VERGIFTUNG BOR JAS UND D. KATH. GESCHICHTSCH REIB ÜNG 326
Papsttum ausschlachteten 90 , desto zurückhaltender wurden. Dazukam, daß die zunehmende Erstarkung der innerkirchlichenReformbewegung, welche zu einer Läuterung der römischen Kuriewenigstens von den gröbsten Mißbräuchen und zu einer strengerenAuffassung der Pflichten und Aufgaben der Nachfolger Petriführte, auch einen neuen Aufschwung des päpstlichen Ansehensim Gefolge hatte. Man vermochte daher im kirchlichen Lagerden Gedanken nicht mehr zu ertragen, daß je ein Papst die Rolleeines ganz gemeinen Giftmischers gespielt habe, glaubte auch denAndersgläubigen ein solches Zugeständnis nicht mehr machen zudürfen, und da die geschichtlichen Zeugnisse doch zu wuchtigerschienen, als daß man sie kurzerhand zu verwerfen-gewagthätte, so schlug man einen Mittelweg ein, um den Papst doch vorder gröbsten Anklage zu retten, ohne die historische Überlieferungallzusehr zu vergewaltigen. Charakteristisch war hier die Hal-tung der Biographen der Päpste und Kardinäle 91 . Dem ersten Be-arbeiter, dem Dominikaner Ciaconius, zufolge starb Alexan-der VI. ruhig an Altersschwäche 92 , des Giftes geschieht vorsichtiger-weise keine Erwähnung. Dagegen taucht sie in den ZusätzenAndreas Victorellis 93 wenigstens in der schüchternenForm unsicherer Gerüchte auf, während der Jesuit O 1 d o i n iin seinen wichtigen Nachträgen ehrlich genug ist, zu bekennen,daß Alexander dem Gifte erlegen sei, welches Cesare dem Kardi-nale Hadrian und andern reichen Prälaten bereitet hatte, das seidie auf der fast einhelligen Überlieferung italienischer und sogarspanischer Schriftsteller beruhende gemeinsame und beharrlicheAnschauung der gelehrten Welt 94 . Das Gefühl sträube sich jedochvor der Annahme, der Papst sei in das Verbrechen eingeweiht ge-wesen; wohl aber habe sein Sohn ein Leben so bodenloser Ver-worfenheit geführt, daß man ihm jede Ruchlosigkeit ohne weitereszutrauen dürfe. Dies war wohl auch die Meinung des JesuitenJohannes Mariana 95 , welche sich ihm aus dem BerichtedesPeterMartyran den Erzbischof von Granada zu ergebenschien, den eben deshalb auch Oldoini in seine Erläuterungenaufnahm. In den Fußtapfen Oldoinis wandelte der kirchlicheAnnalist Heinrich S p 0 n d a n u s 96 (t 1643); auch er trat fürdie Unschuld des Papstes ein und erklärte die Vergiftung für dasWerk Cesares, welcher es auf das Geld der reichen Kardinäle ab-gesehen hatte. Der Dominikaner AbrahamBzovius (f 1637)