nach dem Tode^ ist ihm eine Frage; mißtrauisch ist er natürlich noch vielmehr als gegen seine Freunde in seinem Verhältniß zu Claudius, dem er von Anfang an nicht getraut hatte, dann gegen Polonius, Laertes, Rosenkranz und Güldenstern, und dieses Mißtrauen erzeugt wieder Mißtrauen; am wenigsten traut er sich selbst, und gerade, weil er sich selbst nicht zutraut, der That gewachsen zu sein, gerade deswegen ist er ihr nicht gewachsen, Er, der geistreiche Theoretiker, dessen Thatkraft durch Zweifeln und Mißtrauen gelähmt ist, kann freilich die aus den Fugen gegangene dänische Welt nicht einrenken. Hätte er mehr Muth, Zuversicht, Glauben, Zutrauen zu sich selbst und zu Anderen, so wäre die ihm gestellte Aufgabe nicht zu schwer, Hamlet aber denkt mit dem Propheten: „Ein Jeglicher hüte sich vor seinem Freunde und traue auch seinem Bruder nicht; denn ein Bruder unterdrückt den Anderen und ein Freund verräth den Anderen." Jerem. 9, 4, und wiederum Micha 7, 6: „Niemand glaube seinem Nächsten und verlasse sich auf Fürsten; bewahre die Thür deines Mundes vor der, die in deinen Arme» schläft," Aber so verzweifelt schlecht wie im jüdischen Volke ,70?> 13 stand es nicht in dem Dänemark der Sage und nicht einmal in dem unseres Trauerspiels. Der Amleth der Sage versetzt uns nämlich in die vorchristliche, altskandinavische Heroenzeit, und Shakespeares Hamlet? Eine bestimmte Zeit ist nicht angegeben. England ist im Stück dem Königreich Dänemark zinspflichtig; das wiese also auf das 9. Jahrhundert hin; an jene Heroenzeit erinnert ferner der Holmgang zwischen Hamlets Vater und dem Könige von Norwegen. Dann ist wieder vom Fegefeuer, von der Beichte und der letzten Oelnng die Rede. In die protestantische Zeit versetzt uns die Reflexion des Helden, der mit Horatio in Wittenberg studirt hat, seine philosophische, ästhetische und dramaturgische Bildung, sein Zweifeln an den letzten und höchsten Fragen des Daseins. Hier sind nur zwei Annahmen möglich: Entweder hat sich Shakespeare ganz und gar verzeichnet; er konnte nicht, wie Gewinns meint, einen socialen Charakter der neueren Zeit malen, der aus der Heroensitte des Naturzeitalters herausstrebt; ein shakespearischer Hamlet in der skandinavischen Heroenzeit ist ein Selbstwiderspruch. So betrachtet hätte Shakespeare einen großen Fehler begangen. Es ist aber noch eine andere Antwort möglich, nämlich: Shakespeare hat die geschichtliche Grundlage des Sagenstoffes gelassen, ist aber dann unvermerkt von der heidnischen Zeit in die christliche, philosophische, protestantische Zeit, in der er selbst lebte, hinübergegangen und hat überwiegend diese dargestellt. Man sieht die ursprünglichen Farben bei genauerer Besichtigung noch durchschimmern, während sie doch im wesentlichen übermalt sind. Man kann daher nur rathen: Besieh' das dramatische Gemälde nicht zu sehr in der Nähe; dann wirst du den altheidnischen Untergrund weniger gewahren. Der kritisch gerichtete Leser und Zuschauer wird freilich finden, daß die streng geschlossene Einheit unter diesem Doppelcharakter des Stückes einigermaßen gelitten hat. Das Stück soll im alten !7KS' 14 Dänemark spielen; aber Dänemark ist nur ein vorgeschobener Name für England. „Der ganze Ton der Sprache," sagt Friesen, „ist der der damaligen englischen Welt in den höchsten Kreisen der Gesellschaft; die Gebräuche, die Gewohnheiten, die Aufnahme der Schauspieler und alles, was in den Scenen zwischen diesen und dem Prinzen verhandelt wird, ist nur nach englischen Sitten und Verhältnissen aus Shakespeares Zeit zu erklären. In allem, was wir sehen und hören, liegt die Absicht zu Tage, den historischen Charakter völlig aufzuheben und jede Frage nach Ort und Zeit unbeachtet zu lassen." Wir haben nicht bloß, wie in anderen Dramen, einzelne Anspielungen, der Verfasser will vielmehr ein pessimistisches Bild des englischen Staates zu seiner Zeit überhaupt entwerfen, wiewohl auch der allgemeine Weltschmerz nicht leer ausgeht. Der Charakter des Volks war so herabgekommen, daß schon 1603 der französische Gesandte Beaumont aus so vielem verschiedenen Samen von Krankheilen, aus so vielem, was in der Stille brütet, prophezeite, von jetzt auf ein Jahrhundert werde England von seinem Glücke schwerlich einen anderen Mißbrauch machen, als zu seinem Schaden. Hamlet und Lear fallen in die vorletzte, Timon fällt in die letzte Periode von Shakespeares Werken, und wir können aus diesen Stücken leicht auf trübe Erfahrungen und eine pessimistische Betrachtung von Welt und Zeit schließen. Wie ganz anders Goethes aus dem Pessimismus mit Glück zum Optimismus fortringende und fortdringende, zu immer reinerer Harmonie mit sich, mit Gott und der Welt sich entwickelnde Weltanschauung und weitverzweigte Thätigkeit! — Wie Friesen berichtet, hat schon 1794 ein Engländer, Namens Plumptree, den Hamlet als ein allegorisches Teudenzstück betrachtet und nachzuweisen versucht, Shakespeare habe mit dieser Tragödie einen indirekten Tadel gegen Maria Stuart ausgesprochen. In unserer Zeit hat Silberschlag im Morgenblatt (1860, 46. 48) Erwünschtes !?64) 15 in dieser Beziehung beigebracht. Er erinnert an die Ermordung des Königs Darnley durch Bothwell, der Jenem wenigstens körperlich ebensosehr nachstand, als Claudia dem Vater Hamlets; sowie an die übereilte Heirath des Mörders mit der Witwe, Maria Stuart, Jakob war freilich damals noch sehr jung und Bothwell war bald nach Verübnng des Verbrechens im Kerker als Wahnsinniger gestorben. Indessen machte Jakob auch später keinen Versuch, die Ermordung seines Vaters zu rächen, Ueberhaupt war er ein schlaffer, kraftloser Charakter, Hume sagt von ihm: „Seine Fähigkeit war groß, aber er war geschickter, über allgemeine Maßregeln zu vernünfteln, als eine verworrene Sache auszuführen; seine Absichten waren billig, aber sie schickten sich besser für ein Privatleben, als für die Regierung eines Königreichs, Es fehlte ihm gänzlich an politischer Herzhaftigkeit." Dies trifft wörtlich auf Hamlet zu. Außerdem war Jakob, wie Hamlet, Gönner und Kenner des Theaterwesens. Laertes erinnert an Alexander und Johann Ruthven, Lairds von Gowrie in Schottland, Jener war als gewandter Kavalier in allen ritterlichen Uebungen, besonders im Fechten auch in Paris bekannt. Während er sich in Frankreich und Italien aufhielt, hatten ihm, als seine Güter noch konfiszirt waren, die Lehnsleute seines wegen Betheiligung an einem gegen Jakobs Regierung gerichteten Aufstandes Hingerichteten Vaters durch einen treuen Diener Rhynd (Shakespeares Reinhold) wiederholt Unterstützung geschickt. Alexander und John machten nun einen Mordanschlag auf König Jakob; dabei kam es zu einem Ring- kainpf, worin John Ruthven den König an der Kehle packte; aber Beide wurden zuletzt von der herbeigeeilten Begleitung des Königs niedergestoßen. Alexanders Braut war eine Anna Margaret« Douglas; man glaubte, sie sei vom Könige geliebt; sie starb im Wahnsinn aus Schmerz über den Tod des Bräutigams und mag (neben dem Mädchen der Sage) Shakespeares Vorbild für (7SSi 16 Ophelia und ihr Schicksal gewesen sein, — Polonins ist, wie Tschischwitz gezeigt hat, aus Poliinnio sPolyhymnius) entstanden, dem gelehrten Pedanten, Schwätzer und Phrasenhelden in Brunos Lustspiel „il canckelnso". 1586—83 lehrte Giordano Bruno in Wittenlierg; ohne Zweifel folgten ihm junge Männer aus befreundeten Londoner Kreisen. Vom Jahr 1590—92 studirten nachweislich mehrere Schotten und Engländer in Wittenberg; von 1590—1600 war nach Tschischwitz die Hochschule von Dänen aus dem höchsten Adel zahlreich besucht. So erklärt sich denn Hamlet in Wittenberg von selbst; darin liegt keine Beziehung auf Luther und die Reformation, die „den Menschen auf sein Inneres verweise", sondern auf den nnkirchlichen, monistischen, pantheisirenden, wenn nicht pantheistischen Philosophen aus Nola, der eine geistige Verbindung zwischen England und der deutschen Hochschule bewirkt hatte. Möglich, daß Shakespeare den Philosophen 1586, wo beide Männer in London waren, persönlich kennen lerntet — Aehnliche Greuel, wie im Haus Stuart, hatten sich neun Jahre später in der Familie Essex abgespielt, Essex war schnell in Dublin gestorben und zwar, wie behauptet wurde, an Gift, Wenige Tage hernach heirathete seine Witwe den Grafen Leicester, mit dem sie schon vorher in einem unerlaubten Verhältnisse gestanden hatte, Somit wäre Essex Hamlet, Leicester Claudius und Horatio Essex Freund Southampton. Leicester hielt den Essex unter dem Vorwand väterlicher Freundschaft auf dem Lande oder im Kolleg; er mißtraute ihm und entfernte ihn von seiner Mutter — er fürchtet ihn offenbar, und ebenso wie Gertrude ihren Hamlet, fürchtete diese Mutter ihren Sohn, den sie nie mit seinem Stiefvater aussöhnen konnte, Shakespeare mag immerhin einige Züge aus Essex in den Hamlet aufgenommen haben -— im allgemeinen ist an der Beziehung zu Jakob festzuhalten, Hamlet hatte schon in seinem Aenßercn weit mehr (76SZ 17 von dem fettleibigen und kurzathmigen Jakob, als von Essex, der ungeachtet eines gewissen Hanges zu schwermüthigem Grübeln doch eine glänzende, ritterliche, kriegerische Persönlichkeit war. Was Dänemark betrifft, so kommt dies Land in der englischen Geschichte jener Zeit mehrfach vor, Jakobs Stiefvater, Bothwell, ward von den Dänen gefangen genommen, Elisabeth stand mit Dänemark in freundschaftlichem Verkehr. Lauter Elemente, aus denen sich Shakespeares Hamlet in seiner jetzigen Gestalt bilden konnte. Daß im Grund England der Schauplatz des Stückes sei, liegt in den Worten V, l: Hamlet: „ Ei sol Warum haben sie ihn denn nach England geschickt? Erster Todtengräber: „Nun, weil er toll war. Er soll seinen Verstand da wieder kriegen, und wenn er ihn nicht wiederkriegt, so thuts da nicht viel," Hamlet: „ Warum?" Erster Todtengräber: „Man wirds ihm da nicht viel anmerken. Die Leute sind da ebenso toll wie er." Ebenso ist das 66. Sonett des Dichters schon oft als Seitenstttck zu Hamlet angeführt worden, ein Sonett, in dem sich Shakespeare über den Verfall der Sitten nnd Künste bitter beklagt. Den