Druckschrift 
Die öffentlichen Bibliotheken und die schöne Literatur : mit besonderer Beziehung auf die Coelner Stadtbibliothek
Entstehung
Seite
5
Einzelbild herunterladen
 

oo

sie hat mit ihr nur gemein, dass Gedanke und Form durchdie Schrift festgelegt und verbreitet werden. Ihrem We-sen nach ist die Dichtung an diese äussere Form, welchefür oberflächliche Betrachtung eine klare Scheidung er-schwert, nicht einmal notwendig gebunden. Dennjedesecht künstlerische Schaffen", sagt H. St. Chamberlain inseinenGrundlagen des 19. Jahrhunderts",unterliegtdem unbedingten Primate der Poesie", sie istder schöp-ferische Herd auch derjenigen Kunstwerke, welche nichtunmittelbar an sie sich anlehnen". So lässt sich ihre Rang-stellung unter den Künsten wohl am ehesten derjenigenvergleichen, welche für die Philosophie unter den Wissen-schaften beansprucht wird. Und da die Vermittelung undVerbreitung des poetischen Kunstwerks im eigentlichenSinne, wenn wir von der Bühne hier absehen, heutzutageregelmässig durch den Buchstaben, die Druckschrift, ge-schieht, so ergibt sich für diese Seite der Kunstpflege vonselbst die Aufgabe, welche die Bibliothek in gewissemSinne auch als Kunstsammlung erfüllen muss.

Es liegt im Wesen der grossen Sammlungen für Wis-senschaft und Kunst, dass sie sich eine gewisse Unab-hängigkeit von dem Wechsel des Geschmackes und vonder Meinung des Tages bewahren, denn ihre Beamten ar-beiten als Sammler, Ordner und Erklärer für Jahrhunderte,und zwar mit vollem Bedachte auch in Zeiten, wo ein ge-wichtiger Teil ihrer Berufsarbeit eine unmittelbare Bedeut-ung oder gar Anerkennung nicht gewinnen kann; sie kennensolcheKursschwankungen", über welche, soweit es sichum die Benutzung der einzelnen Büchergruppen öffent-licher Bibliotheken handelt, eine entwickeltere Statistikspäterer Zeiten Aufschluss geben muss. Sie wird auch denNachweis erbringen helfen, dass die Poesie heute nebenihren Schwesterkünsten eine recht bescheidene Rolle zuspielen hat. Ein bedenkliches Anzeichen war schon dasgewaltige Aufsehen, das durch die Dotierung eines unsererersten Lyriker mit einem bescheidenen Jahrgehalte hervor-gerufen wurde. Und welch breiten Raum neben den bil-denden Künsten heute Schauspiel und Musik beanspruchen,ist bekannt genug; Schauen und Lauschen wird dem Lesen