Druckschrift 
Peter Delfin : General des Camaldulenserordens (1444 - 1525) ; ein Beitrag zur Geschichte der Kirchenreform, Alexanders VI. und Savonarolas
Entstehung
Seite
258
Einzelbild herunterladen
 

s.58

DELFIN UND SAVONAROLA

)0i

ihm begehren 38 . Kurz, Lorenzo Medici verfügte kaum übersolche Macht und Gewalt wie dieser Frate. Ein Wink von ihm,und alles geschieht. Alles wundert sich darüber, daß eine solcheMenge Volkes zu ihm hält; viele beklagen es, und doch wächstsein Anhang von Tag zu Tag. Gleichwohl ist das, was ich vonihm berichte, noch nichts im Vergleiche zu dem, was man mirimmerfort mitteilt. Fragt man mich nun um meine Meinung, soantworte ich, das Urteil hänge vom Ausgange seiner Voraus-sagungen ab. Ich könne jedoch meine Verwunderung nicht ver-hehlen, daß die Florentiner, obschon allseits von Feinden umringtund durch die unaufhörlichen Ausfälle der Pisaner bedrängt,nicht endlich an eine Besserung ihrer sich täglich verschlechtern-den Lage dächten. Müßte doch das reinste Wunder geschehen,wenn sie auf bisherige Weise durch Ablehnung der AnträgeVenedigs bzw. der Liga ihre verlorenen Besitzungen wiedergewännen. Er, Delfin, meine es mit ihnen gut und könne nurwünschen, sie möchten endlich erkennen, ein Nachbar zur Handsei besser als ein Bruder in der Ferne. Es sei ja möglich, daßder Frate ein Gesandter Gottes sei, ein Glaubenssatz sei diesimmerhin nicht.

Nach verschiedenen Seiten hin verdient dieses Zeugnis Delfinsgrößte Beachtung. Aus seinem eigenen Munde überzeugen wiruns, daß es vor allem politische Rücksichten sind, welche für ihnbei Beurteilung des Frate den Ausschlag geben; daß die Floren-tiner unter Führung des Frate der Liga nicht beitreten und denvenezianischen Wünschen kein Gehör schenken, ist sein größterSchmerz. Wir sehen ferner, daß er an der von neueren Schrift-stellern 39 ins Ungeheuerliche aufgebauschten Kinderpolizei nichtsweiter auszusetzen hat als einige Mißgriffe der Knaben bei Rügedes weiblichen Kopfputzes; von der unerträglichen Tyrannei,welche sie sich der vor ihnen zitternden Bürgerschaft gegenübererlaubt haben sollen, läßt er kein Wort verlauten. Offenbar siehter auch an den von ihnen dem Frate geleisteten Diensten nichtsso besonders Befremdliches, zumal da er ja noch vor kurzemseinem Freunde Barozzi, welcher ein Leben des im Gerüche derHeiligkeit verstorbenen Franziskaners Bernhardin von Feltre vor-bereitete, mitgeteilt hatte, dieser habe, als er einst zu Florenzwährend der Fastenzeit gegen die Juden predigte, eine zahlloseKinderschar zu ihrer Vertreibung aufgestachelt 40 , zur Strafe dafür