Schluß des Trauerspiels erkläre ich mir aus Shakespeares banger Furcht, England möchte infolge des immer mehr einreißenden Verderbens zuletzt wohl gar die Beute eines fremden Eroberers werden. Diese nicht wegzuleugnenden Zeitbeziehungen werden nun von Vielen als nebensächlich betrachtet und, wenn überhaupt, so nur im Vorbeigehen oder gegen den Schluß angeführt. Allerdings sollte freilich jedes Stück sich selbst erklären; wenn aber dies nicht der Fall ist, was dann? Bei keinem anderen Drama gehen die Ansichten der Erklärer weiter auseinander, als bei Sammlung, N, F, V, 117, 2 l7S7i 18 Hamlet, Man muß sich ein Herz fassen und sagen- der Fehler liegt am Drama. Hätte Shakespeare die Lage einheitlich gezeichnet, die Begebenheiten wohl motivirt und die Charaktere mit festen Linien umrissen, so wäre die Menge verschiedener Erklärungen gar nicht möglich. Die vielen Lücken, die Mangel, haften Motivirungen, die schwankenden Gestalten und Zeitverstöße des Stückes erklären sich leicht, wenn wir das Ganze als Tendenzstück nehmen, als Klage über die Noth und den Verfall der Zeit und eine Warnungstafel für Jakob 1. Als Tendenzdramatiker durfte Shakespeare nicht alles Heranssagen, schon weil die Hauptperson, die er im Sinne hatte, noch lebte; er mußte die Absichten und Pläne der handelnden Personen verschleiern, den Tadel durch idealisirendes Lob mildern, Gegenwart und Vergangenheit durcheinander mischen, das skandinavische Zeitalter als Grundlage stehen lassen, aber doch auf dieser Grundlage einen Bau aufführen, der seinen Zeitgenossen bekannt erschien, dem Publikum Räthsel aufgeben — dies alles freilich auf Kosten der streng geschlossenen Einheit und Deutlichkeit des Stückes. Man kann hier freilich zu weit gehen, wie dies Rümelin begegnet ist. Als Hauptzweck und Hauptinhalt des Stückes faßt er, den tiefen Sinn und die verborgene Weisheit in die Form scheinbar irrsinniger Reden und Handlungen zu legen; der Dichter wollte sein Licht leuchten, seinen Geist und Witz in neuen Formen spielen lassen; er wollte außerdem die hinter irrsinnigen Reden versteckte Weisheit der eigenen Lebenserfahrung entnehmen, dem Publikum in fremder und ungeahnter Gestalt eigene Stimmungen und Gedanken vorführen, seiner pessimistischen Welt- und Zeitanschauung einen beredten Ausdruck geben. Er benutzte nun die Hamletsage als Gefäß, in das er seine Stimmung und Weltanschauung, seinen Aerger und Verdruß, seine Grillen und Launen hineinlegte; aber der dänische Hamlet, der nordische Held <7S8) 19 und blutige Rächer einer blutigen That, eignete sich nicht zum Träger solcher Ideen und Stimmungen; die Melancholie, der vibrirende Geist und Witz von Shakespeares eigener Dichterseele sind dem mythischen Amleth fern und fremd. So findet denn Rümelin keine Einheit in diesem Stück; er betrachtet es als eine Reihe von Gemälden, von denen jedes für sich sehr ansprechend ist, die aber keinen zusammenstimmenden Inhalt haben und daher keinen bestimmten Gesamteindruck machen können. Bezeichnend ist besonders, wie sich Rümelin über die beiden Scenen äußert, in denen der junge Fortinbras auftritt. „Kein Mensch würde etwas vermissen, wenn die beiden Scenen weggeblieben wären. Man könnte höchstens sagen, daß in der letzten Scene Jemand da sein mußte, der ein versöhnendes und erläuterndes Schlußwort spricht und den Fortbestand der staatlichen Ordnung verbürgt. Diese Rolle hätte anch dem Horatio zugetheilt werden können." Im entschiedensten Gegensatz gegen diese Auffassung behaupte ich, daß gerade die beiden Fortinbras, die der Dichter mit weiser Berechnung jedesmal zur rechten Zeit in das Drama verflicht, das ganze Stück vom Anfang bis zum Ende zusammenhalten, binden und bünden. Rümelins Auffassung, die R. Benedix zum Zerrbild weiter entwickelt, ist in die weilverbreitete, das allgemeine gebildete Zeilbewnßtsein ausdrückende „Allgemeine Weltgeschichte von v. Georg Weber" übergegangen. In der genaueren, klein gedruckten Ausführung (Shakespeare als Mensch und Dichter) liest man dann wieder, der nach vorherrschender Auffassung blasirte, grübelnde, unentschlossene Charakter des Prinzen von Dänemark, welcher den Tod seines Vaters an dem Könige, seinem Mörder, zu rächen habe, aber selbst darüber zu Grunde gehe, sei Gegenstand unablässiger Sondirnng und Beobachtung der Kunstkritiker geworden und das seltsame, hinter Humor, Ironie und Tollheit verschleierte Räthsel dieser Dichtung habe die mannigfaltigste, ja entgegengesetzteste Lösung 2* c?«9) 20 gefunden. — Also Humor, Ironie und Tollheit ist nicht alles? es liegt noch ein Räthsel dahinter. Man sieht, wie der Geschichtsschreiber, der übrigens über die Tragödie keinen Tadel ausspricht, sie vielmehr als „vollendetes Meisterwerk" betrachtet, sich über den wesentlichen Inhalt dieses Meisterwerkes nicht klar geworden ist. Uebrigens möchte ich fragen, ob es ein Lob für ein Geisteswerk ist, wenn es so ganz verschieden ausgelegt wird wie Hamlet. Wir stellen nun den Satz auf: Hamlet ist ein zeitgenössisches Tendenzstück, aber es ist zugleich mehr als dies; eine vollkommene Einheit ist nicht vorhanden, aber die relative verleugnet sich nicht. Besonders durch Hamlets Monologe hat der Dichter uns einen Ariadnefaden in die Hand gegeben, an dem wir uns durch das Labyrinth seiner Dichtung sicher hindurchfinden. Betrachten wir, um uns zum Einzelnen zu wenden, die Erscheinung des Geistes in ihrer grundlegenden Bedeutung. Da hat 1879 Chr. Semler in einem Schriftchen über Hamlet herausgebracht, der Geist sei ein armer Kauz, der lange jammere und gar vieles rede, schließlich aber über dem Gerede und den grotesken Bildern aus dem Jenseits das Diesseits vergesse, nämlich den Ehrgeiz des Prinzen zu entzünden und ihm seine Anwartschaft auf den Thron vor Augen zu halten. Was nun die Bilder aus dem Jenseits betrifft, so dienen sie natürlich nicht zur Charakteristik des verstorbenen Königs; Shakespeare selbst spricht im Sinne des katholischen Glaubens, der, obgleich die Reformation eingeführt war, immer noch nachwirkte. Aber Bischer hat ganz Recht, wenn er sagt: Diese namenlosen Qualen soll ei» Mann leiden, der an Würde, an Helden-, Regenten- und Menschentugenden einzig im Leben dastand; warum? weil er nach Tisch, im Verdauungszustand, ohne Beichte und Absolution gestorben ist. Es reichte ganz hin, des Geistes Sehnsucht nach Erlösung nur darin zu setzen, daß er nicht ruhen darf, sondern umgehen (770! 21 muß, wie dies ja im Geisterglauben überall und von jeher die stehende Annahme gewesen ist, Shakespeare hat über Erfor- derniß von dem Seinigen, von seinem Aberglauben hinzugethan. Bischer führt noch eine Stelle aus Maß für Maß an: III, 1, Wenn sich aber der Dichter selbst mit solchen Phantasien trug, wie reimt sich damit Wischers in demselben Heft der kritischen Gange enthaltene Behauptung, Shakespeare wisse so gar nichts von einer Transcendenz, daß er sich an die Spitze der wahren modernen Weltansicht stelle; er sei niemals und immer religiös, durch und durch Pantheist? Diese Aeußerung findet sich zwar in dem 1844 geschriebenen Aufsatz: Shakespeare in seinem Verhältniß zur deutschen Poesie, insbesondere zur politischen, und der Aufsatz über Hamlet mag fünfzehn Jahre später entstanden sein; immerhin aber hätte Bischer sich in der Vorrede, wie über andere, so auch über diesen Punkt berichtigend äußern sollen. Was den zweiten Punkt betrifft, so müssen wir sagen: Wie es sich mit der Thronfolge in Dänemark verhält, erfahren wir nirgends im Stück. Ist Hamlets Vater gestorben, so ist der 30jährige Hamlet reif genug, sein Nachfolger zu werden; hatte der Sohn ein Recht auf den Thron, so brauchte des Vaters Geist ihm dies nicht lange zu sagen. Der Mörder wird ohne weiteres König; das ist eine vollendete Thatsache, Daß Hamlet, der nur ein paarmal von der Möglichkeit, Dänenkönig zu werden, redet, sich so gleichgültig zu dieser Frage stellt, mag mau in seinem unpolitischen und thatscheuen Wesen begründet finden und diesen Zug zu seiner Charakteristik benutzen. Warum unterrichtet uns aber Shakespeare nicht genau über die Verhältnisse der Zeit und des Orts, über die Verfassung des dänischen Staats, über Polonius' und seiner Familie früheres Verhältniß zum Könige? Die Exposition ist mit einem Wort mangelhaft. Ziehen wir wieder die Orestie des Aeschylus zur Vergleichung heran. Hier ist alles, die Vorgeschichte, der Ort, die Zeit klar (7N) 22 und bestimmt gezeichnet. Dies hängt freilich damit zusammen, daß die Orestie eine Trilogie bildet, Hamlet hingegen wie ein Bruchstück, das nur mit sich selber zu vergleichen ist, vor uns liegt, halb Märchen, halb Staatsaktion. In der Rede des Königs I. 2, wo Gertrud die hohe Witwe und Erbin dieses kriegerischen Staats genannt wird, bezeichnet „Erbin" ssointress) nach Heussi das Anrecht der Königin auf den Thron, um das an Hamlet begangene Unrecht, daß er von der Thronfolge ausgeschlossen worden, zu beschönigen. Andere Stellen scheinen für ein Wahlreich zu sprechen. „Am meisten hat die Annahme für sich, es habe überhaupt eine streng geordnete Erbfolge gar nicht bestanden; Claudius habe faktisch die erledigte Königs- gewalt ergriffen und sei durch nachträgliche Zustimmung oder Wahl des Volks oder des Adels darin bestätigt worden. Es tritt aber im ganzen Stück keine dieser verschiedenen Auffassungen klar und entschieden hervor, obgleich jede derselben der ganzen Handlung ein anderes Fundament leiht." jRümelin). Nichts kann treffender sein als diese Bemerkung. Eine weitere Frage ist- Welche Art von Rache wird dem Hamlet auferlegt? Allgemein wird geantwortet: die Blutrache. Aber der Geist läßt dem Sohne die Art der Rache oder Strafe ganz frei s„wie du immer die That betreibst"), und da sind nun verschiedene Fälle möglich. Als der König bei der Aufführung des Schauspiels zitterte und erblaßte, konnte Hamlet, wenn er die Rache nicht früher vollziehen wollte, vor versammeltem Volke auf ihn losgehen, ihn öffentlich ausfordern, seine Schuld zu bekennen, ihn nach erfolgten: Geständniß öffentlich absetzen, zeitlebens einsperren oder