Druckschrift 
1 (1923)
Entstehung
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Einleitung

Die Darstellung der Geschichte der menschlichen Kultur bautsich auf kärglichen, ja äußerst bescheidenen Bausteinen vonsehr verschiedener, oft recht fragwürdiger Tragfähigkeit auf. Sohoch auch die Kunst entwickelt ward, dieses Material zu verwerten,so haftet doch der Kulturgeschichte noch immer der Durst nachintimen Quellen an, der Hunger nach Zeugnissen für das innere Lebeneinzelner Menschen. Da war die Bürgerschaft zwar besser daranals der Bauer, von dessen Hand keine Briefe geschrieben wurden,aber für die Zeiten des Mittelalters wissen wir Intimeres nur vomKlerus, den Fürsten und dem Adel, deren Archive ja am besten er-halten sind und doch wenigstens dann und wann einen Einblick indie Denkweise bieten. Die städtischen Archive behielten Akten vonBehörden auf; gewiß kennen wir einzelne Bürger aus Prozeßaktengenauer; aber wer möchte nur nach einer solchen Quelle be-urteilt sein?

Für den Kaufmannsstand, für die Geschichte des Handels ist dasMaterial der früheren Jahrhunderte äußerst dürftig, es sind ge-legentliche Erwähnungen, bestenfalls ein Zolltarif. Aber wer kannsagen, woher die Ware kam, wohin sie ging, ob sie dem Zöllner oftunter die Augen kam oder fast nie? Es heißt da die Kombinations-gabe aufs Äußerste anspannen, und doch bleibt ein ernster Geschicht-schreiber des Handels sich der Zweifel bewußt, und einer einzelnenPersönlichkeit in die Seele zu schauen ist ihm nie oder höchst seltenvergönnt gewesen. Alle Zeugnisse, die er benutzte, reden über denKaufmann, dessen eigene Worte kommen aus jenen Zeiten nicht anunser Ohr.

Das wird für das Spätmittelalter durch die städtischen Archivebesser. Die urkundlichen Zeugnisse mehren sich, und wenigstens hierund da ist ein Geschäftsbuch oder ein Brief der Stadt in kauf-männischen Angelegenheiten erhalten oder birgt gar ein Archiv Brief eeines Kaufmanns. In diesen Zeugnissen entschleiert sich in etwa diePersönlichkeit. Aber die Geschäftsbücher sind vereinzelt, sie habenentweder in einer schweren Anklage dem Gerichte vorgelegen, wiedas Geschäftsbuch Wittenborgs, dieses Bürgermeisters von Lübeck,der seine Schuld mit dem Tode büßteer wurde überführt, währendeines Krieges mit dem Feinde Geschäfte getrieben zu haben oderan anderem Orte hob die Familie sie auf, um, wie es die Peruzzivon Florenz noch nach sechs Jahrhunderten taten, die Beweismittel

Schulte, Oesch. d. Ravensburger Handelsges. I. 1

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