I. Das Marktviertel und die Entstehung der Laubengänge
Unter allen deutschen Marktplätzen steht der zu Münsterin Westfalen für sich allein. Oft ist ihm der Schönheitspreiszuerkannt, oft seine Eigenart erörtert worden; doch nichtgenug. Mir, dessen großväterliches Haus (Prinzipal»markt 35) zu den schönsten Giebelbauten gezählt wird, warvon Kindsbeinen an die Entstehung des Platzes ein Rätsel,dessen Lösung mich mein ganzes Leben hindurch beschäftigte.Das um so mehr, als ich an der Stelle geboren war und auf«wuchs, wo einer der Schlüssel zu dem Probleme liegt.
Der Michaelisplatz ist eigentlich kein „Platz", höchstenseiner etwa vom Range des Gülichplatzes in Köln. Er warund ist eine schmale Gasse, durch die man hastet, sei es in derRichtung zum Rathausgiebel hin, dem schönsten in deutschenLanden, sei es entgegengesetzt zu den Linden des Domplatzes.Von den Fenstern des Elternhauses genoß ich lange dasBild, das der eilende Fußgänger sonst nur auf Augenblickebeobachtet.
Das seit 150 Jahren verschwundene Michaelistor, dasmit der einen Kante an die Ecke des elterlichen Grundstückesstieß und das jahrhundertlang zur Nachtzeit geschlossenwurde, deckte den Hauptzugang zum ältesten Raume derkirchlichen wie rechtlichen Geschichte Münsters — zur Dom«lun.mnität. Noch heute ist der Domplatz der Sitz der höchstenBehörden — der Autoritäten in Staat und Kirche. Diemilitärische Front des einstigen Tores richtete sich gegen das