auf eine öde Insel verbannen lassen. Begnügt sich doch auch die Brutussage mit der Vertreibung der Tarquinier und wurde doch in der neueren Zeit Christian II- für seine Tyrannei mit lebenslänglichem Gefängniß bestraft. Wir denken bei Rache gar zu gern an Blutrache, und weil Shake- <772) 23 speares Hamlet, wie der Amleth der Sage, Blutrache übt, so fassen die Erklärer den Auftrag des Geistes von der Pflicht der Blutrache. Der Text nöthigt nicht dazu; ja, wenn Hamlet dem Austrag des Geistes gemäß seine Mutter schonen sollte, so konnte dies am ehesten durch eine Rache unblutiger Art an ihrem Gemahl geschehen. Nach Grimms Wörterbuch unter „Rache" bleibt sogar bei der Verallgemeinerung des Begriffs von Rache immer die Vorstellung des Vertreibens und Verfolgens im Hintergrund, die nach dem alten, gemein-germanischen Rechtsbegriff in der angeführten milderen oder in der strengeren Form, wonach der Schuldige für vogelfrei erklärt wurde, stattfinden konnte. Auch diese strengere Art von Rache ließ sich anwenden, falls der Mörder sich von seiner Gemnthserschütterung erholt, die Missethat geleugnet und mit seinen Anhängern den Spieß gegen Hamlet und Hamlets Anhang gekehrt hätte. Freilich, „wer die Folgen ängstlich zuvor erwägt, der beugt sich, wo die Gewalt sich regt". Die „kühne That" kennt er nicht. Hamlet erwägt zu genau den Ausgang, wie er selbst sagt, und so zeigte sich denn, daß der nervös-gefühlsame Philosoph des Welt- und Zeitschmerzes, der Sohn eines gebildeten Jahrhunderts eben dadurch, daß er nicht sich entschließen kann, eine mildere Art der Rache zu üben, zum fünffachen Mörder wird. Eine weitere Art der Rache war das Gottesurtheil eines Zweikampfes, das Hamlet oder einer von seiner Partei mit dem Könige auf sich genommen hätte. Einen Holmgang von entscheidender Wirkung kennt ja schon die Sage von Amleths Vater Horvendill. Die zeitgenössischen Beziehungen wollen hier nicht recht zutreffen. Maria Stnart, Gertrudes Gegenbild, wird zuerst gefangen gesetzt, entflieht, wird lange Jahre nachher wegen eines anderen Verbrechens, dessen sie beschuldigt wird, hingerichtet. Bothwell, das Gegenbild des Claudius, wird wegen Seeränberei <77S) 24 gefangen gesetzt nnd zwar von einem fremden, dem dänischen Volke. Er stirbt wahnsinnig im Kerker. Bei der Beziehung auf Leicester und Essex läßt uns die Vergleichung ohnedies ganz im Stich. Mit dieser Auffassung der dem Hamlet aufgetragenen Rache als einer Blutrache hängt ein anderes folgenschweres Mißverständniß zusammen, das sich hauptsächlich in theologischen oder beschränkt religiösen Kreisen eingenistet und leider schon Herder in seinem Aufsatz: „Wilhelm Shakespeare" zum Ahnherrn hat. Auch Herder, dessen Aufsatz mir rasch hingeworfen scheint und an manchen Dunkelheiten leidet, meint, der gequälte Geist fordere vom Sohne Ruhe und Rache, Blutrache, und sieht in dem Schluß des Dramas das Werk des Schicksals oder Verhängnisses, das die Rache bewirkt habe mit unbefleckten Händen dessen, dem sie aufgetragen war. Er findet in ihm den umgekehrten Orestes und ruft bei dem Auftritt mit der Mutter aus: „Wo steht ihr bei diesem Auftritt, Orestes, Elektra, Klytämnestra! „Den guten Hamlet konnte trotz aller Vorschritte selbst seines Vaters Geist aus seinem Charakter nicht treiben." Dann war am Ende dieser Geist, wenn er dem Hamlet etwas Unsittliches auftrug, eine höllische Erscheinung, wofür ihn Hamlet eine Zeitlang hielt. Herder war der ebenso zartfühlende als nachdenkende, alles wie aus einer Geisterwelt betrachtende, von metaphysischen und Gewissensskrupeln erfüllte und aus diesem Grunde die Blutrache unterlassende Dänenprinz ganz sympathisch. Er fand in ihm Geist von Shakespeares und von seinem (Herders) eigenen Geist. Echt herderisch ist auch die Abhängigkeit von außerordentlichen, sonderbaren Zufällen, die Neigung, sich vom Schicksal bestimmen zu lassen. Dieses Schicksal tritt nach Herder bei Hamlet ein, sobald er von der verunglückten Sendung nach England zurückgekehrt ist. Aehnlich sagt Ulrici: „Der natürliche Mensch in Hamlet spornt ihn an zur That und be- <774> 25 schuldigt ihn der Kraftlosigkeit und Feigheit: der christliche Sinn, mehr Gefühl als klares Bewußtsein, hält ihn unwillkürlich zurück," Darnach wäre es Hamlets Verdienst, die Rache zu unterlassen, nicht zu handeln. Dies heißt aber, wie Bischer mit Recht bemerkt, die Tragödie umkehren, an ihrer Voraussetzung rütteln, Ist denn der Geist nicht orthodox christlich? Ist es denn nicht dieser christliche Vater, der dem Hamlet zu- ruft: räche mich? Hamlets Zaudern ist allerdings eine Folge des Grübelns, Erwägens, Reflektirens. Wo aber im ganzen Stück zweifelt Hamlet an der Rechtmäßigkeit der ihm auferlegten Rache? Zu schwer nimmt er die Sache, wie er sich selbst vorhält, und am glücklichen Ausgang des Unternehmens zweifelt er, aber für unsittlich, nnchristlich hält er sie nicht. Er meint, der Geist könnte ein Teufel und die Nachricht von der Ermordung seines Vaters eine höllische Lüge gewesen sein; sobald er sich aber durch die Aufführung des Schauspiels völlig klar geworden ist, beschäftigt er sich wieder mit dem Racheplan, Diese christlich-gesinnten Erklärer scheinen mir die Begriffe Strafe und Rache sich nicht klar gemacht zu haben. Schon im Sprachgebrauch bedeutet svergl, Grimms Wörterbuch unter Rache) Rache nicht selten Vergeltung eines Unrechtes durch Menschen unter göttlicher Billigung und Hülfe, so namentlich im Alten Testamente; auch noch die neuere Sprache redet von der Rache der Gesetze, von gerechter Rache, wofür zwei Stellen aus Schillers mehrfach an Hamlet erinnerndem „Wilhelm Tell" angeführt werden sll, 2; V, 1), Sollte denn das die Lehre des Christenthums sein, mau solle die Bestrafung eines empörenden Verbrechens der Entwickelung der Zeitumstände und dem Eingreifen der göttlichen Vorsehung überlassen? Verdiente Macbeths Verbrechen nicht gerächt, gestraft zu werden? Ja, wenn Hamlet wirklich mit der Rache Ernst gemacht hätte, so hätte es wie im „Macbeth" zum Bürgerkrieg kommen können, und der Ausgang wäre ohne Zweifel (77S) 26 gewesen, wie in diesem versöhnend abschließenden Trauerspiel. Auch Duncans Söhne halten einen Vatermord zu rächen, und Malcolm und Macduff haben dies gethan, ohne zur Blutrache zu schreiten. Aus diesem Drama kann man ersehen, wie Recht (IV. 3) und Rache (V. 2) einander nicht ausschließen und wie es auch eine edle Rache giebt, die das Licht der Öffentlichkeit aufsucht und das Interesse des Privatmannes mit dem Pathos des für Recht und Freiheit streitenden Vaterlandsfreundes verbindet. — Rache ist oft bloß der pathetische oder pathologische Ausdruck für Strafe, Vergeltung. Wie oft ertönt der Racheruf in den Kriegsgesängen aus den Befreiungskriegen, namentlich bei Körner! Eine Lücke in der Dichtung sehe ich darin, daß sich Shakes peare nicht genauer über die Art der Rache ausspricht. Von Laertes (IV. 5) könnte man sagen, hätte Hamlet, wenn es nicht zu spät gewesen wäre, lernen können, wie er gegen den Vatermörder auftreten mußte. Ziehen wir nochmals den Macbeth zur Ver- gleichuug her. War es nicht ihres Vaters Geist, der Duncans Söhnen eingab, sich vor dem Mörder zu flüchten und ihn mit Krieg zu überziehen? Mit einiger Phantasie kann man sich die Erscheinung des gemordeten Königs vorstellen, der seinen Söhnen den Thatbestand enthüllt und sie zur Rache d. h. zum Aufstand gegen den Thronräuber ermahnt. Macbeth, Macduff, Malcolm sind Söhne einer kriegerischen Heroenzeit, die nichts von Weltschmerz, Theater und Philosophie weiß. Die zeitgenössischen Beziehungen sind klar und brauchen keine Beschönigung. In Hamlet aber ist das Eigenthümliche, daß ein philosophirender Prinz immer mit Racheplänen umgeht, ohne sich die Art und Weise des Vorgehens (mockn? proeociencii) klar zu machen. (Es fragt sich- was ist Shakespeares eigene Neberzeugung gewesen? Wenn doch in der langen Zeit zwischen der Erscheinung des Geistes und der Aufführung des Schauspiels (III. 2) Hamlet den Horatio ins Vertrauen gezogen hat oder ihn eben jetzt 1776) 27 vollends ins Vertrauen zieht, warum wird der von Hamlet so begeistert gepriesene, besonnene und überlegende Horatio nicht der Berather des unpraktisch-excentrischen Dänenprinzen? Warum sagt er ihm nicht, daß, nachdem durch den Erfolg des Schauspiels der Sachverhalt sich klar herausgestellt hat, das Beste wäre, den Hof zu verlassen, ein Heer zu sammeln, den König zu bekriegen und ihm die Krone vom Haupte zu reißen? Hamlet könnte dann immerhin handeln oder nicht handeln; das Drama könnte seinen Gang weiter gehen und schließen, wie es jetzt schließt; aber Shakespeare hätte durch einen einzigen Dialog mit Horatio den Erklärern viele Mühe erspart und grobe Mißverständnisse zum voraus abgeschnitten. Wir wüßten dann: Hamlet hat sich mit Recht, aber er hat sich nicht so gerächt, wie er sich hätte rächen sollen, Schweigen ist nicht bloß der Rest, sondern beherrscht das ganze Stück, Die Rache als Blutrache aufgefaßt lenkt auch Erklärer, die von aller religiösen Befangenheit fern sind, aus der rechten Bahn, So tadelt Gervinus mit beredten Worten Hamlets Un- entschlossenheit und Aengstlichkeit, die ihn hindern, den Auftrag seines Vaters zu erfüllen. Auf einmal aber spricht er aus einem ganz anderen Ton, so daß der Ankläger die Rolle des Vertheidigers übernimmt! „In der Aufgabe, die Hamlet auferlegt ist, theilt ihn ein innerer Zwiespalt in sich selbst, der Streit eines höheren Gesetzes mit dem Naturgesetz der Rache, der feineren, sittlichen Gefühle mit dem Instinkt des Bluts. Seinen Zweifel an der Sicherheit der Thatsache und an der Rechtmäßigkeit der Rache, die Sanftheit seiner Seele, die sich unbewußt gegen die Mittel der Rache sträubt, den Hang seines Geistes, die Natur und Folgen seiner That zu überdenken und dadurch seine handelnden Kräfte zu lähmen; alle diese Skrupel zu genauer Erwägung des Ausgangs nennt er selbst im Eifer des Selbsttadels zu drei Viertheilen Feigheit und zu einem Viertel <7771 28 Weisheit. Shakespeare hat aber die Mischung so vortrefflich abgewogen, daß