GESCHICHTLICHER WERT DER BRIEFE
197
G a n d i a , über die Schandtaten Cesarcs, über die Giftmordedes Vaters und seines ihm ebenbürtigen Sohnes, über das verhäng-nisvolle Gastmahl beim Kardinale Hadrian und den Tod desPapstes 29 , über die politische Tätigkeit oder über die künstlerischeLiebhaberei Julius' IL, über den Musenhof des Medicipapstes,über die unverwelklichen Schöpfungen der großen Meister derZeit näheres zu erfahren, der kommt nicht auf seine Rechnung:einige Andeutungen, einige allgemeine Wendungen, einige längstbekannte Dinge, wie den Einzug des jungen Kardinals Medici inFlorenz und Rom 1492 oder knappe Mitteilung über die Papst-wahl 1492 — das ist alles. Es konnte auf so viel Papier nicht leichtweniger sein. Unter die Geschichtschreiber ist Peter Delfin nichteinzureihen; nicht zu berichten war seine Absicht, sondern sichauszuschweigen.
Das hing nun aber mit der Art seiner schriftstellerischen Tätig-keit aufs engste zusammen. Er schrieb fast nur Briefe. Briefewaren aber bei der damaligen allgemeinen Verkehrsunsicherheitleicht der Gefahr ausgesetzt, in unrechte Hände zu geraten. Wieauch der florentinische Gesandte Philipp Valori aus Roman die Signorie schrieb 30 , die näheren Einzelheiten der schänd-lichen Wahl des Borjapapstes ließen sich dem Briefe nicht an-vertrauen, sondern nur mündlich mitteilen, so stoßen wir in denBriefen Delfins wiederholt auf die Bemerkung: Das kann mannicht schreiben, sondern nur mündlich berichten 31 . Sich nun garüber die römischen Greuel (flagitia) in Schriftstücken auszulassen,aus welchen sich, wenn sie etwa unterwegs von Gegnern geraubtwurden, ein Strick für den Verfasser drehen ließ — welche Un-vorsichtigkeit 32 ! Nach all dem wird es nicht wundernehmen,wenn die Briefe Delfins, und zwar die gedruckten immer nur imZusammenhalte mit den ungedruckten, allerdings für die Ge-schichte Delfins, des Ordens, der einzelnen Ordenshäuser undOrdensglieder eine unversiegliche Quelle bilden, für die Zeit-geschichte aber nur von geringer Bedeutung sind. Es hatte daherseinen sehr guten Grund, wenn die Annalisten des Ordens ihrVorhaben, auch die ungedruckten Briefe herauszugeben 33 , nichtzur Ausführung brachten. Sie machten zwar von ihnen pflicht-gemäß reichen Gebrauch, hielten damit aber ihren Zweck schließ-lich für erschöpft, zumal da sie keinen Grund hatten, die heiklenDinge, welche Delfin wohlbedacht der Vergessenheit überant-