312
ZUM LEBEN UND STERBEN ALEXANDERS VI.
Roderich Borja erfreute. Aber schon Innozenz VIII.schenkte ihm seine volle Gunst, schon er und nicht erst Alexan-der VI. sandte den verheißungsvollen Prälaten nach Britannien,und zwar nicht etwa zur Eintreibung der Guthaben, welche Rode-rich von seinem englischen Aufenthalte als Legatus de latere herdortselbst noch stehen hatte 17 , sondern zur Beilegung der Streitig-keiten des schottischen Königs Jakobs III. mit seinen Unter-tanen. Bei seinem Aufenthalte in England trat Castellesi in naheBeziehungen zu König Heinrich VII. und erlangte infolge-dessen die fettesten englischen Pfründen, so zuletzt noch die Bis-tümer Hereford bzw. Bath und Wells, mit Einkünften, welcheihm zu einem gewaltigen Vermögen verhalfen. Nach Rom zurück-gekehrt, zählte er zu den reichsten Prälaten, der sich von B r a -m a n t e einen prächtigen, noch heute bewunderten Palast er-bauen lassen konnte 18 . War er ehedem der Tischgenosse Inno-zenz' VIII. gewesen, so hielt er sich auch beständig an der SeiteAlexanders VI. auf, bei dem er in höchsten Gnaden stand 18 *. Vonihm wurde er nach dem Tode des Erzbischofs BartholomäusFlores von Cosenza (f 1497) zum Sekretäre der Breven undEnde Mai 1503 zum Kardinale mit dem Titel des hl. Chryso-gonus ernannt, eine Würde, welche er freilich noch mehr viel-leicht als der Gunst des Papstes der reichen Geldspende verdankte,welche er in die habgierigen Hände des Borja gleiten ließ 18b . Aberwie er durch englische Huld die höchsten Sprossen der kirch-lichen Stufenleiter erklommen hatte, so wurde er durch eng-lischen Haß und Neid jäh ins Verderben gestürzt. Schon unterJulius II. begannen die englischen Ränke gegen ihn, welcheihn zu zweimaliger Flucht aus Rom veranlaßten 18c . Auf Betreibendes nach seinen reichen englischen Pfründen lüsternen KardinalsW o 1 s e y , des allmächtigen Ministers Heinrichs VIII., wurdeer von Leo X. 1518 aller seiner Ämter und Würden beraubt;seine kirchliche und politische Rolle war ausgespielt 18 " 5 . Er selbstjedoch glaubte noch an seinen Stern. Still und geduldig lebte erin Venedig 18e , von allem Verkehre zurückgezogen, seinen Studienund seiner Stunde. Auf die überraschende Kunde vom TodeLeos X. (1. Dezember 1521) eilte er, nachdem er sein Gold imFutter seines Gewandes versteckt hatte, nach Rom. Er zweifeltenicht, seine Stunde habe geschlagen. Sie hatte geschlagen. Erwurde unterwegs, wie das Gerücht zäh behauptete, von seinem