wir, gegen Hamlets eigene Parteilichkeit wider sich selbst, der Weisheit zum mindesten die Hälfte zuschreiben werden. Dem Hamlet raubt ein Ueberschuß an Gewissenhaftigkeit, Sanftmuth, trauerndem Gram seine Thatkraft." Da hätten wir also einen Zusammenstoß von Pflichten, und wenn das spätere, gebildete und humane Zeitalter offenbar höher steht als die Natursitte des Heroenzeitalters, so muß das Naturgesetz der Rache mit seiner bloß relativen Berechtigung zurücktreten vor dem höheren Gesetz der „Weisheit, Tugend und Sanftmuth". Damit nimmt Gervinus den Tadel gegen Hamlet wieder zurück. Folgerichtig müßte Gervinus weiter sagen, Hamlet zeige in seinem Zaudern drei Viertel Weisheit und höchstens ein Viertel Feigheit. Wer wollte eine Antigone tadeln, wenn sie dem sittlichen Gesetz der Geschwisterliebe folgt und nicht dem rachsüchtigen Befehl Kreons? Aber auch bei Bischer fließen trotz alles Protestes der dänische und der englische, der heroische und der reflektirende Hamlet so ineinander, daß der erste von dem zweiten bedeutend beeinträchtigt wird. Bischer hält zwar an der Rachepflicht Hamlets, die er natürlich als Blutrache faßt, fest; daß aber Hamlet die That hinausschiebt, daß er sie genau untersuchen und der Sache aus den Grund kommen will, daß er namentlich zweifelt, ob der Geist nicht ein verkappter Teufel gewesen, dies wird von Bischer entschuldigt. Nach ihm darf Hamlet zaudern, seinem Zaudern liegt, zum Theil wenigstens, ein idealer Begriff von Wahrheit und Gerechtigkeit zu Grunde. „Hamlet zweifelt an dem, was unmittelbar vorliegt, und die Teufelsvorstellung ist nur das Gewand der Zeitbegriffe, in die er sich kleidet; Zweifel d. h. Zweifel, ob genügender Beweis vorhanden sei. Neigung zum Zweifel überhaupt liegt so gewiß im Hintergrunde, als sie von Hamlets Natur unzertrennlich ist, im Vordergrund aber liegt dieser bestimmte Zweifel und dieser ist <77S) 29 nicht zu tadeln." Da kommt mir ein Einfall von ungefähr: fo hä tte ich's gemacht, wenn ich Shakespeares Hamlet gewesen wäre! Daß doch die Erklärer ihr eigenes subjektives Urtheil, wie es in ihrem Temperament, in ihrer Gemüths- und Geistesrichtung wurzelt, so schwer verleugnen können I Es handelt sich einzig und allein um die Frage, wie Shakespeare die Sache beurtheilt, und da sind uns die Monologe des Helden unseres Stücks von grundlegender Bedeutung. Wenn wir diese Monologe nicht mehr zu seiner Charakteristik gebrauchen dürfen, worauf wollen wir die Auffassung seines Charakters gründen? Von Anfang bis zum Schluß tadelt Hamlet sein Zaudern. Er hat ein prophetisches Gemüth jl. 5): schon vor der Mittheilung des Geistes hatte er „etwas von argen Ränken" vermuthet; ja, schon nach der Audienz spricht er den tiefsten Seelenschmerz aus über die blutschänderische Heirath seiner Mutter. Das Gespräch mit dem Geiste kann ans alle diese Vorzeichen nur das Siegel drücken, und wenn nnn Hamlet zwei Monate nachher diesen Geist, in dem er doch seinen Vater erkannt hat, diesen Geist, der ihm doch nicht im Traume erschienen, sondern leibhaftig ihm gegenüber gestanden ist, für einen Teufel halten kann, so ist dies Mißtrauen im Sinne des Dichters und nach der ganzen Anlage des Gedichts nur eine eitle, grundverkehrte Selbstbeschönigung Hamlets. Der Monolog jll. 2) geht von der Voraussetzung aus, daß sein Vater ermordet worden sei. Wie kann Hamlet in einem Athem diese Thatsache bejahen und bezweifeln, wenn es ihm nicht vielmehr um einen Vorwand für die Befriedigung seiner ästhetischen Liebhaberei als um die Ermittelung des Thatbestandes zu thun ist? Die Monologe zeigen uns, wie Hamlet sich zu seinem Gewissen stellt. Er will mehrmals sich selbst anlügen, sein Zaudern schön anstreichen, allein die Sprache des anklagenden, zürnenden, strafenden Gewissens bricht durch alle diese Scheingründe siegend durch. Das Richtige wäre, wenn Hamlet ein Schauspiel (77g) 30 aufführen läßt, nicht um sich von der Wahrheit oder Unwahrheit der Aussage des Geistes zu überzeugen, sondern um den König, wenn dieser, wie vorauszusehen war, bei der Aufführung des Stücks sein böses Gewissen verrathen hätte, vor dem versammelten Volk zur Rede zu stellen und auf irgend eine Weise den doppelten Verbrecher zu strafen. Hier haben wir den Wendepunkt des Dramas, hier war es noch möglich, dem Stück einen glücklichen Ausgang zugeben; aber Hamlet ist schon lange dem verzehrenden aushöhlenden Zweifel verfallen, und es gehl jetzt immer mehr mit ihm abwärts; denn er hat den günstigen Augenblick nicht benutzt, die Gelegenheit nicht beim Schöpfe erfaßt. Die Entschuldigung des zweifelnden und zaudernden Prinzen kommt zum Theil auf die Rechnung des 19. Jahrhunderts, das selbst vom Zweifel und von der Reflexion durchdrungen und dadurch im Handeln gelähnit ist, andererseits aber diesen Mangel durch so manche Vorzüge vergessen läßt. Genau betrachtet ist freilich schon bei Shakespeare Hamlets Charakter zweiseitig und zweideutig. Gerade darin liegt das Dämonische des Stücks, daß Shakespeare der trägen, unentschlossenen Natur des Prinzen die reizende Folie eines feinfühlenden und spekulativen Idealisten untergelegt hat. Er hat den dänischen Prinzen mit so vielen liebenswürdigen Zügen ausgestattet, ihn als geistreich, witzig, gelehrt, empfindsam, pietätsvoll gegen seine Mutter geschildert, daß der Erklärer versucht wird, die skandinavische Urzeit, in der ein solcher Charakter gar nicht möglich war, zu vergessen, Hamlet überwiegend als Sohn der neueren Zeit, der er selbst angehört, zu fassen und ihn möglichst zu entschuldigen. Hamlet erweckt unser Mitleid und gewinnt unsere Sympathie; er ist durch eine Laune des Geschicks in einer rohen, zugleich barbarischen und verderbten Zeit aufgewachsen; es ist ihm eine zu schwere Last auferlegt, wobei übersehen wird, daß diese Last nicht gerade in ^7S0) 31 der Blutrache besteht, wiewohl Shakespeare diesen Punkt allerdings deutlicher hervorheben durfte, und daß Andere, namentlich Horatio, mit Rath und That ihm die Last tragen helfen konnten. Die Zeichnung seines Charakters nähert sich nun immer mehr den Zügen der modernen Zeit; ist sein Zaudern in zwei Fällen gerechtfertigt, so geht man weiter und findet ihn mit Köstlin^ im Morgenblatt nicht thatlos, weil ja Horatio selbst am Schluß von Thaten, Todten und Plänen rede, sondern nur unpraktisch. Man findet mit Rümelin, Hamlet sei nicht feige, nicht unentschlossen, er tödte drei Personen, trete dem Geist entgegen, entere ein Schiff, fechte mit Laertes, er sei jgegen seine eigene Erklärung) kein Hans der Träumer; er wähle nur falsche Mittel für seine Zwecke, seine Handlungen seien konfus und unzweckmäßig. Die Auffassung seines Charakters hängt freilich mit der Auffassung anderer Charaktere zusammen, des Laertes, Polonius, der Ophelia, des Rosenkranz und Güldenstem. „Unschuldig," sagt Bischer, „stirbt nur Ophelia. Alle Anderen büßen ihre Schuld mit dem Tode." Hamlet selbst ist nach Bischer „schuldig- unschuldig, unglücklich-glücklich; sein Rachestreich erhält, da ein neues Verbrechen des Königs vor Zeugen konstatirt und das erste Verbrechen dadurch bestätigt wird, die Bedeutung eines öffentlichen Richterakts". Man sieht, wie der Ton hier von der Schuld hinweg auf die Unschuld sich neigt. Hamlet erscheint überwiegend als ein Opfer des Schicksals, als ein Geschlagener des Herrn. Besonders wichtig ist dann die Frage nach der Zukunft Dänemarks, wovon schon oben die Rede war. Der Verlust der Politischen Selbständigkeit an einen anderen, früher besiegten und um einen Theil seines Gebiets verringerten Staat ist ein sehr zweifelhafter Gewinn sogar in dem Fall, daß der neue Herrscher dem von Bischer gezeichneten Bilde entspräche. Von löblichen Eigenschaften bei Fortinbras hebt Shakespeare nur Tapferkeit, !781> 32 Thatendrang, politischen Ehrgeiz, Streben nach Machterweiterung hervor. Ob diese Züge in seinen? Charakter auch dem unglücklichen, innerlich verfaulten Staate Dänemark zu gute kommen werden, weiß kein Mensch. „Hamlet" unterscheidet sich dadurch wesentlich von „RichardIII.", „Lear", „Macbeth", wo allerdings nach so vielen und tiefen Erschütterungen eine tröstliche Schlußaussicht eröffnet wird, wie Bischer init Recht bemerkt. Von Anfang an, mit der Thronrede des Claudius, wird diese politische Stimmung in uns erweckt; die Gefahr, an Norwegen das rechtlich gewonnene Gebiet zu verlieren, wird von dem praktischen Claudius abgewandt; Fortinbras hat aber im vierten Aufzug Gelegenheit, sich von dem zerrütteten Zustand Dänemarks persönlich zu überzeugen, er kehrt im entscheidenden Augenblick zurück, und nicht nur ein Theil, ivie er im Anfang gehofft hatte, sondern das ganze Land Dänemark fällt ihm als Beute zu. Hier ist Klarheit, Uebersichtlich- keit und Zusammenhang. Mag auch die mehr oder minder optimistische Auffassung, die seinerzeit in der Darstellung von Bogumil Dawison ihren Höhepunkt erreichte, durch die Tragödie selbst eine Berechtigung zu erhalten scheinen, mögen wir uns von Hamlets ursprünglich edlem und geistreichem Wesen noch so sehr angezogen fühle??, so muß man doch namentlich im Angesicht der Monologe, wo alle Verstellung aufhört, sagen, daß Shakespeare das Hauptgewicht ans die Schattenseite legt, daß er zeigen will, wie die vortrefflichsten Eigenschaften des Geistes und Herzens durch träumerische Unentschlossenheit vergiftet werden, wie für den Einzelnen und das Ganze Verderben und Untergang daraus entsteht. Hamlet hat seine Aufgabe grnndverkehrt gelöst. Seine Mutter, die er schonen sollte, tödtet er durch seine Unentschlossenheit; ebenso den Polonius, Laertes, die Ophelia, zwei Schulfreunde liefert er in vermeintlicher Nothwehr und übel angebrachter Rache ans Messer; er wird, je nachdem inanzählt, und den Begriff Mord !782> 33 weiter oder enger faßt, ein dreifacher, fünffacher, siebenfacher Mörder; er selbst kommt im Rachewerk um nnd der Staat fällt an Norwegen; England wird nun in Zukunft dem vereinigten Dänemark-Norwegen zinspflichtig werden,' Eine Versöhnung liegt nur darin, daß Hamlet mit feiner Mutter und Laertes versöhnt