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VI
VORWORT
brachte der Camaldulensergeneral eben die Voraussetzung mit,welche nach beliebter Ansicht die unerläßliche Vorbedingungfruchtbarer Reformarbeit bildet. Was erreichte denn er? SeineOrdensreform endete mit seiner kläglichen Absetzung. In derKirchenreform hatte er zuletzt noch die höchsten Erwartungenauf Hadrian VI. gesetzt. Als er auch sie durch den frühen Toddes deutschen Papstes vereitelt sah, begrub er seine Reformgedan-ken für immer, und nur mehr die eine Stimmung weht uns fortanaus seinen Briefen entgegen: Laßt alle Hoffnung fahren!
Wer dann etwa an der Hand gegenwärtiger Blätter die Über-zeugung gewinnen sollte, Delfin habe eben trotz besten Willensder tiefen Einsicht, des weiten Blickes und der zähen Tatkraftermangelt, wie sie zu einem so schwierigen Unternehmen durch-aus erforderlich waren, der stößt in Delfms Landsleuten undOrdensgenossen Peter Quirin und Paul Justinian auf Reform-freunde, welche gerade die ihrem Oberen abgehenden Eigen-schaften in reichem Maße besaßen. Sie durften dem ihnen auf-richtig gewogenen Leo X. gleich nach seiner Erhebung einenbisher fast ganz unbeachtet gebliebenen, großartig angelegtenReformentwurf überreichen, welcher in manchen Stücken, sobesonders in seinem warmen Eintreten für den Gebrauch derMuttersprache im Gottesdienste ganz modern anmutet, ja inseinem Antrage auf Zusammenfassung des gültigen Rechtsstoffesund Ausmerzung alles Veralteten und Überflüssigen den CodexJuris Canonici Pius' X. vorwegnimmt. Mit Peter Delfin wett-eiferten die beiden Einsiedler in grenzenloser Ergebenheit fürden Hl. Stuhl; mit ihm waren sie eins in der Verdammung deswiderspenstigen Ferraresen. Wenn jemand, so schienen sie sichdie reichsten Erfolge zum Heile der Kirche versprechen zu dürfen.Was erreichten denn sie? Blieb es schon fraglich, ob derPapst ihre langatmige Abhandlung je auch nur gelesen habe, sobereitete er all ihren Absichten, Aussichten und kühnen Plänenmit dem Bestreben seiner mediceischen Verwandten in Florenzein jähes Ende, die dem Römischen Stuhle unheimliche Predigtvon der Notwendigkeit einer Kirchenreform nachgerade alsKetzerei zu verdammen. Jedenfalls lehrte das Beispiel Delfinsund seiner beiden Genossen, daß in selbstverleugnender Hin-gebung an Rom das Allheilmittel gegen die Schäden der Kirchenicht lag. Aber wo lag es dann? Dann blieben, sollte diese nicht