stirbt. Ich finde in dem Schlüsse die herbe Lehre, daß Unentschlossenheit und Halbheit die schlimmsten Fehler eines Fürsten sind und sich am schwersten bestrafen. Die genannte, mehr oder weniger optimistische Auffassung von Hamlets Charakter war besonders in den 50er und noch in den 60er Jahren unseres Jahrhunderts verbreitet — und zwar wahrscheinlich, weil der Deutsche, der in dem nicht thatenlosen, aber thatlosen Hamlet sich selbst dargestellt sah, durch die ein- seitige Hervorhebung von Hamlets Vorzügen sich über sich selbst trösten wollte. Indessen wird auch in Zukunft der sprichwörtlich gewordene Hamletcharakter seine Bedeutung beibehalten. Der sprichwörtliche Hamlet ist ein geistreicher, philosophisch gebildeter Mann, der aber vor lauter Grübeln, Ueberlegen, Zweifeln und Zaudern nicht zum Handeln kommt, unpraktisch ist und bleibt, seine Aufgabe nicht löst, seiner Stellung nicht gewachsen ist. Von seinem Zweifeln sind auch häufig seine Erklärer angesteckt. Da soll der Uebergang vom Denken zur That irrational sein, in eine unendliche Linie führen; eine andere, blind wirkende und vorwärtstreibende Kraft muß da eintreten; an dieser zweiten Kraft fehlt es dem Hamlet — allerdings, wie nun einmal sein Denken beschaffen ist; es giebt aber auch ein anderes Denken, das nicht ewig in sich selber kreist, sondern von selbst zur That drängt; der abstrakteste unter den deutschen Denkern, der Philosoph Fichte, besaß dieses Denken, es trieb ihn zur That, seine Reden an die deutsche Nation waren eine That und die Vorläufer anderer entsprechender Handlungen, Daß Hamlet dieses sein eigenthümliches Denken hegt und pflegt, an seinem Zweifeln eine Sammlung. N, F, V, 117 , 3 ( 788) 34 Freude hat, Andere neckt, herausfordert und ihnen entgeht, in einem Athem sich schmeichelt und schilt, im Schönthnn mit den Möglichkeiten einer Rachethat nicht einmal die Art und Weise, wie diese That zu vollführen wäre, ins Auge faßt — das ist sein Fehler, seine Schuld, Das Schicksal bietet ihm mehrmals günstige Gelegenheiten zur Ausführung der Rache dar; aber unbesonnener als jener König, dem die sibyllinischen Bücher angetragen wurden, läßt er sie alle unbenutzt, bis es zuletzt heißü I'"nta nolsntsm krullunk. Er richtet zuletzt ein „nutzloses Blutbad" an, wie Gewinns sagt, und begrübt die Größe und Freiheil des Staats in seinem Fall. Nümelins Shakespeare-Studien werden immer epochemachend in der Shakespeare-Litteratur bleiben, und wir müssen deswegen genauer auf seine darin enthaltene Besprechung des Hamlet eingehen, Gar viel Treffendes bringt der nüchterne Kritiker hier vor, aber, wie wir oben gesehen haben, er übertreibt den Mangel an Einheit im Stück; er faßt auch Hamlets Charakter einseitig, und wie von Anderen immer die „Feigheit" Hamlets betont wurde, so sollte man nach Rümelins Darstellung meinen, der Dänenprinz sei ein Muster von Muth und Entschlossenheit, Allein die Thaten Hamlets, auf die sich Rümelin beruft, geschehen sozusagen in nervöser Verzweiflung, wie dies Bischer gut ausgeführt hat; sonst aber ist offenbar gewohnheitsmäßige Tapferkeit, besonnener Muth seine Sache nicht. Wie überall, so auch hier schwankt er zwischen zwei Extremen t Feigheit und Waghalsigkeit, Was aber das Entern des Schiffes betrifft, so bemerkt Silberschlag mit Recht, Shakespeare habe durch die Art seiner Rückkehr dem Hamlet jede absichtliche Willensbestimnnmg nehmen und ihn in seiner Nnschlüssigkeit als Spielball des Schicksals darstellen wollen, Weiler bemerkt Rümelin, der Grund von Hamlets konfusem, unzweckmäßigem Handeln sei nicht, daß Shakespeare ihn so darstellen wollte; zweckwidriges Handeln i?84> 35 habe nur im Lustspiel, nicht in der Tragödie Raum; von einem dramatischen Helden erwarten wir so viel Intelligenz, daß er für seine Zwecke kein unpraktisches Mittel wähle; unmöglich könne das die Absicht Shakespeares gewesen sein, eine bloße Unzulänglichkeit, das auszuführen, was man eigentlich will, zu schildern; schon Aristoteles nennt unter allen Fällen einer dramatischen Handlung denjenigen den unbrauchbarsten für den tragischen Dichter, in welchem die tragische Person den Vorsatz habe, etwas zu thun, ihn aber nicht ausführe. Allein Hamlet führt ja den Vorsatz, etwas zu thun d. h. das Verbrechen zu rächen, aus; er thut sogar mehr als er thun sollte. Das Zweckwidrige besteht also bei ihm darin, daß er nicht zu rechter Zeit d. h. sogleich, eine Handlung sondern zu unrechter Zeit d. h. zu spät zu viele Handlungen vollbringt. Zweckwidrig handelt in gewisser Weise auch der tragische Held, ein Oedipus, ein Macbeth; sie handeln aber in einer Weise, daß sie das Ziel, nach dem sie trachten, verfehlen; die tragische Zweckwidrigkeit wird unsere Furcht und unser Mitleid, die komische unser Lachen erregen. Hamlet greift zu Maßregeln, um seinen Zweck zu erreichen; hierher gehört der verstellte Wahnsinn, die Aufführung des Schauspiels, das Gespräch mit der Mutter, der gegen Po- lonius geführte Stoß, der dem Könige galt. Aber diese Mittel sind dem Zweck nicht vollkommen, sondern nur halb entsprechend; die rechten Mittel läßt er bei Seite, und zwar aus Mißtrauen, Menschenscheu und Menschenverachtung, Furcht vor einer rasch abschließenden That. Weiter lesen wir: „Die retardirenden (zurückdrängenden) Momente sind für eine Tragödie so unerläßlich als die Hemmung für eine gute Uhr. Wenn Hamlet gleich nach Erscheinung des Geistes den Akt der Rache vollzöge, so wäre das Stück in der zweiten Scene zu Ende." In der That handelt Hamlet ununterbrochen im Stück. Seine wiederholten Selbstanklagen zeigen nur, wie sehr ihn der Gedanke an 3* (785) 36 seine Aufgabe erfülle; daraus dürfe man nicht auf Feigheit schließen, so wenig, als aus den Selbstanklagen Theklas oder Melchthals — die aber, müssen wir bemerken, im Unterschied von Hamlets fortwährenden Selbstanklagen ganz vereinzelt dastehen und Borboten des Handelns sind. Wenn Shakespeare nicht einen unentschlossenen Charakter zeichnen wollte, warum ist er denn von seiner Quelle abgewichen? Warum hat er nicht ähnlich wie im „Macbeth" die Ermordung von Hamlets Vater selbst und ihre gerechte Bestrafung nach Ueberwindung der entgegenstehenden Hindernisse dramatisch dargestellt? Die zurückdrängenden Momente liegen eben in Hamlets Innerem; zur Strafe dafür, daß er die Umstände nicht benutzt, verstrickt er sich immer fester selbst in das Netz und geht mit den Anderen unter. Hamlets Zaudern führt uns zur Betrachtung seines verstellten Wahnsinns. Hätte er nicht von Haus aus starke Anlage zum Wahnsinn, Wahnwitz, zu stillem, brütendem Schwer- mnth gehabt, so wäre er auf dieses Mittel gar nicht verfallen. Bei ihm war dieses Mittel zweckwidrig, weil er nicht, wie der Amleth der Sage, von den Nachstellungen seines Oheims bedroht war. Unter der Maske des Wahnsinns, sagt man, hofft er, den Racheplan entwerfen zu können. Allein schon der Amleth der Sage erregt durch sein närrisches Wesen die Aufmerksamkeit und das Mißtrauen seiner Umgebung. Shakespeares Hamlet trägt einen Wahnsinn zur Schau, der nicht, wie der von Saxos Amleth, einen komischen, die Lachlust reizenden, sondern einen überwiegend verschlossenen, innerlich brütenden, verbissenen und bedrohlichen Charakter hat, und eben deswegen muß er eher seinem Vorhaben schaden. Silberschlag findet den Grund in Hamlets Wunsch, als ein Wahnsinniger vom Hof und seinen Festen wegbleiben zu dürfen. Davon steht aber im Text nichts; im Gegentheil geht Hamlet absichtlich oft und viel mit dem Königspaar und den Hofleuten um und hat seine Freude daran, (786) 37 sie zu necken, so daß sie gar nicht wissen, wie sie mit ihm daran sind, und eben dieses Neckspiel, dieses hänselnde Andeuten soll nicht nur die eigentliche Rache vorbereiten, sondern selbst die Stelle der Rache vertreten, und je länger dieses Spiel des Wahnwitzes dauert, um so mehr muß es als eine Art Ersatz für die Rache selbst gelten. Wäre es nicht so, so wäre es unbegreiflich, daß Hamlet nie über die Art der Rache nachdenkt oder mit Horatio sich bespricht. Freilich erhebt sich hier die Frage, ob Hamlet nicht wirklich wahnsinnig sei, eine Frage, die nicht so thöricht ist, wie sie Manchem erscheint. Gervinus sagt: „Hamlets Wahnsinn ist nur der Scheinwahnsinn; er ist völlig bei Sinnen." Völlig bei Sinnen ist Saxos Amleth, aber nicht Shakespeares Held. Vor dem Zweikampf mit Laertes sagt Hamlet, er sei von sich selbst geschieden und von schwerem Trübsinn geplagt gewesen; dreimal gebraucht er von diesem Zustand den Ausdruck „Wahnsinn". Die Möglichkeit des Todes vor Augen, Pflegt der Mensch nicht zu lügen; Hamlet befindet sich nie in eigentlichem Wahnsinn, wohl aber häufig in einem dem Wahnsinn ähnlichen Zustande. Wer Wochen- und monatelang sdas ganze Stück mag drei bis vier Monate fassen) den Wahnsinnigen spielt, der muß sich immer mehr in einen wahnsinnähnlichen Zustand hineinarbeiten, gerade wie Der, der immerfort lügt, seine Lügen und Aufschneidereien zuletzt selbst, wenigstens halb zu glauben, für wahrscheinlich zu halten genöthigt wird. Hamlet wandelt an schmaler Kante des Wahnsinns dahin, entsetzt sich immerfort vor der Gefahr, seine Lüge möchte zur Wirklichkeit werden und wird in diesem überreizten, krankhaft gesteigerten Geistes- und Gemüthszustand von einem Aeußersten zum anderen getrieben. Jedenfalls hat Bischer Recht, wenn er behauptet, Shakespeare hätte hier mehr motiviren sollen. Ein Monolog, in dem Hamlet den Vorsatz saßt, sich wahnsinnig zu stellen und diesen Vorsatz (7S7i in seiner Weise begründet, hätte erwünschtes Licht über seinen Charakter und über den Zusammenhang des Stückes verbreitet. Bischer meint freilich, Hamlet sei ebenso verrückt wie alle genialen Menschen, die es nicht dahin bringen, daß ihnen alles so schrecklich klar sei, wie ordinären Köpfen, so verrückt, wie alle tieferen Naturen, bei denen einzelne Kräfte sich zu solcher Stärke entwickeln, daß die Harmonie gestört werde, und er wisse das und könne es doch nicht anders machen, aber darum sei er nicht toll im Sinne der Psychiatrie und Medizin, sondern wisse unendlich mehr von sich, als so mancher Kritiker, der ihm Herzen und Nieren prüfe; in diesem Sinne gelte von ihm: er spielt den Narren, weil er einer ist. Hier ist das zweimalige „alle" anzugreifen; rein harmonische Naturen, bei denen alle Kräfte gleichmäßig entwickelt sind, Verstand und Phantasie, Gedächtniß und Scharfsinn, sind ja sehr selten. Es giebt aber auch närrische Leute, die bloß periodisch von Sinnen sind. So weit ist es gottlob noch nicht gekommen, daß jeder geniale Mensch sich wie Hamlet beträgt und handelt. Gott behüte uns vor solcher Genialität! Dies gilt auch gegen Tieck in seinem Schriftchen i Hamlet ein Genie. Als Genie, meint Tieck, denke er nicht an sein Recht, auch nicht an sein Recht zur Thronfolge; immer fasse er nur das Allgemeine ins Auge und vernachlässige darüber das Individuelle. Aehnlich sage Christus als religiöser Genius: „Weib, was habe ich mit dir zu schaffen?" und wieder: „Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht werth." Es giebt aber gottlob auch harmonische Genies, wie Goethe; es giebt ferner praktische Genies, geniale Staatsmänner mit einem scharfen Blick fürs Einzelne wie fürs Ganze. Ein Genie im eigentlichen Sinne ist ohnedies Hamlet nicht; ihm eignet nur die springende und abspringende, zerfahrene Genialität, die es zu nichts Ganzem bringt. Nicht einmal sein wahnwitzigartiger Zustand ist einheitlicher Art. Er lebt in einer (7SS) 39 Art Geistesdämmerung, die mit Hellsehen wechselt. Daß er, den Kopf über seine Schulter zurückgedreht, von Ophelia zur Thür hinausgeht und ohne Hülfe der Augen den Weg finden kann, erinnert an das Schamanenthum des Nordens, In solchem Zustande der Dämmerung und des Hellsehens, des Gehens auf der Kante des Wahnsinns, wurzelt auch das Blitzartige der Rede, das Vermögen, durch die Antwort auf eine Frage den Fragenden zu vernichten, indem dieser ihren Sinn nicht fassen kann und erst Zeit haben mnß, ihr nachzudenken. Dieser Zustand läßt ihn aber auch die Anschläge seiner Feinde instinktarlig durchschauen und rasch die treffendsten Gegenmaßregeln ergreifen; dadurch ist er zaudernd und sich selbst überstürzend, zart und roh, gewissenhaft und gewissenlos, kann den betenden Vatermörder nicht tödten und liefert ohne Bedenken Rosenkranz und Güldenstern ans Messer, Dieses Traumleben, dieser halbe Wahnwitz, dieser fortwährend ebbende und fluthende Seelenzustand läßt ihn nicht zur Ausführung seines eigentlichen Vorhabens kommen, bis ihn die Umstände dazu zwingen; in diesem Zwiespalt aber geht er selbst unter. Wer über gewisse Dinge den Verstand nicht verlieren kann, lesen wir bei Lessing, der hat keinen zu verlieren. Zum Tollwerden war, was Hamlet am Anfang erleben mußte; aber eine Art Wahnwitz, eine fixe Idee gehörte schon dazu, daß Hamlet sich die eitle Scheinwelt, in der er lebt, noch schwärzer ausmalt, als sie ist und darum seinem besten Freunde, dem edlen Horatio, kein Zutrauen schenkt. Diese krankhafte Gemüths- stimmnng ist nach unserer Ansicht der Schlüssel zu dem verwickelten, räthselvollen Wesen des Prinzen. Andere, wie Bischer, finden den Schlüssel zum Hamleträthsel im Gewissen nach dem Monolog III, 1: „so macht Gewissen Feige aus uns Allen w," Dabei wird Goethes Ausspruch angeführt: „Nur der Betrachtende hat Gewissen, der Handelnde ist immer gewissenlos. Im <7SS) 40 Handeln kann ein praktisches Genie es nicht Allen recht machen; es muß hie nnd da ein Recht verletzt werden, wenn ein hoher Zweck erreicht werden soll; wer mitten im Handeln drin ist, der wird von einer That zur anderen unwiderstehlich fortgetrieben; er kann da nicht lange untersuchen, ob das, was er thut, immer in genauer Uebereinstimmung mit den Vorschriften der Sittenlehre ist. Eben deswegen, ließe sich sagen, mag sich Hamlet nicht in den Strom der Handlung stürzen, sondern geht am Ufer hin und her, gedankenvoll erwägend, ob nicht der Strom, wenn er sich ihm anvertraute, ihn und mit ihm auch Andere mit fort und ins Verderben reißen könnte. Es ist ihm eine Gewissenssache, den Ausgang genau zu erwägen; ja er weiß, daß er ihn zu genau erwägt. Aber in der Stelle III. 1 ist das Wort eouseiönee, das A. W. Schlegel mit Gewissen übersetzt, wohl eher mit Bodenstedt durch Bewußtsein (Reflexion, Nachdenken) zu geben; es ist das auf den Selbstmord augewandte religiöse Bedenken in Betreff der Vergeltung nach dem Tode. Shakespeare glaubte ja und läßt, wie oben bemerkt, auch den Dänenprinzen an Hölle und Himmel glauben; damit der verbrecherische König nicht im Gebet zum Himmel eingehe, schont er ihn. Der Glaube an das Jenseits hält ihn also vom Selbstmord und von der Blutrache ab. Wie Paßt aber der Monolog : Sein oder Nichtsein zu diesem Glauben? Wie kann Der, dem erst vor ein paar Monaten ein Gast aus der anderen Welt erschienen ist, solche Zweifel an einem Leben nach dem Tode aussprechen? Hier den Hamlet auch nur in die nothdürftigste Harmonie mit sich selbst zu bringen ist kaum möglich; man müßte denn annehmen, er sei ein eingefleischter Zweifler gewesen, ähnlich jenem Skeptiker, der betete: „O Gott, wenn es einen giebt, erbarme dich meiner Seele, wenn ich eine habe, und mache mich einmal ewig selig, wenn anders mit dem Tode nicht alles aus ist." Dies führt uns zu der Frage von Hamlets Glauben an eine (7S0, 41 göttliche Vorsehung Je mehr es dem Ende zugeht, um so mehr redet er vou der Vorsehung, die unsere Zwecke falso auch seinen Zweck, wenn er einen solchen klar verfolgt) forme und über den Fall eines Sperlings wache. Von jeher wurde von willensschwachen Personen der Vorsehungsglaube ins Spiel gezogen und, wenn die Dinge nicht den gewünschten Verlauf nahmen, das Schicksal dafür verantwortlich gemacht. Nun hat ja nach Herders und Anderer Auffassung der Held eben, indem er das Schicksal walten ließ, das Rachewerk mit unbefleckten Händen vollzogen; das Schicksal hat ihm das Racheschwert in die Hand gedrückt. Bischer redet ebenfalls vom Schicksal, läßt zwar den Hamlet schuldig werden, aber nicht sein Schicksal schafft sich selbst der Mensch, sondern Mensch und Schicksalsmacht wirken zusammen und bringen die Tragödie zu stände. Dem Hamlet wäre aber statt der „Vorsehung" vielmehr die Nemesis, die vergeltende Gerechtigkeit entgegenzuhalten, der Niemand entgeht. Wir können nur mit Gervinus und Rötscher annehmen, daß im Sinne des Dichters diese Berufung auf die Vorsehung oder das Schicksal zur weitereu Charakteristik des thatlosen und seine Thatlosigkeit in der Hauptsache, wie seine einzelnen Thaten, dem Schicksal zurechnenden Prinzen dienen. So betrachtet er sich denn als blindes Werkzeug der Schicksalsmacht; im Glauben, diese Macht werde doch zuletzt das Beste thun, handelt er, wo er handelt, mit einer Art ckoius «veuwaliL; für den Ausgang macht er die Vorsehung verantwortlich. Fällt seinem tollen Vorgehen ein schuldloses Opfer, so läßt sich das der Idealist, der in dem wirklichen Weltzustand nur eine Satire auf seine Idealwelt sehen kann, wenig kümmern; ist die Welt ein wüster Garten, von verworfenen Unkraut völlig erfüllt, so muß dieses natürlich ausgerottet werden. Aus dieser Menschenverachtung erklärt sich seine Grausamkeit gegen den todten Polonius, gegen Ophelia, Rosenkranz und Güldenstern, Eine andere Erklärung i7»r> 42 behauptet freilich, Shakespeare habe seinen blutfrohen und nervenstarken Zuschauern in echt englischem, gransamem Geschmack, wie im „König Lear" und sonst, sich gefällig erweisen wollen und daher diese Züge aus der Sage unverändert herübergenommen, obgleich sie zu dem übrigen Charakter des Helden, zu seiner zartfühlenden Natur, seinem Geist und Witz nicht passen, „Wir bekommen ungefähr einen Eindruck, wie wenn Jphigenie bei Goethe einmal in einem Zwischenakt als Priesterin ein paar Gefangene auf deni Altar der Diana zu schlachten hätte," Ich halte diese Vergleichung Rümelins für unglücklich. In der Jphigenie geht es von der Nacht zum Licht, von der Roheit zur Gesittung, vom Grab zum Leben; im „Hamlet" vom Grab zum Grab, zur Nacht, zur Verwesung; wir können kaum freudig aufathmen; fast alles ist faul, auch die äußere Bildung; die feinen Manieren in dieser Hofgeschichte sind meistens nur angetünchte Unnatur, Gemeinheit, verworfene Achselträgerei. Das sogenannte christliche oder protestantische Zeitalter kann diesen Thatbestand nicht ändern; man darf nur an die Religionsverfolgungen, die Ketzer- und Hexenhinrichtungen, an den weißen und rothen Schrecken der französischen Revolution erinnern. Die gebildetsten Nationen haben sich schon mit den abscheulichsten Unthaten besteckt, und bei Völkern, die von der Kultur kaum beleckt sind, finden sich edle, sittlich denkende und handelnde Menschen, Ein Publikum, das im Theater sich an der Darstellung von blutigen, grausamen Auftritten weidet, ist im stände, selbst solche Thaten zu begehen. Man kann also beide Erklärungen, daß Shakespeare sich dem rohen Geschmack der Zuschauer anbequemt und daß er die Züge von Grausamkeit mit Glück in Hamlets Charakter begründet habe, mit einander verbinden, Gervinus erinnert noch daran, daß das deutsche Volk, der moderne Hamlet, trotz seiner philosophischen und ästhetischen Bildung in der Zeit seines trügerischen nationalen Aufschwungs (1848/49) sich mit (7S2> 43 Blut und Mord befleckt habe. Aber schon im englischen Volkscharakter liegt eine große Schonungs- und Rücksichtslosigkeit, Diese weltverachtende Stimmung Hamlets dürfte der Grund sein, warum er, der eben auch zur Welt gehört, sein eigenes Leben mehrmals in die Schanze schlägt. Die ganze Welt ist in seinen Augen nur werth, daß sie zu Grunde geht, und wenn er zu Ophelia sagt- „Ich sage, wir wollen nichts mehr vom Heirathen wissen; wer schon verheirathet ist, Alle außer Einem, soll das Leben behalten, die Uebrigen sollen bleiben, wie sie sind," so erinnert dies ganz an E, v. Hartmanns Phantasie von dem gleichzeitigen, gemeinsamen Beschluß der Menschheit, das Wollen aufzuheben und der Menschheitsgeschichte ein Ende zu machen, Hamlets Temperament ist offenbar das melancholische mit einem bedeutenden Znsatz von Phlegma; vom Sanguiniker hat er sehr wenig; das Cholerische lauert im Hintergrunde und bricht, wenn ihn die Umstände vorwärts drängen, in raschen und überraschenden Stößen hervor. Das ist das Gefährliche in seinem Wesen, dessen er gegen Laertes erwähnt. Was sein Phlegma betrifft, das sich in ihm mit dem Hang zur Schwer- mnth verschwistert, so könnte man mit ihm unsern Schubart vergleichen, der in den wichtigsten Lebensverhältnissen sich von Zufälligkeiten bestimmen, willenlos sich in die Gefangenschaft führen und auch ans dem Asperg die Gelegenheiten unbenutzt ließ, aus seinem Gefängniß zu entfliehen. Nur von Schubarts Leichtsinn müssen wir Hamlet freisprechen. Dies hängt freilich damit zusammen, daß wir über sein Leben vor seinem dreißigsten Jahr, so alt ist er im Drama, gar nichts erfahren. Wäre das Stück gleichmäßiger durchgearbeitet, so würde Wittenberg und Hamlets Thun und Treiben daselbst ein herrliches Gegenstück zu Laertes Aufenthalt in Paris bilden, den wir uns nach seines Vaters Ermahnungen und nach der Absenkung des Spähers Reinhold leicht ausmalen können. Die Worte „Er ist fett und (7SS, 44 kurzen Athems" sollen sich auf den Schauspieler Burbadge beziehen, der Hamlets Rolle gab; sie gehören aber znr Charakteristik Hamlets, Das Richtige findet sich schon bei Goethe W. Meister V, 6. Zur Vergleichung dient der hagere Cassins, von dem Cäsar in dem nach Gervinus gleichzeitig mit unserem Trauerspiel entstandenen „Julius Cäsar" des Dichters wünscht: „Wär er nur fetter! Ich kenne Niemand, der ihn eher miede, als dieser hagere Cassins", — eine Stelle, auf die sich Schiller in seiner Charakterschilderung Wilhelms von Oranien bezieht. So steht Hamlet vor uns, nicht ein vollendeter Mann, wie sein Vater, sondern ein schwermüthiger, in unausgeglichenen Widersprüchen sich abarbeitender Jüngling im Uebergang zum Mannesalter, daß ihm, wenn er seine Schwelle überschritten hätte, nur neue Gährung, aber keine Klärung hätte bringen können; ein genialer Pedant, der Nebenpersonen opfert und die Hauptperson bis zuletzt verschont, der vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht und vor dem Ausgang auf Erden und der Zukunft in einer anderen Welt znrückbebt; ein Sorgengrübler Aristophanes), der über der Zukunft die Gegenwart versäumt; ein geistreicher Theoretiker, der nicht den Weg zum Handeln findet. Fortinbras sagt zwar, er hätte, wäre er auf den Thron gelangt, unfehlbar sich höchst königlich bewährt — ja wohl, in ruhigen, aber nicht in stürmisch bewegten, unruhigen Zeiten. An und für sich taugte er eher zum Professor in Wittenberg, als zum König von Dänemark, der er nach vollbrach ter Rache unfehlbar geworden wäre, Haben wir so zugestanden, daß Shakespeare wegen der Ansp ielungen auf Zeitverhältnisse, politische Zustände, Zeitgenossen und aus Rücksicht ans das nach Abwechselung verlangende Theaterpublikum die hierher gehörenden Partien mit allzugroßer Vorliebe behandelt und darüber die streng geschlossene Einheit des Stücks versäumt hat, so müssen wir doch behaupten, (7S4) 45 daß die Person des Haupthelden, in dessen Charakter der Held der Sage, König Jakob, Essex, Shakespeare selbst nach einem Theile seines Wesens zusammengeflossen sind, sich recht wohl, wenn man nur genau sich an den Text hält, statt ihn zu meistern, als eine lebenswahre, geschichtlich und psychologisch mögliche Persönlichkeit auffassen läßt. Die Welt ist ja voller Widerspruch und es giebt in ihr eine Menge widerspruchsvoller Charaktere, wie z. B. eben unser Schubart, Ja, es lassen sich noch widerspruchsvollere Charaktere denken, als der Dänenprinz. Es kommt nur darauf an, daß mau die einzelnen Charakterzüge aus einer gemeinsamen Quelle ableitet. Diese ist bei Hamlet der Hang zum Zweifeln und Grübeln, das krankhafte Mißtrauen gegen Gott und die Welt. Hier ist freilich der Mangel einer klaren Exposition, eines festen Unterbaues sehr zu bedauern. Hamlet ist, wie er ist; wie er aber so geworden ist, erfahren wir nicht. Ist so die Hauptsache gerettet, so können wir manche Mängel in der Motivirung und in der Zeichnung der anderen Charaktere zugeben und die Erklärer ruhig streiten lassen. Bei Ophelia 5 weist Bischer mit Glück nach, daß die Motivirung von Hamlets Benehmen gegen sie mangelhaft ist. Wäre die Motivirung genauer, so wäre auch ihr Wesen durchsichtiger, würde sie nicht von dem Einen als schuldig, von dem Anderen als unschuldig, bald als Natur, bald als Kokette, bald als Veilchen, bald als glühende Gichtrose gefaßt. Auch über sie werden die Akten nicht so bald geschlossen sein; ihre Auffassung hängt von der Erklärung der Worte eines launenhaften, halb wahnwitzigen Prinzen ab und sie selbst wird vor Schmerz wahnsinnig. Möchte es doch Shakespeare beliebt haben, müssen wir mit Bischer wünschen, uns durch einen Monolog Ophelias oder Hamlets aus der Verlegenheit zu helfen. Nach meiner Ansicht wollte der Dichter Ophelia als körperlich und geistig I7SS) 46 schuldlos, als reines Mädchen hinstellein Wie bei allen Dingen so muß man auch beim Drama ans den Ansgang sehen. Aus den Reden des fünften Auszugs von der unbefleckten Hülle der süßen Ophelia geht dies klar hervor, und Hamlets Worte von der Tochter Jephtas erscheinen nun als bloße Neckerei gegen ihren Vater. Auch darüber wird gestritten, ob Hamlet die Ophelia geliebt habe oder nicht; aber auch hier wird der Streit durch Hamlets Ausruf bei ihrer Beerdigung entschieden, er habe sie mehr geliebt, als vierzigtansend Brüder sie hätten lieben können. Ziehen wir von dem starken Ausdruck noch so viel ab, so bleibt es doch gewiß, daß Hamlet sie geliebt hat, wenn er auch auf dem Grund der mit seiner Mutter gemachten traurigen Erfahrung, wie an der weiblichen Tugend überhaupt, so auch au ihrer Reinheit gezweifelt hat. Der obeugenannte starke Ausdruck erinnert an seine Aeußerungen über sich selbst, in denen er sich gerade wie seinen Oheim als einen Schurken und niedrigen Sklaven bezeichnet. Die Selbstanklage bleibt stehen und hat im Sinne des Dichters recht, so viel auch von ihrer Form auf die Rechnung der augenblicklichen Stimmung gesetzt werden mag. Die schlüpferigen Reden und leichten Verschen, welche die Wahnsinnige hören läßt, die sich mit Todesgedanken trägt, erklären sich aus der verdorbenen Hofluft, die sie eingeathmet hat, vielleicht aber auch zugleich aus der bekannten Thatsache, daß die geschlechtlich reinsten Menschen bei Seuchen oder im Wahnsinn die schlüpfrigsten Reden führen und gelegentlich sich den wildesten Ausschweifungen hingeben. Boccaccios Dekameron beruht auf vollkommen psychologischem Grunde; mitten in der Pestzeit werden die üppigsten Geschichten erzählt. Shakespeare oder in seinem Namen Hamlet hätte also seinem Weltschmerz auch bei Ophelias Zeichnung Luft gemacht, indem er sagen wollte, daß selbst in der reinsten „Jungfrau Schamerröthen geheime Lust begehrlich zittert" (Heine), daß es keine vollkommene weibliche <7S6) 47 Tugend giebt, daß auch bei der reinsten der verborgene unreine Herzensgrund gelegentlich an den Tag tritt. Eine der wichtigsten Bemerkungen Rümelins ist die, daß Shakespeare mehr scenenweise, als im Hinblick aus genauen Zusammenhang des Ganzen gearbeitet habe. Sie trifft beim Hamlet bis zu einem gewissen Grade zu. Da ist der alte Polonius, den Shakespeare offenbar immer so gezeichnet hat, wie er ihn gerade brauchte. Wir verzichten darauf, ein einheitliches Charakterbild dieses Mannes zu zeichneu, der von dem Einen zu hoch, von dem Anderen zu niedrig gestellt wird, und bemerken nur, daß er als charakterloser Hofmann, als eitler Schwätzer, als übervorsichtiger, wohldienerifcher Geck erscheint, dessen Hauptweisheit im Mißtrauen und in der Erregung von Mißtrauen bei Anderen besteht und daß durch seinen Tod die Welt nicht viel verloren hat. Eigentlich boshaft ist er nicht, planmäßiges Handeln liegt ihm fern und es ist die seltsamste Schrulle, wenn Flathe meint, Polonius und seine ganze Familie trachte nach der Königswürde, Ophelia sei Hamlets Geliebte geworden, um einst seine Gemahlin und als solche Königin zu werden, und sie ertränke sich, nachdem durch den Tod ihres Vaters und Hamlets Treulosigkeit und Wahnsinn ihre Hoffnung zerronnen war. Welche Phantasien des Kritikers I Die übrigen Charaktere sind leicht zu verstehen i Der gewissenlose, diplomatisch schlaue, um kein Mittel, das zum Ziele sichren kann, verlegene König, die schwache, sinnliche Königin, Rosenkranz und Güldenstern, Hamlets Jugendfreunde, aber zugleich Hofleute, ihrem König blindlings ergeben, von Hamlet geneckt und gefoppt und zuletzt auf perfide Weise in einen gewaltsamen Tod geschickt, da sie doch von dem eigentlichen Zweck ihrer Sendung nach England nichts wußten und Hamlet sich dadurch hinreichend sichern konnte, daß er den ihnen übergebenen Brief des Königs vernichtete. (797) 48 Laertes ist ursprünglich ebenfalls Hamlets Freund; zwischen Beiden waltet aber das entschiedenste Mißtrauen; sie ziehen sich voneinander zurück und die Ermordung des Polouius durch Hamlet nährt dieses Mißtrauen immer mehr und befestigt eine unausfüllbare Kluft zwischen Beiden; Laertes ist ebenso jesuitisch gesinnt wie Claudius und im Augenblick der höchsten Gefahr Hamlet selbst: er greift zum verruchtesten Mittest um seinen Gegner aus dem Wege zu räumen. Bei dieser Gelegenheit erfahren wir, daß Hamlet sich, so lange Laertes in Paris war, beständig im Gebrauch des Rapiers geübt hat. Dachte er vielleicht an die Möglichkeit eines Zweikampfes —- nicht mit Laertes, sondern mit dem Könige, um auf diese Weise sich an ihm zu rächen? Wir müssen noch einmal zu Rümelin zurück. Er meint — und R. Benedix übertreibt diese Behauptung ins Abenteuerliche —, die Dialoge des subjektiven Hamlet haben so viel Raum eingenommen, daß dadurch allzustark zurückdrängende Momente in die Handlung hineinkamen, „Der Sagen-Hamlet mußte sich daher selbst von Zeit zu Zeit der Säumniß und Unthätigkeit anklagen und es schob sich so als vermittelndes Zwischenglied fremdartiger Elemente die Vorstellung des geistvollen, unschlüssigen Säumers und Träumers hinein. Diese erregt dann hin und wieder den Schein, als ob das Ganze doch in einem Gusse gedacht wäre und veranlaßte jene mancherlei künstlichen Deutungen, die sich schließlich als undurchführbar erweisen." Damit wird der Grundcharakter des Helden, die Grundidee und das Ziel der ganzen Tragödie aufgehoben, Hamlet mußte seine Uuentschlossenheit in den verschiedensten Lagen und Zeitläuften au den Tag legen; er findet sein Gegenbild nicht bloß in Laertes, Claudius und Fortiubras, sondern schon in dem Schauspieler, der die Hekuba spielt und von einem l?S8> 49 fremden und uralten Schmerz mehr erregt wird, als Hamlet von der traurigsten selbsterlebteu Erfahrung, die ihn nur von Zeit zu Zeit aufrüttelt, um ihn dann dem alten träumerischen Wesen, dem trüben Brüten und Sinnen ohne Ziel und Zweck anheimfallen zu lassen. Die Zeit mußte daher ausgedehnt werden, und so läßt sich denn die bunte, abwechselnngsreiche Handlung des Strickes, namentlich die Reise des Laertes nach Paris, der Durchmarsch des Fortinbras, die Sendung Hamlets nach England, die nur kurze Zeit einnimmt, weil sie gar nicht zum Ziele kam, dies alles läßt sich recht wohl mit dem Grundgedanken des Stückes in Zusammenhang bringen. Wir schließen diesen Abschnitt mit der richtigen Bemerkung Bodenstedts: „Das Schicksal zerreißt seinen Lebensfaden und macht ihn sterbend noch zum Werkzeug seiner Pläne, indem es ihn gleichsam blindlings die Rachepflicht vollziehen läßt, welche er mit klarem Auge und Hellem Bewußtsein niemals vollzogen haben würde. Aber eben durch die lange Verzögerung der äußeren Strafe, des Abschlusses durch den Tod, wird der schuldige König innerlich weit eindringlicher gestraft, als wenn ihn der rächende Stahl gleich getroffen hätte, und hierin liegt die tragische Sühne und Gerechtigkeit" — wiewohl er auch als abgesetzter, vertriebener, lebenslang gefangen gehaltener König die rächende Nemesis im vollsten Maß erfahren hätte. Es fragt sich zuletzt, zu welcher Klaffe von Shakespeares Dramen sein Hamlet gehöre. Ich nehme ihn zunächst mit Macbeth, Lear und Cymbeline zusammen, die wie Hamlet Politisch-nationalen Gehalt haben, aber in die vorgeschichtliche Zeit zurückreichen. Im Macbeth wird ein schottischer Königsmörder, im Cymbeline ein römisches, im Lear ein französisches Heer, das in England gelandet ist, vom englischen Heer geschlagen. Im Hamlet aber ist England dem dänischen Staat Sammlung N. F. V. 117. 4 l7!>») 50 zinspflichtig, das Volk, das hier auftritt, ist ganz verdorben; und dieses Volk ist bekanntlich im Grunde das englische Volk, nicht das dänische. Der Hauptheld ist gänzlich unpolitisch welche Aussicht für die Zukunft eröffnet sich da? Macbeth, Lear, Cymbeline versetzten ihren Stoff in die Vergangenheit; Hamlet spielt, wenn auch nicht dem Namen, so doch der That nach in Shakespeares Zeit. Es hat schon manchen Hamlet ans dem Throne gegeben. Vor hundert Jahren saß auf dem Throne Frankreichs ein Mann, der die französische Welt nicht einrenken konnte, ein Phlegmatiker, vom Volke der Schlosser genannt, aber leider nicht im stände, das versprengte und verdrehte Schloß des französischen Staatswesens einzurichten. Am bekanntesten ist die Vergleichung des deutschen Volkes mit Hamlet. Im Jahr 1840 bestieg den preußischen Thron Friedrich Wilhelm IV. Schon der untersetzte Körperbau, dann der Hang zum Reflektiren und Theologisiren, sein zerfahrenes und abspringendes Wesen, seine Geistreichigkeit, sein zwischen Wollen und Nichtwollen schwankendes Verhältniß zur deutschen Einheit, seine Scheu vor einer raschen, entschiedenen und entscheidenden That — das alles stempelte ihn mehr zum Dänenprinzen auf dem Throne Friedrichs des Großen, als zum Romantiker auf dem Throne der Cäsaren. „Eine Kaiserkrone wird nur auf dem Schlachtfelde geholt" sagte er mit Recht. Nun — das Schlachtfeld hätte sich gefunden. Friedrich der Große hätte ohne weiteres zugegriffen, und hätte Friedrich Wilhelm IV. ebenso gehandelt, so hätten wir Königgrätz und Sedan 20 Jahre früher haben können. Er fürchtete aber, die Annahme der Kaiserkrone könnte ihn in einen Krieg mit Oesterreich verwickeln. Zuletzt wurde er ganz Pessimist. Seltsame Fügung des Schicksals, daß unter seiner Regierung Deutschland dem kleinen Dänemark gegenüber eine woo> 51 Hamletrolle spielte! Der Preußenkönig mit seinen vielfachen liebenswürdigen Eigenschaften des Geistes und Herzens war eigentlich das verpersönlichte, nach Größe und Einheit strebende, aber über die Wege und Mittel zu diesem hohen Gute unsicher hm- und hertastende Deutschland. Berühmt ist Freiligraths Gedicht Hamlet aus dem Jahre 1844, das ich, da es Vielen unbekannt ist, hersetzen will, Deutschland ist Hamlet! — Ernst und stumm In seinen Thoren jede Nacht Geht die bcgrab'ne Freiheit um, Und winkt den Männern ans der Wacht, Da steht die hohe, blankbcwehrt, Und sagt dem Zaudrer, der noch zweifelt: „Sei mir ein Rächer, zieh' dein Schwert! Man hat mir Gift ins Ohr geträufelt," Er horcht mit zitterndem Gebein, Bis ihm die Wahrheit schrecklich tagt; Von Stund' an will er Rächer sein, ^ Ob er es endlich wirklich wagt? Er sinnt und träumt und weiß nicht Rath; Kein Mittel, das die Brust ihm stähle! Zu einer frischen mnth'gen That, Fehlt ihm die frische, mnth'gc Seele, Das macht, er hat zu viel gehockt; Er lag und las zu viel im Bett, Er wurde, weil das Blut ihm stockt, Zu kurz von Athem und zu fett. Er spann zu viel gelehrten Werg, Sein bestes Thun ist eben Denken; Er stak zu lang' in Wittenberg, Im Hörsaal oder in den Schenken, Drum fehlt ihm die Entschlossenheit; Kommt Zeit, kommt Rath — er stellt sich toll, Hält Monologe lang und breit, Und bringt in Verse seinen Groll, Stutzt ihn zur Pantomime zu, Und 'fällt's ihm einmal ein zu fechten, 4"° So muß Polonius-Kotzebnc Den Stich empfange» statt des Rechten» So trägt er träumerisch sein Weh', Verhöhnt sich selber insgeheim, Läßt sich verschicken über See Und kehrt mit Stichelreden heim; Verschießt ein Arsenal von Spott, Spricht von geflickten Lnmpcnkön'gen — Doch eine That? Behüte Gottl Nie hat er eine zu bcschön'gen! Bis endlich er die Klinge packt, Ernst zn erfüllen seinen Schwur; Doch ach — das ist im letzten Akt, Und streckt ihn selbst zn Boden nur! Bei den Erschlagnen, die sein Haß Preis gab der Schmach und dem Verderben, Liegt er entseelt, und Fortinbras Rückt klirrend ein, das Reich zn erben. Gottlob, noch sind wir nicht so weit; Vier Akte sahn wir spielen erst! Hab' Acht, Held, daß die Aehnlichkeit Nicht auch im fünften du bewährst! Wir hoffen früh, wir hoffen spät: O raff' dich auf und komm' zu Streiche, Und hilf' entschlossen, weil es geht, Zu ihrem Recht der fleh'nden Leiche. Mach den Moment zn Nutze dir! Noch ist es Zeit — drein mit dem Schwert, Eh mit französischem Rapier Dich schnöd' vergiftet ein Laert! Eh' rasselnd naht ein russisch' Heer, Daß es für sich die Erbschaft nehme! O sieh' dich vor — ich zweifle sehr, Ob diesmal es ans Norweg' käme. Nur ein Entschluß! Ans steht die Bahn — Tritt in die Schranken kühn und dreist I Denk' an den Schwur, den du gethan Und räche deines Vaters Geist! 53 Wozu dies Grübeln für und für? Doch — darf ich schelten, alter Träumer? Bin ich ja selbst ein Stück von dir, Du ew'ger Zauderer und Säumer! Das Gedicht leidet, wie alle Vergleichnngen, an einer gewissen Halbheit. Die deutsche Freiheit — von der Einheit ist keine Rede — ist gemordet, sie steigt bei Nacht aus dem Grabe und verlangt von -— nun wer ist der deutsche Hamlet? Hier ist eine Unklarheit. Und ebensowenig begreift man, wie die heimlich vergiftete Freiheit dieses Geheimniß, das doch zu jener Zeit das Tagesgespräch war, den deutschen Männern, dann wieder dem zweifelnden Zauderer K. ibi. anvertraut und von ihm Rache verlangt. Polonius-Kotzebne muß den Stich empfangen statt des Rechten. Wer ist denn dieser „Rechte"? Welche Person ist denn da gemeint? Auf wen wäre Claudius zu deuten? Im übrigen ist die Auffassung von Hamlets Charakter durchaus geistreich und gelungen und es ist ein Beweis für die Richtigkeit unserer (gemäßigt pessimistischen) Würdigung des Stückes, daß ein dem englischen Geiste so wahlverwandter und der englischen Sprache und Litteratur so kundiger Dichter wie Freiligrath Shakespeares räthselvollste Dichtung so gedeutet hat, wie sie sich dem einfachen, unverkünstelten, von der Hypothesenseuche nicht angesteckten Sinn darstellt. Sechs Jahre nach dem genannten Gedicht, im Jahre 1850, erschien Gervinns Werk über Shakespeare. Der Schiffbrnch der nationalen Hoffnungen legte ihm die Vergleichnng mit Hamlet nahe und bei der Besprechung des Dramas sagt er mit Anknüpfung an Freiligraths Gedicht: „Einer unserer neueren Dichter hat ein Gedicht mit den Worten begonnen: Deutschland ist Hamlet. Und dieser Aussprnch ist in der That ein geistreiches Spiel mit Worten oder verworrenen Vorstellungen. Denn ganz so wie Hamlet sind wir ja bis zu dieser letzten Zeit W0S) I 54 hin zwischen einer hart an uns rückenden Aufgabe rein praktischer Natur und einer herkömmlichen Entwöhnung von Thun und Handeln entwöhnt gewesen" u. s. w. Seien wir froh, daß der deutsche Genius vor dem letzten Akte des Trauerspiels sich noch aufraffte und an Deutschlands Spitze ein geborener Kaiser trat, nicht halb so gelehrt und geistreich, wie sein Vorgänger, aber der Mann auf dem Platz, der Herrscher, nach dem die Zeit seufzte. Hamlet wägt und wägt, aber er wagt nicht; erst wäg's, dann wag's — war Wilhelms I. Wahlsprnch, dem er im Frieden und in drei Kriegen, darunter einer mit dem Zwerg Dänemark, Ehre machte. Natürlich konnte Shakespeare bei seinem Hamlet nicht an Deutsch land denken; denn bis zum 30jährigen Krieg, den er ja nicht mehr erlebte, waren wir ein Volk voll Lebensmuth und Lebensfrische, stolz und selbstbewußt, rasch zur That, gefürchtet und geachtet in ganz Europa. Später wurde es anders. Doch warum alte Wunden aufreißen? Gott schütze uns vor hamletscher Genialität und Geistesrichtung. Er gebe uns recht viele Männer wie Wilhelm I. und sein Enkel, der da ist ein Cäsar auf dem Throne der Cüsaren. . - - ' ' ,, ,